Fix und Foxi im Krieg

Den 100. Geburtstag von Rolf, eigentlich Rudolf Kauka hat Comickritik nicht gebührend gefeiert. Sein Einfluss ist heute verblasst, er war uns nie lieb, aber Wenigstens nachträglich ist er aber Anlass genug, um auf die Klärung eines biografischen Fakts zu drängen. Während es in der großen Ausstellung im Wilhelm Busch Museum Hannover noch einigermaßen ungenau, wenn auch unbestreitbar wahr, hieß, Kauka habe den Zweiten Welkrieg „überlebt“, lassen sich Stationen dieses Überlebens durch Anfragen auffinden – und diese wiederum aufs Schaffen lenken: Es geht nicht um Denunziation. Aber auch jenseits einer Einschätzung darüber, ob Kauka ein Reaktionär war – wofür vieles spricht – oder ein Neuerer, wäre interessant, zu untersuchen, welche Spuren der Krieg in seinem Beitrag zur Comickunst hinterlassen hat: Er hat ja für Viele in Westdeutschland und Österreich den Blick aufs Medium geprägt. In diesem Beitrag geht es darum, diese Frage aufzuwerfen. „Fix und Foxi im Krieg“ weiterlesen

Ein Comic trifft den Nerv der Zeit

Dracula, Doktor Faust, Narzissus: Oft sind mythologische Figuren Personen, deren Nachleben sich von der Biografie emanzipiert hat. Sie sind im Erzählen ihrer Taten zur Inkarnation eines Prinzips transzendiert, während ihre tatsächliche Lebensgeschichte verkümmert. Es ist philologisch interessant, dass es möglicherweise einst einen besonders hübschen Hirtenjungen auf Euböa gegeben hat. Aber für die Idee des Narzissmus hat das jede Bedeutung verloren, ebenso, wie die Blaubart-Sage auch ohne die  Lebensgeschichte des Gilles de Rais oder die dramatisch-literarischen Gestaltungen ohne jede Kenntnis des @realdomjuan auskommen.

Auf besonders eigenwillige Weise gehört Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen in diese Reihe, denn bei ihm entsteht die Distanz zum wahren Leben ja gerade in Anknüpfung an das verbürgte Faktum, dass der Baron von Münchhausen seine Kriegs- und Jagendabenteuer gern und schmuckreich erzählt hat: Gerade im plaudernden Produzieren der narrativen Differenz von Nachleben und Lebenslauf wird er zur globalen Figur, zum Mythos des Mythomanen. Sein erzählerisches Schaffen seiner Selbst ist seine sich in den Paradoxien seiner Geschichten reproduzierendes Wesen.

Flix als Szenarist und Bernd Kissel als Zeichner haben daraus jetzt einen Comic-Roman gemacht. Der ist preisgekrönt und hochgelobt  worden – allerdings mit einem so niedrigen argumentativen Aufwand, dass man sich schon fragt, ob die Zugehörigkeit der Autoren zur deutschen Presse- und Feuilletonblase bei diesem wohlwollenden Kommentieren nicht doch eine Rolle gespielt hat.  Beim näheren Hinsehen erweist sich das Werk nämlich vor allem als ausgesprochen gefällig – und im Setting sogar als problematisch: Es reduziert die globale Figur auf ihre deutsche Herkunft – und unterlegen sie, vielleicht ist das nur ein Versehen, mit einer durchaus nationalistischen Tendenz. Also alles sehr zeitgemäß, leider.

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Ein ganz gleiches Paar

Gerade wenn es um Komik geht, weicht der Comic von anderen erzählerischen Künsten auf bemerkenswerte Weise ab. Die nutzen trivialerweise – nein, trivial ist ein zu hartes Wort. Aber: Mit ungleichen Paaren Komik zu erzeugen, ist in der Literatur und im Film der klassische Weg. Das ergibt bereits eine oberflächliche Sichtung: Bei amazon finden sich zu der Phrase 104 Einträge im DVD/BR-Regal. Die ganze neuzeitliche Literaturgeschichte hindurch lacht man über die Wiedergänger von Sancho Pansa und seinen Herrn.  Dass sich für die neuzeitlichen Komik-Theorien Komik „aus einer überraschend wahrgenommenen Inkongruenz“ ergibt, „die auf unterschiedliche Strukturformeln gebracht wird“ konstatiert völlig zurecht auch das handliche Metzler-Literaturlexikon: „Gemeint ist der Kontrast.“ Das weiß eigentlich jeder: Ohne Sganarelle oder Leporello wäre Dom Juan nur ein Fickmonster, ohne Stan wäre Oliver Hardy vermutlich nur dick. Und ohne seinen Herrn bliebe Jacques der Fatalist eine trübe Tasse.

