Wir sind Dickie

Dickie lautet der internationale Name von Boerke. Und Boerke ist die stehende Figur, mit der Pieter de Poortere in Belgien und  den Niederlanden seit 2001 Triumphe feiert:  Schon vor zwei Jahren hat das Brüsseler Stripmuseum das Pieter de Poortere-Auditorium mit einer Boerke-Dauerausstellung eingerichtet, eine Ehre, die neben dem 1976 in Gent geborenen bislang nur Hergé und Peyo zuteil geworden ist, echten Göttern also, auch wenn die Schlümpfe derzeit nicht so hip sind. Jetzt liegt erstmals eine Sammlung von Strips auch in Deutschland vor, sie vereint die in den ersten drei Boerke-Bänden in strengstem Layout erzählten Mini-Dramen: Waffeleisen von 12, manchmal 24  Quadraten, nur im letzten Teil setzt de Poortere mitunter mal ein Splash auf der Fläche von sechs Panels als Schlusspunkt, oder ein Anfangs-Kästchen, in denen stets nur der Name der Hauptfigur in thematischer Typografie steht,  darf sich mal auf die Fläche von drei Quadraten ausdehnen. Natürlich passt in dieses Format die ganze Welt, und, mit enzyklopädischem Hintersinn, trägt das Pendant dieses Bandes in der französischen Ausgabe den Titel „Le petit Dickie illustré“. In Deutsch heißt er, wie die einzelnen Strips auch, so konsequent wie schlicht „Dickie“.

Dass man den Namen für den englischen Sprachraum anpasst, leuchtet ja ein, und erst recht fürs  frankophone Publikum. Denn, wenn das „Boerke“ liest, klingt das erstens wie „beurk!“, und das ist in der Welt der Bande Dessinée seit jeher eine der verbreitetsten Onomatopodings, die ein schwallartiges Erbrechen signalisiert. „Wir sind Dickie“ weiterlesen

Big Bird in den Tropen

Zum Schluss wird es fast ein wenig pathetisch. In den letzten Panels nämlich lässt Sascha Hommer den, bei aller radikaler Reduktion doch noch gut erkennbaren, Big Bird, diese überlebensgroße gelbe Figur aus der Sesamstraße, eine Abschiedsrede halten. In den USA war der Riesenvogel immer die populärste Figur der TV-Serie neben Kermit. In Deutschland trug er den Namen Bibo, und der NDR hatte ihn Anfang der 1980er-Jahre weitgehend eliminiert. In Hommers Comic-Erzählung „In China“ aber, die in einer Ausstellung im Hamburger Hinterconti vorgestellt wird, bekommt Bibo einen großen Auftritt.

„Big Bird in den Tropen“ weiterlesen

Der Comic ist die Rettung

Im Anfang ist die Zersplitterung: Als Projektionen geistern, fragmentiert, in Ultra-Nahaufnahme, die Gesichter der SpielerInnen, hier ein Auge, da ein Mund, über die in riesige Rahmen gespannten Leinwände, hinter denen sich zugleich ihre Silhouetten bewegen. Die ganze Bühne beherrscht diese verwinkelte Holzkonstruktion, die wirkt wie die vage Erinnerung an eine expressionistische Stadt. Oder wie chaotisierte, ineinander geschobene und in die Dreidimensionalität getretene Comic-Panels: Die ganze Welt ist aus den Fugen, hier, im Moks, der Spielstätte der Jugendsparte des Bremer Theaters. Von irgendwo schräg hinten kratzt röchelnd eine Geige. Immer wieder sprotzt sie denselben verendenden Ton in den dunklen Raum. „Der Comic ist die Rettung“ weiterlesen

