Ein Comic trifft den Nerv der Zeit

Dracula, Doktor Faust, Narzissus: Oft sind mythologische Figuren Personen, deren Nachleben sich von der Biografie emanzipiert hat. Sie sind im Erzählen ihrer Taten zur Inkarnation eines Prinzips transzendiert, während ihre tatsächliche Lebensgeschichte verkümmert. Es ist philologisch interessant, dass es möglicherweise einst einen besonders hübschen Hirtenjungen auf Euböa gegeben hat. Aber für die Idee des Narzissmus hat das jede Bedeutung verloren, ebenso, wie die Blaubart-Sage auch ohne die  Lebensgeschichte des Gilles de Rais oder die dramatisch-literarischen Gestaltungen ohne jede Kenntnis des @realdomjuan auskommen.

Auf besonders eigenwillige Weise gehört Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen in diese Reihe, denn bei ihm entsteht die Distanz zum wahren Leben ja gerade in Anknüpfung an das verbürgte Faktum, dass der Baron von Münchhausen seine Kriegs- und Jagendabenteuer gern und schmuckreich erzählt hat: Gerade im plaudernden Produzieren der narrativen Differenz von Nachleben und Lebenslauf wird er zur globalen Figur, zum Mythos des Mythomanen. Sein erzählerisches Schaffen seiner Selbst ist seine sich in den Paradoxien seiner Geschichten reproduzierendes Wesen.

Flix als Szenarist und Bernd Kissel als Zeichner haben daraus jetzt einen Comic-Roman gemacht. Der ist preisgekrönt und hochgelobt  worden – allerdings mit einem so niedrigen argumentativen Aufwand, dass man sich schon fragt, ob die Zugehörigkeit der Autoren zur deutschen Presse- und Feuilletonblase bei diesem wohlwollenden Kommentieren nicht doch eine Rolle gespielt hat.  Beim näheren Hinsehen erweist sich das Werk nämlich vor allem als ausgesprochen gefällig – und im Setting sogar als problematisch: Es reduziert die globale Figur auf ihre deutsche Herkunft – und unterlegen sie, vielleicht ist das nur ein Versehen, mit einer durchaus nationalistischen Tendenz. Also alles sehr zeitgemäß, leider.

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Ein ganz gleiches Paar

Gerade wenn es um Komik geht, weicht der Comic von anderen erzählerischen Künsten auf bemerkenswerte Weise ab. Die nutzen trivialerweise – nein, trivial ist ein zu hartes Wort. Aber: Mit ungleichen Paaren Komik zu erzeugen, ist in der Literatur und im Film der klassische Weg. Das ergibt bereits eine oberflächliche Sichtung: Bei amazon finden sich zu der Phrase 104 Einträge im DVD/BR-Regal. Die ganze neuzeitliche Literaturgeschichte hindurch lacht man über die Wiedergänger von Sancho Pansa und seinen Herrn.  Dass sich für die neuzeitlichen Komik-Theorien Komik „aus einer überraschend wahrgenommenen Inkongruenz“ ergibt, „die auf unterschiedliche Strukturformeln gebracht wird“ konstatiert völlig zurecht auch das handliche Metzler-Literaturlexikon: „Gemeint ist der Kontrast.“ Das weiß eigentlich jeder: Ohne Sganarelle oder Leporello wäre Dom Juan nur ein Fickmonster, ohne Stan wäre Oliver Hardy vermutlich nur dick. Und ohne seinen Herrn bliebe Jacques der Fatalist eine trübe Tasse.

„Der ästhetische Witz, oder der Witz im engsten Sinne“ ist dagegen laut Jean Pauls Vorschule der Ästhetik „der verkleidete Priester, der jedes Paar kopuliert“. Mit Ausnahme derer, die einander gleichen. Im Comic: Ist es genau umgekehrt. Das belegen nun wieder „Kinky und Cosy“, die Nervmädel von Nix, die jetzt auf dem deutschen Markt für Unheil sorgen. „Ein ganz gleiches Paar“ weiterlesen

Blümchensex im All

Endlich am Ende des Labyrinths angelangt, steht Weltraum-Amazone Barbarella überrascht vor ihrer bisher größten Herausforderung: „Wie soll ich weiterkommen, wenn es gar keinen König zum Verführen gibt?“, fragt sie: „Was nun?“ Denn die Weltraumbluse aufzuknöpfen und mit Freund und Feind zu schlafen, das ist ihre über den gesamten Comic erprobte Strategie. Sex ist das, was Barbarella eben tut. Ihre Strahlenpistole ist Nebensache. „Blümchensex im All“ weiterlesen

