Ruhebewahren für Fortgeschrittene

Man kennt Guy Delisle als Weltenbummler, der haarscharf die Details der Kulturen seziert und dabei keine Scheu hat, arglos wie ein Kind auf Ungereimtheiten zu zeigen. Der Zeichenreporter dokumentierte seine Erlebnisse in Jerusalem, Pjöngjang, Shenzhen und Birma. In seinem aktuellen Werk „Geisel“, das nun in der deutschen Übersetzung vorliegt, fließen keine Selbstporträts aus seiner Bleistiftspitze: Der Franko-Kanadier bringt den Verlauf einer Entführung zu Papier und macht den Leser zum stillen Teilnehmer. „Ruhebewahren für Fortgeschrittene“ weiterlesen

Familienhölle, die alle meint

Was wirklich schmerzt, steht gar nicht drin in diesem Comic. Dabei mangelt es ihm nicht an Grausamkeiten: Da ist ein Knabe, dessen kaltherzige Oma ihn einsperrt, prügelt und ihn gegen seinen Willen als Mädchen aufzieht. Da ist Opas besoffener Besucher, der unbedingt mit ihm „Hoppe hoppe Reiter“ spielen will. Und da sind die Jungs von nebenan, die ihm mit gezücktem Taschenmesser versuchen, im das Kleid vom Körper zu reißen. All das treibt die Geschichte voran, weil es eben ein Junge ist, der diese sexualisierte Gewalt erfährt – weil seine Enttarnung auf dem Spiel steht. Richtig bitter aber ist, dass der Terror für viele tatsächliche Mädchen völlig alltäglich ist. „Familienhölle, die alle meint“ weiterlesen

Noch immer nichts zu lachen

Obwohl sein eigener Autor, Alan Moore, das dünne Büchlein erklärtermaßen nicht besonders leiden kann, ist „The Killing Joke“ eine der wichtigsten Batman-Geschichten aller Zeiten. Je nachdem, wen man so fragt, liegt das entweder an Moores philosophischem Gebrasel über Macht und Moral (das war damals eben so üblich), oder daran, wie einfühlsam und psychologisch klug konstruiert Moores Joker rüber kam. Oder aber – und das ist angesichts der am Wochenende an den Start gegangenen Verfilmung das einzig interessante – weil der Band eine Sexismusdebatte losgetreten hat, die einer ganzen Autoren-Generation nachhaltig in den Arsch getreten hat. Nur bei den Machern des Films ist sie offenbar nicht angekommen. Sie wollten zwar irgendwas besser machen, hatten sie erklärt. Am Ende ist dann aber erst mit ihrer Hilfe eine richtige Vollkatastrophe aus Moores problematischem Comic-Klassiker geworden. „Noch immer nichts zu lachen“ weiterlesen

Sieg und Scheitern der Suffragetten

Wer die Geschichte der Suffragetten-Bewegung als heroisch-solidarischen Aufbruch der „einfachen Frauen“ serviert bekommen will, muss ins Kino gehen. Im Comic „Sally Heathcote – Suffragette“ dagegen, der im Deutschen unter dem sperrigen Titel „Votes for Women. Der Marsch der Suffragetten“ bei Egmont erschienen ist, bleibt die Spannung und die Dynamik der frühen Frauenbewegung erhalten. Seine Autorin, die Historikerin Mary M. Talbot macht sie auch erzähltechnisch schon in der Exposition mit harten Übergängen regelrecht spürbar: Die ersten fünf Seiten des ersten Kapitels spielen an vier unterschiedlichen Schauplätzen, sie springen vom Herbst 1969 in den Sommer 1912, um dann vom 5. Oktober 1912, dem historischen Datum des  Bruchs zwischen den historischen Frauenrechts-Ikonen Emmeline Pankhurst und dem Feministen-Ehepaar Emmeline und Frederick Pethick-Lawrence, via Rückblende in den Frühling 1898 zu switchen. Dort endlich ist der Startpunkt der Erzählchronologie erreicht.

Die folgt Sally Heathcotes Biografie. Und in jenem Jahr kommt die fiktive Protagonistin in den großbürgerlichen Haushalt der realen Standesbeamtin Pankhurst, als Dienstmädchen. Durch ihre Biografie und durch ihre Augen lässt Talbot die LeserInnen die Komplexität der Bewegung erleben – ihre Momente berauschender und machtvoller Solidarität ebenso wie ihre Zerwürfnisse, ihre herzzerreißenden Machtkämpfe und die Klassengegensätze, an denen sie letztlich, wenn sie mehr hätte sein sollen, als die Lösung eines Nebenwiderspruchs, siegreich gescheitert ist.

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