Ruhebewahren für Fortgeschrittene

Man kennt Guy Delisle als Weltenbummler, der haarscharf die Details der Kulturen seziert und dabei keine Scheu hat, arglos wie ein Kind auf Ungereimtheiten zu zeigen. Der Zeichenreporter dokumentierte seine Erlebnisse in Jerusalem, Pjöngjang, Shenzhen und Birma. In seinem aktuellen Werk „Geisel“, das nun in der deutschen Übersetzung vorliegt, fließen keine Selbstporträts aus seiner Bleistiftspitze: Der Franko-Kanadier bringt den Verlauf einer Entführung zu Papier und macht den Leser zum stillen Teilnehmer. „Ruhebewahren für Fortgeschrittene“ weiterlesen

Alle lieben Haifisch

Weil Liebe keinen Preis hat, wie der Heilige Hieronymus in einem Brief an seinen Freund Rufin feststellte, war Anna Haifisch beim Erlanger Comicsalon dieses Jahr leer ausgegangen. Von der Moderatorin bis zur Max und Moritz-Gewinnerin hatten doch alle klar gesagt und bekannt, dass der beste deutsche Comic des Jahres Haifischs Erstling „Von Spatz“, erschienen beim kleinen Kasseler Rotopol-Verlag, gewesen sei. Was ja stimmt. Und dass ihre gerade bei Reprodukt herausgekommenen The Artist-Strips die ganze Community  schon begeistert hat, als sie noch, Woche für Woche, als Comic-Kolummne im Vice-Magazin herauskam. Was ja auch wahr ist.  Ebenso, wie, dass sich alle freuen, dass diese auto- und metierreflexive Serie in eine weitere Runde gegangen ist.

Alle lieben also Anna Haifisch. Und die muss mit dieser Last jetzt leben. Dazu noch den Ruhm eines Preises zu tragen, gleich für das erste, abendfüllende Album – das hätte die Jury der jungen Frau offenbar nicht zumuten mögen. Das ist sehr human. „Alle lieben Haifisch“ weiterlesen

In der Talentschmiede

Hamburg ist nicht die auffälligste unter den Comicstädten, aber doch eine der innovativsten – und irgendwie auch die nachhaltigste. Klar, da sind Verlagsgrößen wie Carlsen. Und wenn sich gerade wieder internationale KünstlerInnen zu den Graphic-Novel-Tagen die Klinke des Literaturhauses in die Hand geben, dann weht kurz auch ein Hauch von weiter Comicwelt. Was den Standort aber wichtig macht, ist seine Nachwuchsförderung. Hamburgs Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) ist heute eine Talentschmiede, in der junge KünstlerInnen das Comic-Handwerk nicht nur erlernen – sondern es immer wieder auf den Kopf stellen. „In der Talentschmiede“ weiterlesen

Ganz bestimmt kein Bilderbuch

Dass Comics sind Kinderkram seien, war bis vor ein paar Jahren zumindest hierzulande noch unbestritten. Da lagen „Micky Maus“ und „Yps“ im Supermarktregal, und wer als Ausgewachsener noch einen Comic in die Hand nahm, der griff zu „Asterix“– weil er den eben als Kind schon so gerne las. Doch seit Comics Graphic Novels heißen, im Feuilleton besprochen werden und immer öfter auch Ausstellungen bespielen, da macht ein Verlag wie Reprodukt plötzlich Furore damit, eine völlig neue Sparte ins Programm zu nehmen: Comics für Kinder. „Ganz bestimmt kein Bilderbuch“ weiterlesen

Big Bird in den Tropen

Zum Schluss wird es fast ein wenig pathetisch. In den letzten Panels nämlich lässt Sascha Hommer den, bei aller radikaler Reduktion doch noch gut erkennbaren, Big Bird, diese überlebensgroße gelbe Figur aus der Sesamstraße, eine Abschiedsrede halten. In den USA war der Riesenvogel immer die populärste Figur der TV-Serie neben Kermit. In Deutschland trug er den Namen Bibo, und der NDR hatte ihn Anfang der 1980er-Jahre weitgehend eliminiert. In Hommers Comic-Erzählung „In China“ aber, die in einer Ausstellung im Hamburger Hinterconti vorgestellt wird, bekommt Bibo einen großen Auftritt.

„Big Bird in den Tropen“ weiterlesen

„Man sieht nichts“

Frau Abirached, Ihr Buch „Ich erinnere mich“ schwingt zwischen kollektiven quasi globalen, andererseits sehr stark durch den libanesischen Bürgerkrieg geprägten – und schließlich sehr persönlichen, intimen Erinnerungen…

Zeina Abirached: Tatsächlich hatte ich erst vor, meine persönlichen Erinnerungen aufzuschreiben. Dabei habe ich aber festgestellt, wie wenig die sich vom kollektiven Gedächtnis oder den Bürgerkriegserfahrungen lösen lassen: Wenn während der gesamten Kindheit Krieg ist, „„Man sieht nichts““ weiterlesen

Der letzte Kreis der Hölle

Manchmal gibts das in den Künsten: Da taucht ein Werk auf – und ab dann ist plötzlich alles anders. Es lässt sich nicht mehr so malen, singen oder schreiben wie früher. Die Sprache der Kunst und der Welt haben sich geändert, sind neu geworden: So, wie es nach Dantes Göttlicher Komödie plötzlich Italienisch gab und moderne, also neuzeitliche Literatur.

Das ist nun auch im Comic passiert: Manu Larcenet schöpft in seiner Tetralogie „Blast“ das gesamte gestalterische Vokabular dieser Kunst aus. Er – das ist das Gegenteil von Eklektizismus – verwandelt es sich und seiner Erzählung an. Und es ist eine Höllenfahrt, auf die Larcenet seinen adipösen Protagonisten vor fünf Jahren mit dem ersten Teil, „Masse“, geschickt hatte, und die sich im nun vorgelegten vierten Band – „Hoffentlich irren sich die Buddhisten“ – vollendet: Polza Mancini heißt er. Er ist ein Aussteiger ohne jedes Hippie-Pathos: Mancini Mitte-Ende 30, verlässt sein bürgerliches Leben und wird Penner, als er sich am Bett seines sterbenden Vaters auf der Krebsstation wiederfindet. „Noch am selben Tag und zum ersten Mal in meinem Leben, kam der Blast über mich“, berichtet er. „Der letzte Kreis der Hölle“ weiterlesen