Wo die Linien nur mühsam halten

Vielleicht liegt es an der Schärfe und Glätte der Zeichnungen, dass der Horror umso deutlicher hervortritt. In den Comics von Charles Burns ist nichts unscharf, die Figuren erscheinen manchmal wie poliert, ihre Züge sind deutlich und klar umrissen – nur dass manchmal eine Nase fehlt oder etwas in ihren Gesichtern wächst, was dort nicht hingehört. Mit „Black Hole“ wurde er in den Nullerjahren international bekannt, jetzt ist sein nächster Zyklus unter dem Titel „Last Look“ erstmals gesammelt erschienen. „Wo die Linien nur mühsam halten“ weiterlesen

Luther, Tod und Teufel

Jetzt ist angeblich schon wieder ein neuer dazugekommen, aber meine Lektüreliste ist dicht: Drei Luther-Comics sind genug. Zumal alle drei so offenkundig dieselben Quellen nutzen: Moritz Stetter, das Team Johannes Saurer und Ulrike Albers und ebenso das Duo Thomas Dahms und Tobias Wagner beziehen ihr Wissen aus derselben Biografik. Sie haben, wenn überhaupt, dieselben Schriften des Reformators konsultiert. Und sie sind im Gleichschritt dieselben Episoden seiner Vita abgelaufen. Die Lektüre ihrer Werke lässt eine Topik des Luther-Comics erkennen. Was vorkommen muss, ist das Gelübde im Unwetter, der Reichstags-Auftritt und der Tintenfasswurf auf der Wartburg. Am Ende gibt’s mit etwas Glück eine artig zerknirschte Andeutung der „menschlichen Schwächen” – das ist das deutsche Wort für Judenhass. „Luther, Tod und Teufel“ weiterlesen

Von Katastrophe zu Katastrophe

Unsterblich ist Rodolphe Töpffers Comic-Werk. Und doch kennen es nur die Wenigsten. Als laste ein Fluch auf ihm, geht es immer wieder unter. Dann erreicht es, von Nachzeichnern verstümmelt, von Verlegern vergewaltigt und von Raubkopierern verramscht, ungeahnte Popularität. Es feiert, auf Grundlage derartiger Plagiate, mal als Pop-Song, mal als Musical in den Niederlanden Triumphe –  und wird andernorts wieder vom unerbittlichen Monster, den Zeitläuften verschluckt. Woraufhin es ganz unerwartet, schwer übersetzungsbeschädigt und bereits halbverdaut an fernen Gestaden wieder ans Tageslicht tritt,   in Finnland,  unter falschem Namen  und  nachdem ihm auf dem Weg durch Frankreich, Deutschland und Schweden sämtliche identitätsstiftende Attribute abgenommen wurden. Der Autor kann sich ja nicht wehren: Schließlich ist er am 8. Juni  1846 gestorben, in Zeiten eines allenfalls rudimentären und noch ganz an Ländergrenzen gebundenen Urheberrechts.

Rodolphe Töpffer darf nicht nur nach Einschätzung des Bande Dessinée-Semiotikers Thierry Groensteen als Erfinder des Comics gelten.  Nun ist die Durchsetzung dieses Mediums zumal in Deutschland alles andere als glatt gelaufen.  Und möglicherweise weist deshalb die Geschichte der Rezeption seines Œuvres eine ähnliche Struktur auf, wie die Lebensläufe seiner Protagonisten.  „Von Katastrophe zu Katastrophe“ weiterlesen

Der Mann, der zu viel tratschte

Was bisher geschah. Im Jahr 1995 stirbt Hugo Pratt: Seine „Corto Maltese“-Comics  ließen sich immer als ein Schwanengesang des Machismo rezipieren. Hugo Pratts wilde, ungezähmte Zeichenkunst, die dann doch immer wieder in diese rau-zärtliche Skizzenhaftigkeit ausfranste, die Lakonie des Helden und die lauernde Omnipräsenz raubtierhafter Gewalt machten klar: Diese Gestalt hing den Männlichkeitskonstruktionen Jack Londons  und Lebensentwürfen à la Ernest Hemingway nach. Hier blühten sie noch einmal, ein letztes Mal (und zugleich erstmals) in ihrer ganzen Schönheit, die, weil längst die Moderne ihn überflüssig gemacht und die Maschine den starken Mann ersetzt hat,  die Ahnung des Untergangs in einen staub-goldenen Schimmer hüllte, in dem sich die sonst an ihn gebundenen rassistischen und misogynen Denkmuster in nichts auflösten: Antikapitalistisch, libertär – anarchistisch.

