Das Leben im Neoliberalismus

Außerirdische Artefakte landen an Dutzenden Orten überall auf der Welt, dreibeinige Plattformen auf kilometerhohen Säulen. Sie stehen einfach nur da und machen nichts. Die Menschen nennen sie „Bäume“, „trees“. Die Trees, „an denen nichts haftet außer Farbe“, sind vollkommen unzugänglich. Es kümmert sie nicht, was sie beim Landen unter sich zerstören. Ab und an scheiden sie eine ätzende Flüssigkeit aus. Was sie tun oder nicht tun, entzieht sich der menschlichen Wahrnehmung.

Tress - Cover Einzelheft

Die Geschichte spielt 10 Jahre nach der Landung. Obwohl es keinerlei Interaktion mit den Trees gibt, verändert ihre Anwesenheit das Leben. Sie verändern klimatische und ökonomische Beziehungen. Wer kann, zieht weg aus ihrer unmittelbaren Nähe. Unter den Trees entstehen Schattenökonomien, Sozialexperimente, Forschungsstationen. In parallelen Geschichten wird von Menschen erzählt, die an verschiedenen Orten im Schatten der Trees leben: Rio, New York, Mogadishu, eine sizilianische Kleinstadt, eine „special zone“ in China, eine Station in Spitzbergen. Oft ist zu Beginn gar nicht klar, wessen Geschichte es eigentlich ist oder letztlich sein wird, die sich jeweils entwickelt.

Es sind perfekte Bilder des Lebens im Neoliberalismus. Die Trees sind ein neuer, globaler Raum, der vom Rest scharf getrennt ist und der die Menschen und Gesellschaften außerhalb vom ihm nicht als intelligentes Leben anerkennt. Ellis schildert die individuellen Suchen nach irgendeiner Perspektive, das Ringen um persönliche Handlungsfähigkeit, die tiefe Frustration darüber, dass neben den Trees alles bedeutungslos zu werden scheint, ebenso wie die Dynamik der Spielräume, die aufgerissen werden. Es ist viel Platz für Geschichten: Eine Pygmalion-Story auf dem Boden der verfallenen Aleister-Crowley-„Abtei“; eine wirklich ergreifende (und letztlich traurige) gender-trouble-Story; eine Story über postkoloniale Kränkung, die zum Kriegsverbrechen führt; eine Story über wissenschaftliche Besessenheit.

Trees - Cover Sammelband

Die Zeichnungen von Jason Howard erzählen ohne Effekthascherei, beinahe konventionell, mitunter fast lakonisch: Mit einem sparsamen und effektiven Einsatz von Farbe, Perspektive, Close-up und Totale und einem Maß an Ästhetisierung der gefrorenen Bilder von Zerstörung, das die Gleichgültigkeit sowohl der Trees als auch der Regierungen gegenüber den vielen sozialen Geschichten spürbar macht. „Trees“ ist ein ungewöhnlich starkes und interessantes Werk, das zeigt, was mit der literarischen Gattung Comic heutzutage möglich ist.


Warren Ellis und Jason Howard: Trees Volume 1 (enthält #1-8), Image Comics, 2015, ca. 10 Euro, Englisch.

Autor: Christoph Spehr

ist Sozialwissenschaftler und Politiker. Er hat unter anderem das Buch "Die Aliens sind unter uns! Herrschaft und Befreiung im demokratischen Zeitalter" geschrieben, war viele Jahre Landessprecher der Bremer Linken und Bundessprecher der Parteiströmung "Emanzipatorische Linke"