„Der ästhetische Witz, oder der Witz im engsten Sinne“ ist dagegen laut Jean Pauls Vorschule der Ästhetik „der verkleidete Priester, der jedes Paar kopuliert“. Mit Ausnahme derer, die einander gleichen. Im Comic: Ist es genau umgekehrt. Das belegen nun wieder „Kinky und Cosy“, die Nervmädel von Nix, die jetzt auf dem deutschen Markt für Unheil sorgen. „Ein ganz gleiches Paar“ weiterlesen

Luther, Tod und Teufel

Jetzt ist angeblich schon wieder ein neuer dazugekommen, aber meine Lektüreliste ist dicht: Drei Luther-Comics sind genug. Zumal alle drei so offenkundig dieselben Quellen nutzen: Moritz Stetter, das Team Johannes Saurer und Ulrike Albers und ebenso das Duo Thomas Dahms und Tobias Wagner beziehen ihr Wissen aus derselben Biografik. Sie haben, wenn überhaupt, dieselben Schriften des Reformators konsultiert. Und sie sind im Gleichschritt dieselben Episoden seiner Vita abgelaufen. Die Lektüre ihrer Werke lässt eine Topik des Luther-Comics erkennen. Was vorkommen muss, ist das Gelübde im Unwetter, der Reichstags-Auftritt und der Tintenfasswurf auf der Wartburg. Am Ende gibt’s mit etwas Glück eine artig zerknirschte Andeutung der „menschlichen Schwächen” – das ist das deutsche Wort für Judenhass. „Luther, Tod und Teufel“ weiterlesen

„Schwarz-Weiß ist radikaler“

Sie ist eine der bewusstesten und kritischsten Comic-Künstlerinnen, die ich kenne. Sich mit ihren Einsichten in  und Ideen für die Kunst des Comics zu konfrontieren, empfinde ich als große Bereicherung: Deswegen bringt unser kleines comickritik.de-Magazin hier bereits zum zweiten Mal ein Interview mit Zeina Abirached. Anlass ist, dass ihr großartiger, polyphoner Comic-Roman „Piano Oriental“ schon jetzt vom Avant-Verlag auch auf Deutsch herausgegeben worden ist. Ursprünglich war dazu eine klassische Kritik geplant. Aber was Abirached sagt, finde ich viel schlauer, als das, was ich zu ihrem Buch sagen könnte. Und dann war das  Interview nun mal geführt, und  nicht immer sind die Leute, die Interviews meinen, redigieren zu können, dazu auch wirklich in der Lage. In einer gekürzten, aber originalgetreuen Übersetzung aus dem Französischen und vom Telefonmitschnitt in Schrift klingt das Gespräch, das ich am 1. September mit Zeina Abirached geführt habe so:

Frau Abirached, erzählt Piano Oriental eine wahre Geschichte?

Zeina Abirached: Aber ja, das ist wirklich die Geschichte meines Urgroßvaters Abdallah Kamanja.

… ich frage das, weil die Geschichte wirkt, wie eine Parabel.

Das ist auch in Frankreich vielen so gegangen. Und doch ist alles, was ich im Buch erzähle, so passiert, oder so ähnlich. „„Schwarz-Weiß ist radikaler““ weiterlesen

Alle lieben Haifisch

Weil Liebe keinen Preis hat, wie der Heilige Hieronymus in einem Brief an seinen Freund Rufin feststellte, war Anna Haifisch beim Erlanger Comicsalon dieses Jahr leer ausgegangen. Von der Moderatorin bis zur Max und Moritz-Gewinnerin hatten doch alle klar gesagt und bekannt, dass der beste deutsche Comic des Jahres Haifischs Erstling „Von Spatz“, erschienen beim kleinen Kasseler Rotopol-Verlag, gewesen sei. Was ja stimmt. Und dass ihre gerade bei Reprodukt herausgekommenen The Artist-Strips die ganze Community  schon begeistert hat, als sie noch, Woche für Woche, als Comic-Kolummne im Vice-Magazin herauskam. Was ja auch wahr ist.  Ebenso, wie, dass sich alle freuen, dass diese auto- und metierreflexive Serie in eine weitere Runde gegangen ist.

Alle lieben also Anna Haifisch. Und die muss mit dieser Last jetzt leben. Dazu noch den Ruhm eines Preises zu tragen, gleich für das erste, abendfüllende Album – das hätte die Jury der jungen Frau offenbar nicht zumuten mögen. Das ist sehr human. „Alle lieben Haifisch“ weiterlesen

Charta gegen den Sexismus

Die im Folgenden erstmals auf Deutsch dokumentierte Charta der Comic-Künstlerinnen gegen den Sexismus des von Lisa Mandel  2013 initiierten,  und inzwischen – Stand Mitte Juni 2016 – auf 221  Autorinnen angewachsenen Colllectif des créatrices de bande dessinée ist kein Endpunkt der Debatte und markiert auch natürlich nicht ihren Anfang.

