„Dinge, die sich nie ändern“

»Trotz alledem musst du wissen, Matt, es gibt Dinge, die werden sich leider nie ändern«, sagt ein »alter weiser Kapitän«, der namenlos bleibt, 1879 zu seinem Schiffsjungen Matthew Henson, einem schwarzen Jugendlichen, der aufgrund seiner Hautfarbe von anderen  Besatzungsmitgliedern verprügelt wurde. Henson hatte auf dem Schiff angeheuert, nachdem seine Eltern vom Ku-Klux-Klan an einem Baum aufgeknüpft worden sind – Alltag im Süden Amerikas in der Mitte des 19. Jahrhunderts. „„Dinge, die sich nie ändern““ weiterlesen

Ein ganz gleiches Paar

Gerade wenn es um Komik geht, weicht der Comic von anderen erzählerischen Künsten auf bemerkenswerte Weise ab. Die nutzen trivialerweise – nein, trivial ist ein zu hartes Wort. Aber: Mit ungleichen Paaren Komik zu erzeugen, ist in der Literatur und im Film der klassische Weg. Das ergibt bereits eine oberflächliche Sichtung: Bei amazon finden sich zu der Phrase 104 Einträge im DVD/BR-Regal. Die ganze neuzeitliche Literaturgeschichte hindurch lacht man über die Wiedergänger von Sancho Pansa und seinen Herrn.  Dass sich für die neuzeitlichen Komik-Theorien Komik „aus einer überraschend wahrgenommenen Inkongruenz“ ergibt, „die auf unterschiedliche Strukturformeln gebracht wird“ konstatiert völlig zurecht auch das handliche Metzler-Literaturlexikon: „Gemeint ist der Kontrast.“ Das weiß eigentlich jeder: Ohne Sganarelle oder Leporello wäre Dom Juan nur ein Fickmonster, ohne Stan wäre Oliver Hardy vermutlich nur dick. Und ohne seinen Herrn bliebe Jacques der Fatalist eine trübe Tasse.

„Der ästhetische Witz, oder der Witz im engsten Sinne“ ist dagegen laut Jean Pauls Vorschule der Ästhetik „der verkleidete Priester, der jedes Paar kopuliert“. Mit Ausnahme derer, die einander gleichen. Im Comic: Ist es genau umgekehrt. Das belegen nun wieder „Kinky und Cosy“, die Nervmädel von Nix, die jetzt auf dem deutschen Markt für Unheil sorgen. „Ein ganz gleiches Paar“ weiterlesen

„Dafür auch noch dankbar sein“

»Asylsuchende, die beschleunigte Asylverfahren durchliefen, waren unfairer Behandlung ausgesetzt und wurden häufig in ungeeigneten Einrichtungen inhaftiert«, heißt es unter anderem im Amnesty-International-Report von 2012 über Finnlands Umgang mit Flüchtlingen. Die Graphic Novel des Finnen Ville Tietäväinen, die sich die europäische Abschottungspolitik zum Thema gemacht hat, blickt statt auf die Politik des eigenen Landes auf das andere Ende Europas, auf die spanischen Küste. „„Dafür auch noch dankbar sein““ weiterlesen

„Der Vergangenheit entsagen“

Ein Comic über die Suche nach einem besseren Leben und das Scheitern daran. Über den Tod, das kleine Glück und die Hoffnung auf eine »Heimat in der Menschheit als Ganzes«. Ein Neunzigjähriger stürzt sich kurz nach der Jahrtausendwende aus dem Fenster eines Seniorenheimes. Antonio Altarriba Lopez, der Vater des Autoren Antonio Altarriba, ist die Verkörperung spanischer Geschichte des 20. Jahrhunderts, die während seines Falls vor den Augen der Leser entfaltet wird. „„Der Vergangenheit entsagen““ weiterlesen

„Die Deutschen haben angegriffen“

Einem Fotoalbum gleich reihen sich die Panels in Florent Sillorays autobiographischem Comic »Auf den Spuren Rogers« aneinander; alte, vergilbte Bilder werden abgelöst von aktuelleren. Zwei Zeitebenen, zwei Perspektiven, eine Familiengeschichte. Als der Großvater Roger stirbt, wird sein Enkel Florent mit einer bislang unbekannten Seite an ihm konfrontiert: »Während meiner gesamten Kindheit hat mir Opa nie vom Krieg erzählt, in keinem der langen Momente, die ich mit ihm verbringen durfte.« „„Die Deutschen haben angegriffen““ weiterlesen

„Schwarz-Weiß ist radikaler“

Sie ist eine der bewusstesten und kritischsten Comic-Künstlerinnen, die ich kenne. Sich mit ihren Einsichten in  und Ideen für die Kunst des Comics zu konfrontieren, empfinde ich als große Bereicherung: Deswegen bringt unser kleines comickritik.de-Magazin hier bereits zum zweiten Mal ein Interview mit Zeina Abirached. Anlass ist, dass ihr großartiger, polyphoner Comic-Roman „Piano Oriental“ schon jetzt vom Avant-Verlag auch auf Deutsch herausgegeben worden ist. Ursprünglich war dazu eine klassische Kritik geplant. Aber was Abirached sagt, finde ich viel schlauer, als das, was ich zu ihrem Buch sagen könnte. Und dann war das  Interview nun mal geführt, und  nicht immer sind die Leute, die Interviews meinen, redigieren zu können, dazu auch wirklich in der Lage. In einer gekürzten, aber originalgetreuen Übersetzung aus dem Französischen und vom Telefonmitschnitt in Schrift klingt das Gespräch, das ich am 1. September mit Zeina Abirached geführt habe so:

Frau Abirached, erzählt Piano Oriental eine wahre Geschichte?

