Blümchensex im All

Endlich am Ende des Labyrinths angelangt, steht Weltraum-Amazone Barbarella überrascht vor ihrer bisher größten Herausforderung: „Wie soll ich weiterkommen, wenn es gar keinen König zum Verführen gibt?“, fragt sie: „Was nun?“ Denn die Weltraumbluse aufzuknöpfen und mit Freund und Feind zu schlafen, das ist ihre über den gesamten Comic erprobte Strategie. Sex ist das, was Barbarella eben tut. Ihre Strahlenpistole ist Nebensache. „Blümchensex im All“ weiterlesen

Familienhölle, die alle meint

Was wirklich schmerzt, steht gar nicht drin in diesem Comic. Dabei mangelt es ihm nicht an Grausamkeiten: Da ist ein Knabe, dessen kaltherzige Oma ihn einsperrt, prügelt und ihn gegen seinen Willen als Mädchen aufzieht. Da ist Opas besoffener Besucher, der unbedingt mit ihm „Hoppe hoppe Reiter“ spielen will. Und da sind die Jungs von nebenan, die ihm mit gezücktem Taschenmesser versuchen, im das Kleid vom Körper zu reißen. All das treibt die Geschichte voran, weil es eben ein Junge ist, der diese sexualisierte Gewalt erfährt – weil seine Enttarnung auf dem Spiel steht. Richtig bitter aber ist, dass der Terror für viele tatsächliche Mädchen völlig alltäglich ist. „Familienhölle, die alle meint“ weiterlesen

Gerahmte Diskurse

„Faschismus, Rassismus, Armut, sexuelle Diskriminierung – kurz:  die Übel unserer Welt rücken immer stärker in den thematischen Mittelpunkt der Kunstgattung Comic.“ So heißt es bei den Linken Buchtagen Berlin, die darum bereits seit drei Jahren ausgewählte Comics in Form als Ausstellung im Mehringhof Kreuzberg zeigen.

Das ist gut, richtig und wichtig – aber erstens nur in Berlin und zweitens längst vorbei. Comickritik und Ausstellungskurator Jonas Engelmann dokumentieren die Exponate darum in der nächsten Zeit in loser Folge unter diesem Label.

Noch immer nichts zu lachen

Obwohl sein eigener Autor, Alan Moore, das dünne Büchlein erklärtermaßen nicht besonders leiden kann, ist „The Killing Joke“ eine der wichtigsten Batman-Geschichten aller Zeiten. Je nachdem, wen man so fragt, liegt das entweder an Moores philosophischem Gebrasel über Macht und Moral (das war damals eben so üblich), oder daran, wie einfühlsam und psychologisch klug konstruiert Moores Joker rüber kam. Oder aber – und das ist angesichts der am Wochenende an den Start gegangenen Verfilmung das einzig interessante – weil der Band eine Sexismusdebatte losgetreten hat, die einer ganzen Autoren-Generation nachhaltig in den Arsch getreten hat. Nur bei den Machern des Films ist sie offenbar nicht angekommen. Sie wollten zwar irgendwas besser machen, hatten sie erklärt. Am Ende ist dann aber erst mit ihrer Hilfe eine richtige Vollkatastrophe aus Moores problematischem Comic-Klassiker geworden. „Noch immer nichts zu lachen“ weiterlesen

Die sture Lok

Emil Zátopek ist in Tschechien Nationalheld. Seine kürzlich als Comic erschienene Lebensgeschichte steht für die Kämpfe, die das Lande im vergangenen Jahrhundert mit Hitler im Westen und Stalin im Osten zu führen hatte. Im Rest der Welt ist Zátopek immerhin eine Sportlegende: 1952 gewinnt der Läufer, von nun an bekannt als „die tschechische Lokomotive“, in Helsinki gleich drei mal olympisches Gold: 5.000 Meter, 10.000 und dann noch im Marathon – seiem allerersten.

