Noch immer nichts zu lachen

Obwohl sein eigener Autor, Alan Moore, das dünne Büchlein erklärtermaßen nicht besonders leiden kann, ist „The Killing Joke“ eine der wichtigsten Batman-Geschichten aller Zeiten. Je nachdem, wen man so fragt, liegt das entweder an Moores philosophischem Gebrasel über Macht und Moral (das war damals eben so üblich), oder daran, wie einfühlsam und psychologisch klug konstruiert Moores Joker rüber kam. Oder aber – und das ist angesichts der am Wochenende an den Start gegangenen Verfilmung das einzig interessante – weil der Band eine Sexismusdebatte losgetreten hat, die einer ganzen Autoren-Generation nachhaltig in den Arsch getreten hat. Nur bei den Machern des Films ist sie offenbar nicht angekommen. Sie wollten zwar irgendwas besser machen, hatten sie erklärt. Am Ende ist dann aber erst mit ihrer Hilfe eine richtige Vollkatastrophe aus Moores problematischem Comic-Klassiker geworden. „Noch immer nichts zu lachen“ weiterlesen

Alle lieben Haifisch

Weil Liebe keinen Preis hat, wie der Heilige Hieronymus in einem Brief an seinen Freund Rufin feststellte, war Anna Haifisch beim Erlanger Comicsalon dieses Jahr leer ausgegangen. Von der Moderatorin bis zur Max und Moritz-Gewinnerin hatten doch alle klar gesagt und bekannt, dass der beste deutsche Comic des Jahres Haifischs Erstling „Von Spatz“, erschienen beim kleinen Kasseler Rotopol-Verlag, gewesen sei. Was ja stimmt. Und dass ihre gerade bei Reprodukt herausgekommenen The Artist-Strips die ganze Community  schon begeistert hat, als sie noch, Woche für Woche, als Comic-Kolummne im Vice-Magazin herauskam. Was ja auch wahr ist.  Ebenso, wie, dass sich alle freuen, dass diese auto- und metierreflexive Serie in eine weitere Runde gegangen ist.

Alle lieben also Anna Haifisch. Und die muss mit dieser Last jetzt leben. Dazu noch den Ruhm eines Preises zu tragen, gleich für das erste, abendfüllende Album – das hätte die Jury der jungen Frau offenbar nicht zumuten mögen. Das ist sehr human. „Alle lieben Haifisch“ weiterlesen

Die sture Lok

Emil Zátopek ist in Tschechien Nationalheld. Seine kürzlich als Comic erschienene Lebensgeschichte steht für die Kämpfe, die das Lande im vergangenen Jahrhundert mit Hitler im Westen und Stalin im Osten zu führen hatte. Im Rest der Welt ist Zátopek immerhin eine Sportlegende: 1952 gewinnt der Läufer, von nun an bekannt als „die tschechische Lokomotive“, in Helsinki gleich drei mal olympisches Gold: 5.000 Meter, 10.000 und dann noch im Marathon – seiem allerersten.

Doch weil auch Helden irgendwann das Vergessen droht, wenn man nichts dagegen tut, hat man 2016 zum Zátopek-Jahr ernannt. Auch seine Comic-Biographie, die Jan Novák geschrieben und Jaromír „Jaromír 99“ Švejdík gezeichnet hat, wurde darum vom tschechischen Kultusministerium gefödert. „Die sture Lok“ weiterlesen

Der Mann, der zu viel tratschte

Was bisher geschah. Im Jahr 1995 stirbt Hugo Pratt: Seine „Corto Maltese“-Comics  ließen sich immer als ein Schwanengesang des Machismo rezipieren. Hugo Pratts wilde, ungezähmte Zeichenkunst, die dann doch immer wieder in diese rau-zärtliche Skizzenhaftigkeit ausfranste, die Lakonie des Helden und die lauernde Omnipräsenz raubtierhafter Gewalt machten klar: Diese Gestalt hing den Männlichkeitskonstruktionen Jack Londons  und Lebensentwürfen à la Ernest Hemingway nach. Hier blühten sie noch einmal, ein letztes Mal (und zugleich erstmals) in ihrer ganzen Schönheit, die, weil längst die Moderne ihn überflüssig gemacht und die Maschine den starken Mann ersetzt hat,  die Ahnung des Untergangs in einen staub-goldenen Schimmer hüllte, in dem sich die sonst an ihn gebundenen rassistischen und misogynen Denkmuster in nichts auflösten: Antikapitalistisch, libertär – anarchistisch.

