Beziehungskiste mit Leiche

Die zwei „Nekromantik“-Filme sind singulär geblieben. 1987 drehte Jörg Buttgereit den ersten Teil, mit Freunden als Schauspieler*innen, Autoren und an der Kamera. Der Film ist einer der bleibenden Auswüchse der Berliner Super-8-Film-Szene. In der Leidensgeschichte des unglücklichen Leichenfledderers Robert Schmadtke war der Weltbezug des idealtypischen Horrorfilmfans subkutan mitgedacht: eine im selben Maße krawallig-komische wie tieftraurige Erzählung über einen Menschen, der mit den Lebenden nicht klarkommt und deswegen zu den Toten flieht. „Beziehungskiste mit Leiche“ weiterlesen

„Dinge, die sich nie ändern“

»Trotz alledem musst du wissen, Matt, es gibt Dinge, die werden sich leider nie ändern«, sagt ein »alter weiser Kapitän«, der namenlos bleibt, 1879 zu seinem Schiffsjungen Matthew Henson, einem schwarzen Jugendlichen, der aufgrund seiner Hautfarbe von anderen  Besatzungsmitgliedern verprügelt wurde. Henson hatte auf dem Schiff angeheuert, nachdem seine Eltern vom Ku-Klux-Klan an einem Baum aufgeknüpft worden sind – Alltag im Süden Amerikas in der Mitte des 19. Jahrhunderts. „„Dinge, die sich nie ändern““ weiterlesen

Ein Comic trifft den Nerv der Zeit

Dracula, Doktor Faust, Narzissus: Oft sind mythologische Figuren Personen, deren Nachleben sich von der Biografie emanzipiert hat. Sie sind im Erzählen ihrer Taten zur Inkarnation eines Prinzips transzendiert, während ihre tatsächliche Lebensgeschichte verkümmert. Es ist philologisch interessant, dass es möglicherweise einst einen besonders hübschen Hirtenjungen auf Euböa gegeben hat. Aber für die Idee des Narzissmus hat das jede Bedeutung verloren, ebenso, wie die Blaubart-Sage auch ohne die  Lebensgeschichte des Gilles de Rais oder die dramatisch-literarischen Gestaltungen ohne jede Kenntnis des @realdomjuan auskommen.

Auf besonders eigenwillige Weise gehört Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen in diese Reihe, denn bei ihm entsteht die Distanz zum wahren Leben ja gerade in Anknüpfung an das verbürgte Faktum, dass der Baron von Münchhausen seine Kriegs- und Jagendabenteuer gern und schmuckreich erzählt hat: Gerade im plaudernden Produzieren der narrativen Differenz von Nachleben und Lebenslauf wird er zur globalen Figur, zum Mythos des Mythomanen. Sein erzählerisches Schaffen seiner Selbst ist seine sich in den Paradoxien seiner Geschichten reproduzierendes Wesen.

Flix als Szenarist und Bernd Kissel als Zeichner haben daraus jetzt einen Comic-Roman gemacht. Der ist preisgekrönt und hochgelobt  worden – allerdings mit einem so niedrigen argumentativen Aufwand, dass man sich schon fragt, ob die Zugehörigkeit der Autoren zur deutschen Presse- und Feuilletonblase bei diesem wohlwollenden Kommentieren nicht doch eine Rolle gespielt hat.  Beim näheren Hinsehen erweist sich das Werk nämlich vor allem als ausgesprochen gefällig – und im Setting sogar als problematisch: Es reduziert die globale Figur auf ihre deutsche Herkunft – und unterlegen sie, vielleicht ist das nur ein Versehen, mit einer durchaus nationalistischen Tendenz. Also alles sehr zeitgemäß, leider.

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