„Ich kann euch alle retten“

»Ich kann euch alle retten, wenn ihr mir Vertrauen schenkt! Ihr müsst einer nach dem anderen in mein Buch eingehen, um vor den Bösewichten in Sicherheit zu sein«, warnt Marc Chagall die anderen Schtetl-Bewohner. Sie alle verschwinden im Skizzenbuch Chagalls. Als nur noch er alleine einem antisemitischen Mob gegenübersteht, der das Schtel niederbrennen will, schwingt Chagall sich mit dem Buch unter dem Arm in den Himmel auf, und schwebt nach Paris. „„Ich kann euch alle retten““ weiterlesen

Wo die Linien nur mühsam halten

Vielleicht liegt es an der Schärfe und Glätte der Zeichnungen, dass der Horror umso deutlicher hervortritt. In den Comics von Charles Burns ist nichts unscharf, die Figuren erscheinen manchmal wie poliert, ihre Züge sind deutlich und klar umrissen – nur dass manchmal eine Nase fehlt oder etwas in ihren Gesichtern wächst, was dort nicht hingehört. Mit „Black Hole“ wurde er in den Nullerjahren international bekannt, jetzt ist sein nächster Zyklus unter dem Titel „Last Look“ erstmals gesammelt erschienen. „Wo die Linien nur mühsam halten“ weiterlesen

Im Namen des Wahnsinns

Ja! Genau! Denkst Du – und fühlst Dich ertappt. Jedenfalls, wenn Du selbst auch schon mal eine Dissertation geschrieben hast, vorzugsweise auch in einer der Geisteswissenschaften. Vom manisch-depressiven Narzissmus der Doktorandin Jeanne Dargan bis hin zur bräsigen, aber machtbewussten Sekretärin im Promotionsbüro: Das alles kommt dir, ja: auch in all seiner Klischeehaftigkeit wunderbar bekannt vor. „Im Namen des Wahnsinns“ weiterlesen

„Dystopischer Blick ins Jahr 2016“

Rassismus, Armut, prekäre Arbeitsverhältnisse, Streik, ein Leben auf der Straße: die Themen des französischen Comiczeichners Baru sind geprägt von einem schonungslosen Blick auf gesellschaftliche Verhältnisse. »Schönes neues Jahr« wagt einen dystopisch gefärbten Blick in die Jahre 2016 und 2047 (ergänzt um eine kurze Story, die inmitten des Nordirland-Konflikt angesiedelt ist), in eine Welt, in der Nicolas Sarkozys Ankündigung, das »gewalttätige Gesindel« in den Banlieues »mit dem Hochdruckreiniger wegzuspritzen«, sich in eine Politik der rassistischen Gettoisierung zugespitzt hat. „„Dystopischer Blick ins Jahr 2016““ weiterlesen

„Der Vergangenheit entsagen“

Ein Comic über die Suche nach einem besseren Leben und das Scheitern daran. Über den Tod, das kleine Glück und die Hoffnung auf eine »Heimat in der Menschheit als Ganzes«. Ein Neunzigjähriger stürzt sich kurz nach der Jahrtausendwende aus dem Fenster eines Seniorenheimes. Antonio Altarriba Lopez, der Vater des Autoren Antonio Altarriba, ist die Verkörperung spanischer Geschichte des 20. Jahrhunderts, die während seines Falls vor den Augen der Leser entfaltet wird. „„Der Vergangenheit entsagen““ weiterlesen

Luther, Tod und Teufel

Jetzt ist angeblich schon wieder ein neuer dazugekommen, aber meine Lektüreliste ist dicht: Drei Luther-Comics sind genug. Zumal alle drei so offenkundig dieselben Quellen nutzen: Moritz Stetter, das Team Johannes Saurer und Ulrike Albers und ebenso das Duo Thomas Dahms und Tobias Wagner beziehen ihr Wissen aus derselben Biografik. Sie haben, wenn überhaupt, dieselben Schriften des Reformators konsultiert. Und sie sind im Gleichschritt dieselben Episoden seiner Vita abgelaufen. Die Lektüre ihrer Werke lässt eine Topik des Luther-Comics erkennen. Was vorkommen muss, ist das Gelübde im Unwetter, der Reichstags-Auftritt und der Tintenfasswurf auf der Wartburg. Am Ende gibt’s mit etwas Glück eine artig zerknirschte Andeutung der „menschlichen Schwächen” – das ist das deutsche Wort für Judenhass. „Luther, Tod und Teufel“ weiterlesen