Doch weil auch Helden irgendwann das Vergessen droht, wenn man nichts dagegen tut, hat man 2016 zum Zátopek-Jahr ernannt. Auch seine Comic-Biographie, die Jan Novák geschrieben und Jaromír „Jaromír 99“ Švejdík gezeichnet hat, wurde darum vom tschechischen Kultusministerium gefödert. „Die sture Lok“ weiterlesen

In der Talentschmiede

Hamburg ist nicht die auffälligste unter den Comicstädten, aber doch eine der innovativsten – und irgendwie auch die nachhaltigste. Klar, da sind Verlagsgrößen wie Carlsen. Und wenn sich gerade wieder internationale KünstlerInnen zu den Graphic-Novel-Tagen die Klinke des Literaturhauses in die Hand geben, dann weht kurz auch ein Hauch von weiter Comicwelt. Was den Standort aber wichtig macht, ist seine Nachwuchsförderung. Hamburgs Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) ist heute eine Talentschmiede, in der junge KünstlerInnen das Comic-Handwerk nicht nur erlernen – sondern es immer wieder auf den Kopf stellen. „In der Talentschmiede“ weiterlesen

Schwein mit Maske

„Batman v. Superman: Dawn of Justice“ ist ein schlechter Film. Das sagt die Kritik und nach anfänglicher Euphorie scheint die leider wahre Erkenntnis nun auch bis ins Szene-Publikum durchgesickert zu sein. Comicfans haben ein wenig gebraucht, ihr im Allgemeinen nicht ganz unberechtigtes Misstrauen gegenüber professioneller Filmkritik zu überwinden. Das dürfte an einem Missverständnis liegen, dem nicht nur Hollywood aufgesessen ist, sondern das so bis heute auch in der Comicgeschichte festgeschrieben ist. Dieses Missverständnis trägt den Namen Frank Miller. „Schwein mit Maske“ weiterlesen

Ganz bestimmt kein Bilderbuch

Dass Comics sind Kinderkram seien, war bis vor ein paar Jahren zumindest hierzulande noch unbestritten. Da lagen „Micky Maus“ und „Yps“ im Supermarktregal, und wer als Ausgewachsener noch einen Comic in die Hand nahm, der griff zu „Asterix“– weil er den eben als Kind schon so gerne las. Doch seit Comics Graphic Novels heißen, im Feuilleton besprochen werden und immer öfter auch Ausstellungen bespielen, da macht ein Verlag wie Reprodukt plötzlich Furore damit, eine völlig neue Sparte ins Programm zu nehmen: Comics für Kinder. „Ganz bestimmt kein Bilderbuch“ weiterlesen

Keine Helden, keine Monster

Erst auf den zweiten Blick verlieren die Zeichnungen den Sinn: Gerade noch war hier ein Totenkopf, dort ein Finger mit lackiertem Nagel. Aber nichts davon ist wirklich auf den Grafiken der New Yorker Künstlerin Rosaire Appel abgebildet. Und was geübte ComicleserInnen für Schrift halten müssen, entpuppt sich als bedeutungslose Zeichenkette. Es handelt sich nicht um eine fremde Sprache, sondern lediglich um Formen in Panels.

Zu sehen sind diese abstrakten Comics derzeit im Bremer „Projektraum 404”. Galerist Gregor Straube widmet sich hier seit eineinhalb Jahren nicht nur, aber vor allem dem Comic, dessen künstlerische Bandbreite er von den Rändern her erschließt. Out­sider-Art hat er bereits gezeigt und mit den Kollektiven „Habeas Corpus“ und „Nos Restes“ Szenegrößen des Belgischen Indie-Comics ausgestellt: brutale Geschichten mit Sex und pissenden Monstern. Doch die abstrakten Formen sind nicht weniger aufregend. Es ist die bisher größte Ausstellung der Galerie – zu groß für die nur zwei kleinen Räume und darum auf drei Etappen verteilt. An diesem Wochenende eröffnet Straube den abschließenden dritten Teil.

„Keine Helden, keine Monster“ weiterlesen

Katalog des schönen Scheiterns

Sie sind die tragischen HeldInnen der Pop-Musik: Die one-hit wonders. Tragisch, weil sie mit einer Single Chart-Ruhm und damit verbundene Einnahmen kosten durften, um direkt danach wieder in der Bedeutungslosigkeit zu versinken – oder zumindest diesem einen Erfolg nie wieder auch nur nahe kamen. Doch das Heldenhafte dieser KünstlerInnen ist nicht, dass sie ganz oben waren, sondern ganz im Gegenteil, dass sie zu kurz im Blick der Öffentlichkeit standen, um sichtbar zu scheitern. Statt heute alt und peinlich im Dschungelcamp zu hocken, sind sie einfach nur weg – und haben doch Musikgeschichte geschrieben.

„Katalog des schönen Scheiterns“ weiterlesen