Feministisch und stilvoll

Vereinbarkeitsprobleme von Familie und Beruf sind für zeitgenössische Superheldinnen eine alltägliche Herausforderung. Jessica Drews, alleinerziehend und beruflich in verantwortlicher Position als Spider-Woman, bringt es in den beiden von Joëlle Jones atemberaubend schick gezeichneten Serienfolgen 6 und 7 auf den Punkt: „Ich bin über Dreißig. Alle anderen sind Kids.“ Ständig muss kurzfristig der Babysitter her. Unterwegs wird Milch abgepumpt und als erstes beim Heimkommen in den Kühlschrank gestellt, zum Ekel der unterdreißigjährigen Co-Heldinnen. In der Welt der Erwachsenen werden dagegen höflich Kampfpausen eingelegt, wenn die Kinder der Gegnerin nach Hause kommen. Und am Ende eines langen Arbeitstages geht es dann doch nochmal los, und der Babysitter wird wieder angerufen.

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Die Arbeit als Auftragskillerin ist demgegenüber die klar vorteilhaftere Wahl. Geplante Einsätze, die einen Anfang und ein Ende haben; keine auslaugende Kommunikation im Job; und bei Tisch bleibt die Arbeit außen vor. Josephine „Josie“ Schuller, die Titelheldin in Joëlle Jones „Lady Killer“, geht diesem Job seit 20 Jahren nach und integriert ihn perfekt in ihr Leben als Ehefrau, Hausfrau und Mutter zweier ohne Punkt und Komma sprechender Kinder. Was man macht, macht man richtig. Einzig ihre übellaunige Schwiegermutter, die nie anders heißt als Frau Schuller, argwöhnt über ein dubioses Doppelleben.

Ihrem Chef ist Josies Perfektion allerdings suspekt. Ausgerechnet sie, die Zuverlässigkeit in Person, hält er für unberechenbar und für ein zukünftiges Risiko und ordnet schließlich an, sie „in den Ruhestand zu versetzen“ – letztlich aus keinem anderen Grund als dem, dass sie als Frau in einer Männerwelt als Fremdkörper empfunden und ungeachtet ihrer Fähigkeiten abgelehnt wird. Die Kooperation mit einer Kollegin bringt neue Zusammenhänge ans Licht, und auch Mutter Schuller … nun, wir wollen hier nicht zu viel verraten.

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„Lady Killer“ ist eine ästhetische Hommage an die 50er Jahre und eine lustvolle Subversion der konservativen Rollenbilder, wie sie die Werbung jener Zeit präsentierte. Eine doppelbödige Werbewelt, die den weiblichen Emanzipationsschub der 40er Jahre auf der Textebene bekämpfte, auf der Ebene der Ästhetik aber auch bediente: Mit Frauenbildern, deren Grandezza der verordnete Kontext der Häuslichkeit kaum halten kann. Genau hier setzt „Lady Killer“ an.

Der Charme des Werks, das Jones konzipiert, schreibt und zeichnet, liegt in der Distanz zu einer heute weitverbreiteten Mode, wonach starke weibliche Protagonistinnen besonders „geworfen“, von Selbstzweifeln und Identitätsfragen geplagt, und tendenziell unglücklich sein müssen. Das kommt als komplexe Charakterzeichnung daher und ist doch oft verinnerlichtes Patriarchat: Ja, Emanzipation findet statt, aber denkt an den schlimmen Preis!

Josie Schuller findet nicht, dass sie für irgendetwas einen Preis zu bezahlen hat. Jones beschreibt sie als “conflicted, loyal, and fun-loving” (in einem lesenswerten Interview, das auch den Bogen zu „Mad Men“ schlägt). Josie verkörpert den Ratschlag, den Jones für junge Frauen parat hat: „Be delusional and stick with it, because it might work out.“


Joëlle Jones: Lady Killer Volume 1, Dark Horse Comics, 2015, ca. 15 Euro, Englisch; deutsche Übersetzung bei Panini, 2016, 16.99 Euro.

Joëlle Jones: Spider-Woman #6 und #7, Dark Horse Comics, 2015, je 3.99 Dollar, Englisch; auch im Sammelband Spider-Woman, Marvel 2016, Englisch oder Deutsch.

Autor: Christoph Spehr

ist Sozialwissenschaftler und Politiker. Er hat unter anderem das Buch "Die Aliens sind unter uns! Herrschaft und Befreiung im demokratischen Zeitalter" geschrieben, war viele Jahre Landessprecher der Bremer Linken und Bundessprecher der Parteiströmung "Emanzipatorische Linke"