„Der Junge ist dann umgefallen“

„So ein Unglück!“, ruft Irmina aus, als ihr ein Glas Eingemachtes mit lautem Krachen zu Boden fällt. „Das war das letzte Glas! Die habe ich im Grunewald gesammelt, zusammen mit Gregor!“ Ein alltägliches Unglück, das jedoch begleitet wird von einem Erlebnis, das ihre am Küchentisch sitzende Freundin Gerda berichtet: „Juden waren das. Ich habe ihre Sterne gesehen. Einer von denen, ein Junge, der hat sich gewehrt. Der SS-ler hat ihm mit dem Gewehrkolben eins übergezogen. Es hat – richtig geknackst hat das. Der Junge ist dann umgefallen …“

Irmina Cover

Eine Szene reicht Barbara Yelin in „Irmina“ aus, um die psychischen Abgründe im Leben einer Mitläuferin des Nationalsozialismus darzustellen. So subtil wie von Yelin wurde im Comic selten gezeigt, wie aktiv man wegschauen, mit wie viel Kraft man sich ablenken musste, um vom Grauen der nationalsozialistischen Judenverfolgung nichts mitzubekommen. „Der Junge ist dann … einfach liegengeblieben … Ich kann dieses Geräusch, dieses Knacken, nicht aus dem Kopf kriegen …“, fährt die Freundin fort. Während Gerda das Geräusch der Gewalt nicht vergessen kann, ist für Irmina das verlorene Eingemachte das größere Unglück, ein zerbrochener Schädel weniger bedeutsam als ein zerbrochenes Glas. „Krach“. Eine Welt bricht zusammen.

Irmina Innen

Es hätte auch alles anders kommen können: Irmina hatte bis zum April 1935 in London gelebt, eine junge, starke Frau, die entgegen den Erwartungen der Gesellschaft mit dem schwarzen Oxford-Studenten Howard eine Beziehung einging. Doch statt sich selbstbewusst für dieses Leben zu entscheiden, ist sie zurück nach Deutschland gegangen, wo sie für ein bürgerliches Familienleben ihre Vergangenheit aufgab und mit dem Verdrängungsprozess begann, der ihr Leben, wie auch das unzähliger anderer Deutscher, von nun an bestimmen sollte. „Ich habe mich umentschieden. Wie du siehst, bin ich hier“, hatte sie Gerda, die ihr Geld für eine Rückkehr nach London geliehen hatte, bei ihrem ersten Wiedersehen mitgeteilt – am Tag nach der Pogromnacht im November 1938. Irmina hat sich entschieden, für das Verdrängen und Wegschauen. Barbara Yelin zeigt, dass man immer die Wahl hatte, vielleicht nicht die Wahl, an den Zuständen etwas zu ändern, aber doch die Wahl, hinzuschauen, wie Gerda, die das Grauen nicht mehr vergessen kann, oder die Augen zu verschließen.


Barbara Yelin: Irmina, Reprodukt, Berlin 2014, 288 S., Hardcover, 39,00 Euro

Dieser Text ist ursprünglich in der Ausstellungsreihe „Gerahmte Diskurse“ der Linken Buchtage Berlin erschienen.

Jonas Engelmann

Autor: Jonas Engelmann

hat Literaturwissenschaft studiert, über gerahmte Diskurse promoviert, Bücher über Riot Grrrl, Punk, Emo, Independent-Comics und jüdische Subkultur publiziert, gibt das Magazin "testcard – Beiträge zur Popgeschichte" mit heraus und arbeitet als Verleger im Ventil Verlag.