„Eher schlecht als recht verdrängt“

»Papa sprach nicht von seiner Familie. Oder nur selten. Ihm waren nur drei Fotos geblieben.« Die Kindheit des belgischen Comiczeichners Michel Kichka ist geprägt vom Schweigen des Vaters, der Buchenwald, Bergen-Belsen, Auschwitz und einen Todesmarsch überlebt hat. Vier Kinder bekommt er nach dem Krieg, die die Namen seiner ermordeten Familienmitglieder tragen – jedes Kind ein »Sieg über die Boches«. Ein teuer erkaufter Sieg jedoch. „„Eher schlecht als recht verdrängt““ weiterlesen

„Wir wollen nur unser Erbe zurück“

»Warschau interessiert mich nicht! Wir wollen nur unser Erbe zurück«, erklärt Regina Segal ihrem Sitznachbarn während des Fluges von Tel Aviv Richtung Polen. Segals Familie gehörte vor der nationalsozialistischen Besatzung eine Immobilie, die sie mit Hilfe ihrer Enkelin Mika, ihre Begleitung auf der Reise in die Familiengeschichte, und eines Warschauer Anwalts zurückerstattet zu bekommen hofft. Bereits während des Fluges stellt sich jedoch heraus, dass das titelgebende »Erbe« mehr umfasst, als lediglich die Restitution früheren Familienbesitzes. Ein solches Erbe ist auch der Staat Israel, der nicht nur symbolisch, sondern ganz konkret in Gestalt des Ben-Gurion-Flughafens den Ausgangspunkt des Comics bildet, den Ort, von dem aus die Familie Segal in ihre eigene Familiengeschichte startet, von der Realität des Sicherheitschecks in die Realität der Vergangenheit. „„Wir wollen nur unser Erbe zurück““ weiterlesen

Bei den Roma

Als der aus Fotos und Zeichnungen komponierte Comic 2010 in Frankreich erschien, war die Diskussion um Nicolas Sarkozys »nationalen Krieg gegen die Kriminalität«, im Zuge dessen unzählige Roma abgeschoben wurden, in vollem Gange. Plötzlich seien Fotos wie jene, mit denen er über zehn Jahre hinweg die Lage von Roma in Europa dokumentierte und von denen er in all den Jahren kein einziges an die Presse verkaufen konnte, in allen Medien, reflektiert Alain Keler im Epilog des Comics. „Bei den Roma“ weiterlesen

„Knast, der seinen Namen nicht sagt“

»Ach, das Asylantenheim suchense! Sindse sicher, dasse da hinwolln?!«, ruft eine ältere Einwohnerin von Halberstadt auf Paula Bullings Frage nach dem Weg zur Zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber ungläubig aus. »Im Land der Frühaufsteher« beschreibt das Leben von Flüchtlingen in Sachsen-Anhalt, ihren Kampf gegen die Residenzpflicht, vergammelnde Heime, Alltagsrassismus und die drohende Abschiebung. Die Comicreportage problematisiert dabei immer wieder auch die eigene Perspektive der Beobachterin, die nach dem Besuch und Gespräch mit den Bewohnern der Heime in das eigene unkomplizierte und privilegierte Leben zurückkehren kann. „„Knast, der seinen Namen nicht sagt““ weiterlesen

Gerahmte Diskurse

„Faschismus, Rassismus, Armut, sexuelle Diskriminierung – kurz:  die Übel unserer Welt rücken immer stärker in den thematischen Mittelpunkt der Kunstgattung Comic.“ So heißt es bei den Linken Buchtagen Berlin, die darum bereits seit drei Jahren ausgewählte Comics in Form als Ausstellung im Mehringhof Kreuzberg zeigen.

Das ist gut, richtig und wichtig – aber erstens nur in Berlin und zweitens längst vorbei. Comickritik und Ausstellungskurator Jonas Engelmann dokumentieren die Exponate darum in der nächsten Zeit in loser Folge unter diesem Label.