Folgerichtig spielten die Geschichten, die sich sonst nur bedingt für Folgerichtigkeit interessieren, an allen nur erdenklichen Krisenschauplätzen, die nur dieses eine Kriterium erfüllen mussten: Die Weltgegend hatte so abgeschieden und technisch so weit rückständig zu sein, dass an ihr  die Tötung des Gegners noch in guter, alter Handarbeit zu erledigen war.
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In der Talentschmiede

Hamburg ist nicht die auffälligste unter den Comicstädten, aber doch eine der innovativsten – und irgendwie auch die nachhaltigste. Klar, da sind Verlagsgrößen wie Carlsen. Und wenn sich gerade wieder internationale KünstlerInnen zu den Graphic-Novel-Tagen die Klinke des Literaturhauses in die Hand geben, dann weht kurz auch ein Hauch von weiter Comicwelt. Was den Standort aber wichtig macht, ist seine Nachwuchsförderung. Hamburgs Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) ist heute eine Talentschmiede, in der junge KünstlerInnen das Comic-Handwerk nicht nur erlernen – sondern es immer wieder auf den Kopf stellen. „In der Talentschmiede“ weiterlesen

Ganz bestimmt kein Bilderbuch

Dass Comics sind Kinderkram seien, war bis vor ein paar Jahren zumindest hierzulande noch unbestritten. Da lagen „Micky Maus“ und „Yps“ im Supermarktregal, und wer als Ausgewachsener noch einen Comic in die Hand nahm, der griff zu „Asterix“– weil er den eben als Kind schon so gerne las. Doch seit Comics Graphic Novels heißen, im Feuilleton besprochen werden und immer öfter auch Ausstellungen bespielen, da macht ein Verlag wie Reprodukt plötzlich Furore damit, eine völlig neue Sparte ins Programm zu nehmen: Comics für Kinder. „Ganz bestimmt kein Bilderbuch“ weiterlesen

Wir sind Dickie

Dickie lautet der internationale Name von Boerke. Und Boerke ist die stehende Figur, mit der Pieter de Poortere in Belgien und  den Niederlanden seit 2001 Triumphe feiert:  Schon vor zwei Jahren hat das Brüsseler Stripmuseum das Pieter de Poortere-Auditorium mit einer Boerke-Dauerausstellung eingerichtet, eine Ehre, die neben dem 1976 in Gent geborenen bislang nur Hergé und Peyo zuteil geworden ist, echten Göttern also, auch wenn die Schlümpfe derzeit nicht so hip sind. Jetzt liegt erstmals eine Sammlung von Strips auch in Deutschland vor, sie vereint die in den ersten drei Boerke-Bänden in strengstem Layout erzählten Mini-Dramen: Waffeleisen von 12, manchmal 24  Quadraten, nur im letzten Teil setzt de Poortere mitunter mal ein Splash auf der Fläche von sechs Panels als Schlusspunkt, oder ein Anfangs-Kästchen, in denen stets nur der Name der Hauptfigur in thematischer Typografie steht,  darf sich mal auf die Fläche von drei Quadraten ausdehnen. Natürlich passt in dieses Format die ganze Welt, und, mit enzyklopädischem Hintersinn, trägt das Pendant dieses Bandes in der französischen Ausgabe den Titel „Le petit Dickie illustré“. In Deutsch heißt er, wie die einzelnen Strips auch, so konsequent wie schlicht „Dickie“.