„Die Deutschen haben angegriffen“

Einem Fotoalbum gleich reihen sich die Panels in Florent Sillorays autobiographischem Comic »Auf den Spuren Rogers« aneinander; alte, vergilbte Bilder werden abgelöst von aktuelleren. Zwei Zeitebenen, zwei Perspektiven, eine Familiengeschichte. Als der Großvater Roger stirbt, wird sein Enkel Florent mit einer bislang unbekannten Seite an ihm konfrontiert: »Während meiner gesamten Kindheit hat mir Opa nie vom Krieg erzählt, in keinem der langen Momente, die ich mit ihm verbringen durfte.« „„Die Deutschen haben angegriffen““ weiterlesen

„Eher schlecht als recht verdrängt“

»Papa sprach nicht von seiner Familie. Oder nur selten. Ihm waren nur drei Fotos geblieben.« Die Kindheit des belgischen Comiczeichners Michel Kichka ist geprägt vom Schweigen des Vaters, der Buchenwald, Bergen-Belsen, Auschwitz und einen Todesmarsch überlebt hat. Vier Kinder bekommt er nach dem Krieg, die die Namen seiner ermordeten Familienmitglieder tragen – jedes Kind ein »Sieg über die Boches«. Ein teuer erkaufter Sieg jedoch. „„Eher schlecht als recht verdrängt““ weiterlesen

„Schwarz-Weiß ist radikaler“

Sie ist eine der bewusstesten und kritischsten Comic-Künstlerinnen, die ich kenne. Sich mit ihren Einsichten in  und Ideen für die Kunst des Comics zu konfrontieren, empfinde ich als große Bereicherung: Deswegen bringt unser kleines comickritik.de-Magazin hier bereits zum zweiten Mal ein Interview mit Zeina Abirached. Anlass ist, dass ihr großartiger, polyphoner Comic-Roman „Piano Oriental“ schon jetzt vom Avant-Verlag auch auf Deutsch herausgegeben worden ist. Ursprünglich war dazu eine klassische Kritik geplant. Aber was Abirached sagt, finde ich viel schlauer, als das, was ich zu ihrem Buch sagen könnte. Und dann war das  Interview nun mal geführt, und  nicht immer sind die Leute, die Interviews meinen, redigieren zu können, dazu auch wirklich in der Lage. In einer gekürzten, aber originalgetreuen Übersetzung aus dem Französischen und vom Telefonmitschnitt in Schrift klingt das Gespräch, das ich am 1. September mit Zeina Abirached geführt habe so:

Frau Abirached, erzählt Piano Oriental eine wahre Geschichte?

Zeina Abirached: Aber ja, das ist wirklich die Geschichte meines Urgroßvaters Abdallah Kamanja.

… ich frage das, weil die Geschichte wirkt, wie eine Parabel.

Das ist auch in Frankreich vielen so gegangen. Und doch ist alles, was ich im Buch erzähle, so passiert, oder so ähnlich. „„Schwarz-Weiß ist radikaler““ weiterlesen

„Wir wollen nur unser Erbe zurück“

»Warschau interessiert mich nicht! Wir wollen nur unser Erbe zurück«, erklärt Regina Segal ihrem Sitznachbarn während des Fluges von Tel Aviv Richtung Polen. Segals Familie gehörte vor der nationalsozialistischen Besatzung eine Immobilie, die sie mit Hilfe ihrer Enkelin Mika, ihre Begleitung auf der Reise in die Familiengeschichte, und eines Warschauer Anwalts zurückerstattet zu bekommen hofft. Bereits während des Fluges stellt sich jedoch heraus, dass das titelgebende »Erbe« mehr umfasst, als lediglich die Restitution früheren Familienbesitzes. Ein solches Erbe ist auch der Staat Israel, der nicht nur symbolisch, sondern ganz konkret in Gestalt des Ben-Gurion-Flughafens den Ausgangspunkt des Comics bildet, den Ort, von dem aus die Familie Segal in ihre eigene Familiengeschichte startet, von der Realität des Sicherheitschecks in die Realität der Vergangenheit. „„Wir wollen nur unser Erbe zurück““ weiterlesen