Keine Helden, keine Monster

Erst auf den zweiten Blick verlieren die Zeichnungen den Sinn: Gerade noch war hier ein Totenkopf, dort ein Finger mit lackiertem Nagel. Aber nichts davon ist wirklich auf den Grafiken der New Yorker Künstlerin Rosaire Appel abgebildet. Und was geübte ComicleserInnen für Schrift halten müssen, entpuppt sich als bedeutungslose Zeichenkette. Es handelt sich nicht um eine fremde Sprache, sondern lediglich um Formen in Panels.

Zu sehen sind diese abstrakten Comics derzeit im Bremer „Projektraum 404”. Galerist Gregor Straube widmet sich hier seit eineinhalb Jahren nicht nur, aber vor allem dem Comic, dessen künstlerische Bandbreite er von den Rändern her erschließt. Out­sider-Art hat er bereits gezeigt und mit den Kollektiven „Habeas Corpus“ und „Nos Restes“ Szenegrößen des Belgischen Indie-Comics ausgestellt: brutale Geschichten mit Sex und pissenden Monstern. Doch die abstrakten Formen sind nicht weniger aufregend. Es ist die bisher größte Ausstellung der Galerie – zu groß für die nur zwei kleinen Räume und darum auf drei Etappen verteilt. An diesem Wochenende eröffnet Straube den abschließenden dritten Teil.

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Der letzte Kreis der Hölle

Manchmal gibts das in den Künsten: Da taucht ein Werk auf – und ab dann ist plötzlich alles anders. Es lässt sich nicht mehr so malen, singen oder schreiben wie früher. Die Sprache der Kunst und der Welt haben sich geändert, sind neu geworden: So, wie es nach Dantes Göttlicher Komödie plötzlich Italienisch gab und moderne, also neuzeitliche Literatur.

Das ist nun auch im Comic passiert: Manu Larcenet schöpft in seiner Tetralogie „Blast“ das gesamte gestalterische Vokabular dieser Kunst aus. Er – das ist das Gegenteil von Eklektizismus – verwandelt es sich und seiner Erzählung an. Und es ist eine Höllenfahrt, auf die Larcenet seinen adipösen Protagonisten vor fünf Jahren mit dem ersten Teil, „Masse“, geschickt hatte, und die sich im nun vorgelegten vierten Band – „Hoffentlich irren sich die Buddhisten“ – vollendet: Polza Mancini heißt er. Er ist ein Aussteiger ohne jedes Hippie-Pathos: Mancini Mitte-Ende 30, verlässt sein bürgerliches Leben und wird Penner, als er sich am Bett seines sterbenden Vaters auf der Krebsstation wiederfindet. „Noch am selben Tag und zum ersten Mal in meinem Leben, kam der Blast über mich“, berichtet er. „Der letzte Kreis der Hölle“ weiterlesen

Katalog des schönen Scheiterns

Sie sind die tragischen HeldInnen der Pop-Musik: Die one-hit wonders. Tragisch, weil sie mit einer Single Chart-Ruhm und damit verbundene Einnahmen kosten durften, um direkt danach wieder in der Bedeutungslosigkeit zu versinken – oder zumindest diesem einen Erfolg nie wieder auch nur nahe kamen. Doch das Heldenhafte dieser KünstlerInnen ist nicht, dass sie ganz oben waren, sondern ganz im Gegenteil, dass sie zu kurz im Blick der Öffentlichkeit standen, um sichtbar zu scheitern. Statt heute alt und peinlich im Dschungelcamp zu hocken, sind sie einfach nur weg – und haben doch Musikgeschichte geschrieben.

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Comics, die keiner kennt

Erbaulich sind die Comics des Belgiers Carl Roosens nicht gerade: Auf vollgestopften Zeichnungen wimmelt es von Gestalten mit verzerrten Fratzen, die es wenig lustvoll miteinander treiben. Ein nackter Riese mit Dreitagebart hebt spielerisch ein parkendes Auto in die Luft, während er einem anderen aufs Dach pisst. Die Szenen sind roh und skizzenhaft, spiegeln eher alptraumhafte Eindrücke als linear erzählte Geschichten.

Zumindest diese Station der Ausstellung „Belgische Independent-Comics – Zwischen Alltagskultur und Avantgarde“ im „Projektraum 404“ weckt Erinnerungen an die Zeit, bevor die Comics es sich unter dem Label „Graphic Novel“ im Kulturbetrieb gemütlich gemacht haben. Und natürlich ist das Absicht.

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Heimeliges im All

Eine einsame Gestalt in futuristischer Kleidung blickt in eine unwirtliche Landschaft, die nicht Teil dieser Welt ist. An einer zerklüfteten Felsformation kleben Gebäude, die aus der Ferne an Insektenbauten erinnern. Und doch liegt in der Fremdartigkeit etwas Einladendes und Vertrautes: die in Motiven bewahrte Science-Fiction-Tradition des vergangenen Jahrhunderts.

Die Ausstellung „Nerd Werk“ der Bremer Künstlerin Miriam Esdohr ist eine Fundgrube solcher Erinnerungen an Nie-Gewesenes. Auf den derzeit im Martinsclub ausgestellten Acrylgemälden ist kaum Szenisches zu sehen, aber aus Erfahrung weiß der Betrachter, dass ein Abenteuer unmittelbar bevorsteht. Denn kein Film und erst recht kein Computerspiel entwirft fremde Planeten um ihrer selbst Willen.

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