Der Mann, der die Comics liebte

Manches lässt sich mit Bildern einfach besser sagen als mit Text. Vor allem traurige Sachen. Rautie, einer der produktivsten und bekanntesten Künstler der Independent-Comicszene, hat  Bert Dahlmann gezeichnet, und zwar mit Heiligenschein und auf einer Wolke, und statt einer Harfe oder einer Lyra, die ein Putto zwangsläufig hielte, hat er ihm ein mehrfach kadriertes Blatt in die Hand gedrückt: vier kleinen Quadrate oben, plus – splash! – ein doppelt so großes Panel im Seitenkeller, also richtig mit eigenen Rhythmus und Dramaturgie, so, wie ein guter Strip funktioniert.

Und damit ist auch das Wesentliche mitgeteilt, mit einem Lächeln – obwohl es an Tristesse kaum zu überbieten ist, dass es immer die Falschen erwischt und die besten zuerst: Bert Dahlmann ist tot. Und auch, wer gar nichts weiß, ahnt dank des Bildes: Der am 18. November 1963 geborene Bremer hatte viel mit Comics zu tun. Und er hatte ein engelsgleiches Händchen für dieses faszinierende Bi-Medium, dessen Textbildalchemie alles – Zeit, Raum, Welt und Logik – neu zu ordnen vermag.

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Der Comic ist die Rettung

Im Anfang ist die Zersplitterung: Als Projektionen geistern, fragmentiert, in Ultra-Nahaufnahme, die Gesichter der SpielerInnen, hier ein Auge, da ein Mund, über die in riesige Rahmen gespannten Leinwände, hinter denen sich zugleich ihre Silhouetten bewegen. Die ganze Bühne beherrscht diese verwinkelte Holzkonstruktion, die wirkt wie die vage Erinnerung an eine expressionistische Stadt. Oder wie chaotisierte, ineinander geschobene und in die Dreidimensionalität getretene Comic-Panels: Die ganze Welt ist aus den Fugen, hier, im Moks, der Spielstätte der Jugendsparte des Bremer Theaters. Von irgendwo schräg hinten kratzt röchelnd eine Geige. Immer wieder sprotzt sie denselben verendenden Ton in den dunklen Raum. „Der Comic ist die Rettung“ weiterlesen

Keine Helden, keine Monster

Erst auf den zweiten Blick verlieren die Zeichnungen den Sinn: Gerade noch war hier ein Totenkopf, dort ein Finger mit lackiertem Nagel. Aber nichts davon ist wirklich auf den Grafiken der New Yorker Künstlerin Rosaire Appel abgebildet. Und was geübte ComicleserInnen für Schrift halten müssen, entpuppt sich als bedeutungslose Zeichenkette. Es handelt sich nicht um eine fremde Sprache, sondern lediglich um Formen in Panels.

Zu sehen sind diese abstrakten Comics derzeit im Bremer „Projektraum 404”. Galerist Gregor Straube widmet sich hier seit eineinhalb Jahren nicht nur, aber vor allem dem Comic, dessen künstlerische Bandbreite er von den Rändern her erschließt. Out­sider-Art hat er bereits gezeigt und mit den Kollektiven „Habeas Corpus“ und „Nos Restes“ Szenegrößen des Belgischen Indie-Comics ausgestellt: brutale Geschichten mit Sex und pissenden Monstern. Doch die abstrakten Formen sind nicht weniger aufregend. Es ist die bisher größte Ausstellung der Galerie – zu groß für die nur zwei kleinen Räume und darum auf drei Etappen verteilt. An diesem Wochenende eröffnet Straube den abschließenden dritten Teil.

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Comics, die keiner kennt

Erbaulich sind die Comics des Belgiers Carl Roosens nicht gerade: Auf vollgestopften Zeichnungen wimmelt es von Gestalten mit verzerrten Fratzen, die es wenig lustvoll miteinander treiben. Ein nackter Riese mit Dreitagebart hebt spielerisch ein parkendes Auto in die Luft, während er einem anderen aufs Dach pisst. Die Szenen sind roh und skizzenhaft, spiegeln eher alptraumhafte Eindrücke als linear erzählte Geschichten.

Zumindest diese Station der Ausstellung „Belgische Independent-Comics – Zwischen Alltagskultur und Avantgarde“ im „Projektraum 404“ weckt Erinnerungen an die Zeit, bevor die Comics es sich unter dem Label „Graphic Novel“ im Kulturbetrieb gemütlich gemacht haben. Und natürlich ist das Absicht.

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Heimeliges im All

Eine einsame Gestalt in futuristischer Kleidung blickt in eine unwirtliche Landschaft, die nicht Teil dieser Welt ist. An einer zerklüfteten Felsformation kleben Gebäude, die aus der Ferne an Insektenbauten erinnern. Und doch liegt in der Fremdartigkeit etwas Einladendes und Vertrautes: die in Motiven bewahrte Science-Fiction-Tradition des vergangenen Jahrhunderts.

Die Ausstellung „Nerd Werk“ der Bremer Künstlerin Miriam Esdohr ist eine Fundgrube solcher Erinnerungen an Nie-Gewesenes. Auf den derzeit im Martinsclub ausgestellten Acrylgemälden ist kaum Szenisches zu sehen, aber aus Erfahrung weiß der Betrachter, dass ein Abenteuer unmittelbar bevorsteht. Denn kein Film und erst recht kein Computerspiel entwirft fremde Planeten um ihrer selbst Willen.

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