Sieg und Scheitern der Suffragetten

Wer die Geschichte der Suffragetten-Bewegung als heroisch-solidarischen Aufbruch der „einfachen Frauen“ serviert bekommen will, muss ins Kino gehen. Im Comic „Sally Heathcote – Suffragette“ dagegen, der im Deutschen unter dem sperrigen Titel „Votes for Women. Der Marsch der Suffragetten“ bei Egmont erschienen ist, bleibt die Spannung und die Dynamik der frühen Frauenbewegung erhalten. Seine Autorin, die Historikerin Mary M. Talbot macht sie auch erzähltechnisch schon in der Exposition mit harten Übergängen regelrecht spürbar: Die ersten fünf Seiten des ersten Kapitels spielen an vier unterschiedlichen Schauplätzen, sie springen vom Herbst 1969 in den Sommer 1912, um dann vom 5. Oktober 1912, dem historischen Datum des  Bruchs zwischen den historischen Frauenrechts-Ikonen Emmeline Pankhurst und dem Feministen-Ehepaar Emmeline und Frederick Pethick-Lawrence, via Rückblende in den Frühling 1898 zu switchen. Dort endlich ist der Startpunkt der Erzählchronologie erreicht.

Die folgt Sally Heathcotes Biografie. Und in jenem Jahr kommt die fiktive Protagonistin in den großbürgerlichen Haushalt der realen Standesbeamtin Pankhurst, als Dienstmädchen. Durch ihre Biografie und durch ihre Augen lässt Talbot die LeserInnen die Komplexität der Bewegung erleben – ihre Momente berauschender und machtvoller Solidarität ebenso wie ihre Zerwürfnisse, ihre herzzerreißenden Machtkämpfe und die Klassengegensätze, an denen sie letztlich, wenn sie mehr hätte sein sollen, als die Lösung eines Nebenwiderspruchs, siegreich gescheitert ist.

„Sieg und Scheitern der Suffragetten“ weiterlesen

„Man sieht nichts“

Frau Abirached, Ihr Buch „Ich erinnere mich“ schwingt zwischen kollektiven quasi globalen, andererseits sehr stark durch den libanesischen Bürgerkrieg geprägten – und schließlich sehr persönlichen, intimen Erinnerungen…

Zeina Abirached: Tatsächlich hatte ich erst vor, meine persönlichen Erinnerungen aufzuschreiben. Dabei habe ich aber festgestellt, wie wenig die sich vom kollektiven Gedächtnis oder den Bürgerkriegserfahrungen lösen lassen: Wenn während der gesamten Kindheit Krieg ist, „„Man sieht nichts““ weiterlesen

Der letzte Kreis der Hölle

Manchmal gibts das in den Künsten: Da taucht ein Werk auf – und ab dann ist plötzlich alles anders. Es lässt sich nicht mehr so malen, singen oder schreiben wie früher. Die Sprache der Kunst und der Welt haben sich geändert, sind neu geworden: So, wie es nach Dantes Göttlicher Komödie plötzlich Italienisch gab und moderne, also neuzeitliche Literatur.

Das ist nun auch im Comic passiert: Manu Larcenet schöpft in seiner Tetralogie „Blast“ das gesamte gestalterische Vokabular dieser Kunst aus. Er – das ist das Gegenteil von Eklektizismus – verwandelt es sich und seiner Erzählung an. Und es ist eine Höllenfahrt, auf die Larcenet seinen adipösen Protagonisten vor fünf Jahren mit dem ersten Teil, „Masse“, geschickt hatte, und die sich im nun vorgelegten vierten Band – „Hoffentlich irren sich die Buddhisten“ – vollendet: Polza Mancini heißt er. Er ist ein Aussteiger ohne jedes Hippie-Pathos: Mancini Mitte-Ende 30, verlässt sein bürgerliches Leben und wird Penner, als er sich am Bett seines sterbenden Vaters auf der Krebsstation wiederfindet. „Noch am selben Tag und zum ersten Mal in meinem Leben, kam der Blast über mich“, berichtet er. „Der letzte Kreis der Hölle“ weiterlesen