Folgerichtig spielten die Geschichten, die sich sonst nur bedingt für Folgerichtigkeit interessieren, an allen nur erdenklichen Krisenschauplätzen, die nur dieses eine Kriterium erfüllen mussten: Die Weltgegend hatte so abgeschieden und technisch so weit rückständig zu sein, dass an ihr  die Tötung des Gegners noch in guter, alter Handarbeit zu erledigen war.
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In der Talentschmiede

Hamburg ist nicht die auffälligste unter den Comicstädten, aber doch eine der innovativsten – und irgendwie auch die nachhaltigste. Klar, da sind Verlagsgrößen wie Carlsen. Und wenn sich gerade wieder internationale KünstlerInnen zu den Graphic-Novel-Tagen die Klinke des Literaturhauses in die Hand geben, dann weht kurz auch ein Hauch von weiter Comicwelt. Was den Standort aber wichtig macht, ist seine Nachwuchsförderung. Hamburgs Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) ist heute eine Talentschmiede, in der junge KünstlerInnen das Comic-Handwerk nicht nur erlernen – sondern es immer wieder auf den Kopf stellen. „In der Talentschmiede“ weiterlesen

Schwein mit Maske

„Batman v. Superman: Dawn of Justice“ ist ein schlechter Film. Das sagt die Kritik und nach anfänglicher Euphorie scheint die leider wahre Erkenntnis nun auch bis ins Szene-Publikum durchgesickert zu sein. Comicfans haben ein wenig gebraucht, ihr im Allgemeinen nicht ganz unberechtigtes Misstrauen gegenüber professioneller Filmkritik zu überwinden. Das dürfte an einem Missverständnis liegen, dem nicht nur Hollywood aufgesessen ist, sondern das so bis heute auch in der Comicgeschichte festgeschrieben ist. Dieses Missverständnis trägt den Namen Frank Miller. „Schwein mit Maske“ weiterlesen

Wir sind Dickie

Dickie lautet der internationale Name von Boerke. Und Boerke ist die stehende Figur, mit der Pieter de Poortere in Belgien und  den Niederlanden seit 2001 Triumphe feiert:  Schon vor zwei Jahren hat das Brüsseler Stripmuseum das Pieter de Poortere-Auditorium mit einer Boerke-Dauerausstellung eingerichtet, eine Ehre, die neben dem 1976 in Gent geborenen bislang nur Hergé und Peyo zuteil geworden ist, echten Göttern also, auch wenn die Schlümpfe derzeit nicht so hip sind. Jetzt liegt erstmals eine Sammlung von Strips auch in Deutschland vor, sie vereint die in den ersten drei Boerke-Bänden in strengstem Layout erzählten Mini-Dramen: Waffeleisen von 12, manchmal 24  Quadraten, nur im letzten Teil setzt de Poortere mitunter mal ein Splash auf der Fläche von sechs Panels als Schlusspunkt, oder ein Anfangs-Kästchen, in denen stets nur der Name der Hauptfigur in thematischer Typografie steht,  darf sich mal auf die Fläche von drei Quadraten ausdehnen. Natürlich passt in dieses Format die ganze Welt, und, mit enzyklopädischem Hintersinn, trägt das Pendant dieses Bandes in der französischen Ausgabe den Titel „Le petit Dickie illustré“. In Deutsch heißt er, wie die einzelnen Strips auch, so konsequent wie schlicht „Dickie“.

Dass man den Namen für den englischen Sprachraum anpasst, leuchtet ja ein, und erst recht fürs  frankophone Publikum. Denn, wenn das „Boerke“ liest, klingt das erstens wie „beurk!“, und das ist in der Welt der Bande Dessinée seit jeher eine der verbreitetsten Onomatopodings, die ein schwallartiges Erbrechen signalisiert. „Wir sind Dickie“ weiterlesen