Dass man den Namen für den englischen Sprachraum anpasst, leuchtet ja ein, und erst recht fürs  frankophone Publikum. Denn, wenn das „Boerke“ liest, klingt das erstens wie „beurk!“, und das ist in der Welt der Bande Dessinée seit jeher eine der verbreitetsten Onomatopodings, die ein schwallartiges Erbrechen signalisiert. „Wir sind Dickie“ weiterlesen

Big Bird in den Tropen

Zum Schluss wird es fast ein wenig pathetisch. In den letzten Panels nämlich lässt Sascha Hommer den, bei aller radikaler Reduktion doch noch gut erkennbaren, Big Bird, diese überlebensgroße gelbe Figur aus der Sesamstraße, eine Abschiedsrede halten. In den USA war der Riesenvogel immer die populärste Figur der TV-Serie neben Kermit. In Deutschland trug er den Namen Bibo, und der NDR hatte ihn Anfang der 1980er-Jahre weitgehend eliminiert. In Hommers Comic-Erzählung „In China“ aber, die in einer Ausstellung im Hamburger Hinterconti vorgestellt wird, bekommt Bibo einen großen Auftritt.

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Sieg und Scheitern der Suffragetten

Wer die Geschichte der Suffragetten-Bewegung als heroisch-solidarischen Aufbruch der „einfachen Frauen“ serviert bekommen will, muss ins Kino gehen. Im Comic „Sally Heathcote – Suffragette“ dagegen, der im Deutschen unter dem sperrigen Titel „Votes for Women. Der Marsch der Suffragetten“ bei Egmont erschienen ist, bleibt die Spannung und die Dynamik der frühen Frauenbewegung erhalten. Seine Autorin, die Historikerin Mary M. Talbot macht sie auch erzähltechnisch schon in der Exposition mit harten Übergängen regelrecht spürbar: Die ersten fünf Seiten des ersten Kapitels spielen an vier unterschiedlichen Schauplätzen, sie springen vom Herbst 1969 in den Sommer 1912, um dann vom 5. Oktober 1912, dem historischen Datum des  Bruchs zwischen den historischen Frauenrechts-Ikonen Emmeline Pankhurst und dem Feministen-Ehepaar Emmeline und Frederick Pethick-Lawrence, via Rückblende in den Frühling 1898 zu switchen. Dort endlich ist der Startpunkt der Erzählchronologie erreicht.

Die folgt Sally Heathcotes Biografie. Und in jenem Jahr kommt die fiktive Protagonistin in den großbürgerlichen Haushalt der realen Standesbeamtin Pankhurst, als Dienstmädchen. Durch ihre Biografie und durch ihre Augen lässt Talbot die LeserInnen die Komplexität der Bewegung erleben – ihre Momente berauschender und machtvoller Solidarität ebenso wie ihre Zerwürfnisse, ihre herzzerreißenden Machtkämpfe und die Klassengegensätze, an denen sie letztlich, wenn sie mehr hätte sein sollen, als die Lösung eines Nebenwiderspruchs, siegreich gescheitert ist.

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Der letzte Kreis der Hölle

Manchmal gibts das in den Künsten: Da taucht ein Werk auf – und ab dann ist plötzlich alles anders. Es lässt sich nicht mehr so malen, singen oder schreiben wie früher. Die Sprache der Kunst und der Welt haben sich geändert, sind neu geworden: So, wie es nach Dantes Göttlicher Komödie plötzlich Italienisch gab und moderne, also neuzeitliche Literatur.

Das ist nun auch im Comic passiert: Manu Larcenet schöpft in seiner Tetralogie „Blast“ das gesamte gestalterische Vokabular dieser Kunst aus. Er – das ist das Gegenteil von Eklektizismus – verwandelt es sich und seiner Erzählung an. Und es ist eine Höllenfahrt, auf die Larcenet seinen adipösen Protagonisten vor fünf Jahren mit dem ersten Teil, „Masse“, geschickt hatte, und die sich im nun vorgelegten vierten Band – „Hoffentlich irren sich die Buddhisten“ – vollendet: Polza Mancini heißt er. Er ist ein Aussteiger ohne jedes Hippie-Pathos: Mancini Mitte-Ende 30, verlässt sein bürgerliches Leben und wird Penner, als er sich am Bett seines sterbenden Vaters auf der Krebsstation wiederfindet. „Noch am selben Tag und zum ersten Mal in meinem Leben, kam der Blast über mich“, berichtet er. „Der letzte Kreis der Hölle“ weiterlesen