Zeina Abirached: Aber ja, das ist wirklich die Geschichte meines Urgroßvaters Abdallah Kamanja.

… ich frage das, weil die Geschichte wirkt, wie eine Parabel.

Das ist auch in Frankreich vielen so gegangen. Und doch ist alles, was ich im Buch erzähle, so passiert, oder so ähnlich. „„Schwarz-Weiß ist radikaler““ weiterlesen

„Knast, der seinen Namen nicht sagt“

»Ach, das Asylantenheim suchense! Sindse sicher, dasse da hinwolln?!«, ruft eine ältere Einwohnerin von Halberstadt auf Paula Bullings Frage nach dem Weg zur Zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber ungläubig aus. »Im Land der Frühaufsteher« beschreibt das Leben von Flüchtlingen in Sachsen-Anhalt, ihren Kampf gegen die Residenzpflicht, vergammelnde Heime, Alltagsrassismus und die drohende Abschiebung. Die Comicreportage problematisiert dabei immer wieder auch die eigene Perspektive der Beobachterin, die nach dem Besuch und Gespräch mit den Bewohnern der Heime in das eigene unkomplizierte und privilegierte Leben zurückkehren kann. „„Knast, der seinen Namen nicht sagt““ weiterlesen

Von Katastrophe zu Katastrophe

Unsterblich ist Rodolphe Töpffers Comic-Werk. Und doch kennen es nur die Wenigsten. Als laste ein Fluch auf ihm, geht es immer wieder unter. Dann erreicht es, von Nachzeichnern verstümmelt, von Verlegern vergewaltigt und von Raubkopierern verramscht, ungeahnte Popularität. Es feiert, auf Grundlage derartiger Plagiate, mal als Pop-Song, mal als Musical in den Niederlanden Triumphe –  und wird andernorts wieder vom unerbittlichen Monster, den Zeitläuften verschluckt. Woraufhin es ganz unerwartet, schwer übersetzungsbeschädigt und bereits halbverdaut an fernen Gestaden wieder ans Tageslicht tritt,   in Finnland,  unter falschem Namen  und  nachdem ihm auf dem Weg durch Frankreich, Deutschland und Schweden sämtliche identitätsstiftende Attribute abgenommen wurden. Der Autor kann sich ja nicht wehren: Schließlich ist er am 8. Juni  1846 gestorben, in Zeiten eines allenfalls rudimentären und noch ganz an Ländergrenzen gebundenen Urheberrechts.

Rodolphe Töpffer darf nicht nur nach Einschätzung des Bande Dessinée-Semiotikers Thierry Groensteen als Erfinder des Comics gelten.  Nun ist die Durchsetzung dieses Mediums zumal in Deutschland alles andere als glatt gelaufen.  Und möglicherweise weist deshalb die Geschichte der Rezeption seines Œuvres eine ähnliche Struktur auf, wie die Lebensläufe seiner Protagonisten.  „Von Katastrophe zu Katastrophe“ weiterlesen

„Er zeichnet genau wie er schreibt“

Herr Schwartz, wie sind Sie selber auf Töpffer gekommen?

Simon Schwartz: Er ist mir tatsächlich erstmals im Studium begegnet – aber nur als Begriff, Rodolphe Töpffer ist gleich: Anfang des Comics. Zeichnungen von ihm habe ich erst später kennen gelernt.

Wie?

Ich bekam eher per Zufall eine Ausgabe aus den 1970ern in die Finger: Die war katastrophal, einmal radikal verkleinert, um mehr als die Hälfte, und dann hatte man eine brutale, schreckliche Schrift in diese Kästchen reingequetscht. Trotzdem haben mich diese Geschichten sofort gekriegt. „„Er zeichnet genau wie er schreibt““ weiterlesen

Wir sind Dickie

Dickie lautet der internationale Name von Boerke. Und Boerke ist die stehende Figur, mit der Pieter de Poortere in Belgien und  den Niederlanden seit 2001 Triumphe feiert:  Schon vor zwei Jahren hat das Brüsseler Stripmuseum das Pieter de Poortere-Auditorium mit einer Boerke-Dauerausstellung eingerichtet, eine Ehre, die neben dem 1976 in Gent geborenen bislang nur Hergé und Peyo zuteil geworden ist, echten Göttern also, auch wenn die Schlümpfe derzeit nicht so hip sind. Jetzt liegt erstmals eine Sammlung von Strips auch in Deutschland vor, sie vereint die in den ersten drei Boerke-Bänden in strengstem Layout erzählten Mini-Dramen: Waffeleisen von 12, manchmal 24  Quadraten, nur im letzten Teil setzt de Poortere mitunter mal ein Splash auf der Fläche von sechs Panels als Schlusspunkt, oder ein Anfangs-Kästchen, in denen stets nur der Name der Hauptfigur in thematischer Typografie steht,  darf sich mal auf die Fläche von drei Quadraten ausdehnen. Natürlich passt in dieses Format die ganze Welt, und, mit enzyklopädischem Hintersinn, trägt das Pendant dieses Bandes in der französischen Ausgabe den Titel „Le petit Dickie illustré“. In Deutsch heißt er, wie die einzelnen Strips auch, so konsequent wie schlicht „Dickie“.

Dass man den Namen für den englischen Sprachraum anpasst, leuchtet ja ein, und erst recht fürs  frankophone Publikum. Denn, wenn das „Boerke“ liest, klingt das erstens wie „beurk!“, und das ist in der Welt der Bande Dessinée seit jeher eine der verbreitetsten Onomatopodings, die ein schwallartiges Erbrechen signalisiert. „Wir sind Dickie“ weiterlesen