Die sture Lok

Emil Zátopek ist in Tschechien Nationalheld. Seine kürzlich als Comic erschienene Lebensgeschichte steht für die Kämpfe, die das Lande im vergangenen Jahrhundert mit Hitler im Westen und Stalin im Osten zu führen hatte. Im Rest der Welt ist Zátopek immerhin eine Sportlegende: 1952 gewinnt der Läufer, von nun an bekannt als „die tschechische Lokomotive“, in Helsinki gleich drei mal olympisches Gold: 5.000 Meter, 10.000 und dann noch im Marathon – seiem allerersten.

Doch weil auch Helden irgendwann das Vergessen droht, wenn man nichts dagegen tut, hat man 2016 zum Zátopek-Jahr ernannt. Auch seine Comic-Biographie, die Jan Novák geschrieben und Jaromír „Jaromír 99“ Švejdík gezeichnet hat, wurde darum vom tschechischen Kultusministerium gefödert. „Die sture Lok“ weiterlesen

Von Katastrophe zu Katastrophe

Unsterblich ist Rodolphe Töpffers Comic-Werk. Und doch kennen es nur die Wenigsten. Als laste ein Fluch auf ihm, geht es immer wieder unter. Dann erreicht es, von Nachzeichnern verstümmelt, von Verlegern vergewaltigt und von Raubkopierern verramscht, ungeahnte Popularität. Es feiert, auf Grundlage derartiger Plagiate, mal als Pop-Song, mal als Musical in den Niederlanden Triumphe –  und wird andernorts wieder vom unerbittlichen Monster, den Zeitläuften verschluckt. Woraufhin es ganz unerwartet, schwer übersetzungsbeschädigt und bereits halbverdaut an fernen Gestaden wieder ans Tageslicht tritt,   in Finnland,  unter falschem Namen  und  nachdem ihm auf dem Weg durch Frankreich, Deutschland und Schweden sämtliche identitätsstiftende Attribute abgenommen wurden. Der Autor kann sich ja nicht wehren: Schließlich ist er am 8. Juni  1846 gestorben, in Zeiten eines allenfalls rudimentären und noch ganz an Ländergrenzen gebundenen Urheberrechts.

Rodolphe Töpffer darf nicht nur nach Einschätzung des Bande Dessinée-Semiotikers Thierry Groensteen als Erfinder des Comics gelten.  Nun ist die Durchsetzung dieses Mediums zumal in Deutschland alles andere als glatt gelaufen.  Und möglicherweise weist deshalb die Geschichte der Rezeption seines Œuvres eine ähnliche Struktur auf, wie die Lebensläufe seiner Protagonisten.  „Von Katastrophe zu Katastrophe“ weiterlesen

Sieg und Scheitern der Suffragetten

Wer die Geschichte der Suffragetten-Bewegung als heroisch-solidarischen Aufbruch der „einfachen Frauen“ serviert bekommen will, muss ins Kino gehen. Im Comic „Sally Heathcote – Suffragette“ dagegen, der im Deutschen unter dem sperrigen Titel „Votes for Women. Der Marsch der Suffragetten“ bei Egmont erschienen ist, bleibt die Spannung und die Dynamik der frühen Frauenbewegung erhalten. Seine Autorin, die Historikerin Mary M. Talbot macht sie auch erzähltechnisch schon in der Exposition mit harten Übergängen regelrecht spürbar: Die ersten fünf Seiten des ersten Kapitels spielen an vier unterschiedlichen Schauplätzen, sie springen vom Herbst 1969 in den Sommer 1912, um dann vom 5. Oktober 1912, dem historischen Datum des  Bruchs zwischen den historischen Frauenrechts-Ikonen Emmeline Pankhurst und dem Feministen-Ehepaar Emmeline und Frederick Pethick-Lawrence, via Rückblende in den Frühling 1898 zu switchen. Dort endlich ist der Startpunkt der Erzählchronologie erreicht.

Die folgt Sally Heathcotes Biografie. Und in jenem Jahr kommt die fiktive Protagonistin in den großbürgerlichen Haushalt der realen Standesbeamtin Pankhurst, als Dienstmädchen. Durch ihre Biografie und durch ihre Augen lässt Talbot die LeserInnen die Komplexität der Bewegung erleben – ihre Momente berauschender und machtvoller Solidarität ebenso wie ihre Zerwürfnisse, ihre herzzerreißenden Machtkämpfe und die Klassengegensätze, an denen sie letztlich, wenn sie mehr hätte sein sollen, als die Lösung eines Nebenwiderspruchs, siegreich gescheitert ist.

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