Aber indem sie für eine unter einer  Mehrheit der stilistisch, künstlerisch und auch politisch sehr unterschiedlichen, sehr individualistischen frankophonen Comic-Künslterinnen konsensfähige Standortbestimmung sorgt, setzt sie auch einen   wichtigen Impuls für die Debatte über die Neunte Kunst.

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Von Katastrophe zu Katastrophe

Unsterblich ist Rodolphe Töpffers Comic-Werk. Und doch kennen es nur die Wenigsten. Als laste ein Fluch auf ihm, geht es immer wieder unter. Dann erreicht es, von Nachzeichnern verstümmelt, von Verlegern vergewaltigt und von Raubkopierern verramscht, ungeahnte Popularität. Es feiert, auf Grundlage derartiger Plagiate, mal als Pop-Song, mal als Musical in den Niederlanden Triumphe –  und wird andernorts wieder vom unerbittlichen Monster, den Zeitläuften verschluckt. Woraufhin es ganz unerwartet, schwer übersetzungsbeschädigt und bereits halbverdaut an fernen Gestaden wieder ans Tageslicht tritt,   in Finnland,  unter falschem Namen  und  nachdem ihm auf dem Weg durch Frankreich, Deutschland und Schweden sämtliche identitätsstiftende Attribute abgenommen wurden. Der Autor kann sich ja nicht wehren: Schließlich ist er am 8. Juni  1846 gestorben, in Zeiten eines allenfalls rudimentären und noch ganz an Ländergrenzen gebundenen Urheberrechts.

Rodolphe Töpffer darf nicht nur nach Einschätzung des Bande Dessinée-Semiotikers Thierry Groensteen als Erfinder des Comics gelten.  Nun ist die Durchsetzung dieses Mediums zumal in Deutschland alles andere als glatt gelaufen.  Und möglicherweise weist deshalb die Geschichte der Rezeption seines Œuvres eine ähnliche Struktur auf, wie die Lebensläufe seiner Protagonisten.  „Von Katastrophe zu Katastrophe“ weiterlesen

Der Mann, der zu viel tratschte

Was bisher geschah. Im Jahr 1995 stirbt Hugo Pratt: Seine „Corto Maltese“-Comics  ließen sich immer als ein Schwanengesang des Machismo rezipieren. Hugo Pratts wilde, ungezähmte Zeichenkunst, die dann doch immer wieder in diese rau-zärtliche Skizzenhaftigkeit ausfranste, die Lakonie des Helden und die lauernde Omnipräsenz raubtierhafter Gewalt machten klar: Diese Gestalt hing den Männlichkeitskonstruktionen Jack Londons  und Lebensentwürfen à la Ernest Hemingway nach. Hier blühten sie noch einmal, ein letztes Mal (und zugleich erstmals) in ihrer ganzen Schönheit, die, weil längst die Moderne ihn überflüssig gemacht und die Maschine den starken Mann ersetzt hat,  die Ahnung des Untergangs in einen staub-goldenen Schimmer hüllte, in dem sich die sonst an ihn gebundenen rassistischen und misogynen Denkmuster in nichts auflösten: Antikapitalistisch, libertär – anarchistisch.

Folgerichtig spielten die Geschichten, die sich sonst nur bedingt für Folgerichtigkeit interessieren, an allen nur erdenklichen Krisenschauplätzen, die nur dieses eine Kriterium erfüllen mussten: Die Weltgegend hatte so abgeschieden und technisch so weit rückständig zu sein, dass an ihr  die Tötung des Gegners noch in guter, alter Handarbeit zu erledigen war.
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„Er zeichnet genau wie er schreibt“

Herr Schwartz, wie sind Sie selber auf Töpffer gekommen?

Simon Schwartz: Er ist mir tatsächlich erstmals im Studium begegnet – aber nur als Begriff, Rodolphe Töpffer ist gleich: Anfang des Comics. Zeichnungen von ihm habe ich erst später kennen gelernt.

Wie?

Ich bekam eher per Zufall eine Ausgabe aus den 1970ern in die Finger: Die war katastrophal, einmal radikal verkleinert, um mehr als die Hälfte, und dann hatte man eine brutale, schreckliche Schrift in diese Kästchen reingequetscht. Trotzdem haben mich diese Geschichten sofort gekriegt. „„Er zeichnet genau wie er schreibt““ weiterlesen