Mit Hulk gegen die Angst

Die Angst vor dem Tod ist nach allgemeiner Auffassung überzeitlich. Sie ist eine Konstante des menschlichen Daseins. Für die Protagonistin aus Eva Müllers Comic „Sterben ist echt das Letzte!“ gibt es allerdings einen sehr konkreten, zeitlichen Beginn dieser Angst: Als sie eine Werbekampagne der Hungerhilfe sieht, komplett mit sterbenden Kindern, beginnt sie, die Möglichkeit ihres eigenen Endes mit aller Deutlichkeit zu reflektieren. Die Resultate sind Schlaflosigkeit und Arztbesuche, die jedoch auch nichts helfen: „Ich hatte Angst vor Gottes Zorn, vor Gift, vor saurem Regen, vor Erdbeben und vorm Ertrinken.“ Diese Angst und die mit ihr verbundene Frage, wie man ihr entgegentreten kann, sind es, die sämtliche der acht Geschichten zusammenhalten.

Sterben ist echt das Letzte - Cover

Da gibt es eine Punkerin, die ihr Leben im Gefühl lebt, „absolut unsterblich“ zu sein. Bis ihr vier Zähne verfaulen. Da gibt es die streng katholischen Großeltern, die Sterbeanzeigen aus der Zeitung sammeln und zu sämtlichen Beerdigungen der Umgebung fahren. Und immer wieder taucht ein Mädchen auf, das wie eine jüngere Version der Zeichnerin aussieht: Sie setzt sich in die „Gute Stube“ bei den Großeltern, wo angeblich früher einmal Verstorbene vor der Beisetzung aufbewahrt wurden, und wartet auf den Tod. Sie fantasiert sich selbst in die katholischen Höllenvisionen hinein, wo sie von Dämonen gequält wird. Alles, um sich ihrer Angst zu stellen.

Diese Angst ist, wie in jeder der Geschichten deutlich wird, eine gesellschaftliche: Sie wird genährt von Kinderbüchern und Märchen, die meinen, Kinder durch Angst erziehen zu müssen. Sie wächst in familiären Strukturen, die sich nicht mehr für das Diesseits interessieren. Sie entsteht dort, wo Menschen sicher sein können, ihre letzten Monate in Einsamkeit verbringen zu müssen.

Sterben ist echt das Letzte - Seite

Der Comic setzt sich auch damit auseinander, wie außerhalb Deutschlands mit dem Tod umgegangen wird, referiert über buddhistische Selbstmumifizierung und Grabsteinbemalungen in Rumänien. Der Ton der Erzählung wird dabei nie allzu schwer, es findet sich manchmal sogar etwas wie eine leichte Ironie darin, z.B. wenn die Protagonistin über die „Leichenposition“ beim Yoga nachdenkt. In den Originalzeichnungen (die man auf dem Instagram-Account der Zeichnerin bewundern kann) wird das noch einmal unterstrichen. Die sind nämlich mehrfarbig und teilweise grell. Im Buch selbst sind sie nur in Graustufen abgedruckt, was insbesondere den gezeichneten Räumen etwas Erdrückendes gibt.

Sterben ist echt das Letzte - Sarg

Eine Antwort, was ein besserer Umgang mit dem eigenen Sterben wäre, bietet der Comic nicht. Doch in ihrer Auseinandersetzung mit den vielfältigen Formen des Sterbens und der Vorbereitung auf den Tod zeigt Müller dabei stets auf eine gesellschaftliche Leerstelle: ein Leben und Sterben, vielleicht nicht vollständig ohne Angst, aber zumindest nicht beherrscht davon. Eine der vielleicht schönsten Passagen des Comics spielt sich in der Kindheit der Protagonistin ab: Ihre Eltern wollen sie sonntags mit zum Gottesdienst nehmen, der sich aber mit ihrer Lieblingsserie „Hulk“ überschneidet. Es kommt zum Clinch. Jahre später stellte sie sich einen Faustkampf mit dem Tod vor, der sie wieder nicht hat schlafen lassen: „Ich bin Hulk“ steht in Gedankenblasen über ihrem Kopf, während sie zum Angriff übergeht. Der Angst stellt Müller keine Verklärung und keine Komplizenschaft mit dem Tod entgegen, sondern etwas sehr Diesseitiges: die Popkultur.


Eva Müller: Sterben ist echt das Letzte, Verlag Schwarzer Turm, 160 Seiten, 12 Euro