„Die Gegenwart schon schlimm genug“

Der Sportreporter Eric Friedler berichtete 1946 von einem Kampf Hertzko Hafts in München, das Boxen sei »für viele Überlebende eine Sinnbild neu erwachter jüdischer Stärke und damit ein Symbol für ein zukünftiges Leben in Würde und Freiheit« geworden. Dieser »jüdischen Stärke« des Boxers Hertzko Haft geht eine tragische Gechichte voraus.

Boxer - Cover

Als Moses Friedler 1925 in Polen geboren erlangte Harry Haft nach 1945 als Profiboxer in den USA ein wenig Berühmtheit. Lange Zeit war jedoch nicht bekannt, dass er unter dem Namen Hertzko Haft in Auschwitz buchstäblich um sein Leben kämpfen musste: als Boxer, wie Martin Krauss im Nachwort zu »Der Boxer« von Reinhard Kleist schreibt, der gezwungen war, »zum Amüsement der SS-Leute bei Schauboxkämpfen anzutreten. Hier ging es in der Regel um Leben und Tod – ein einziges sadistisches Spektakel.«

1943 als jüdischer Häftling nach Auschwitz deportiert, musste Haft unzählige dieser Kämpfe durchstehen, bevor er 1945 bei einem Todesmarsch einen SS-Mann töten und mit dessen Uniform und Papieren entkommen konnte. Wie viele andere Überlebende behielt er seine Erinnerungen, nachdem er in Amerika eine Familie gegründet hatte, für sich und vertraute erst kurz vor seinem Tod seinem Sohn Alan seine Lebensgeschichte an. Diese stellt die Basis dar zu Reinhard Kleists Annäherung an die Person Hertzko Haft.

Kleist - Portrait

Alan und sein Vater sitzen im Auto und in Alans Kopf spuken Erinnerungen an einen unberechenbaren, prügelnden Vater herum, und auch das Wissen um die problematische Vergangenheit des Vaters mildern diese Erfahrungen nicht: »Meine Mutter versuchte mir seine Gewaltausbrüche mit seiner furchterregenden Vergangenheit zu erklären. Ich wollte nichts davon hören. Die Gegenwart war schon schlimm genug.« Eines Tages jedoch ist Alan bereit, zuzuhören, und sein Vater bereit zu erzählen. Glücklicherweise ist dadurch das vorher kaum bekannte Kapitel dieser sadistischen Schaukämpfe in Auschwitz und anderen deutschen Konzentrationslagern errettet worden.


Reinhard Kleist: Der Boxer. Die Überlebensgeschichte des Hertzko Haft, Carlsen, 176 Seiten, 16,90 Euro

Dieser Text ist ursprünglich in der Ausstellungsreihe „Gerahmte Diskurse“ der Linken Buchtage Berlin erschienen.

Jonas Engelmann

Autor: Jonas Engelmann

hat Literaturwissenschaft studiert, über gerahmte Diskurse promoviert, Bücher über Riot Grrrl, Punk, Emo, Independent-Comics und jüdische Subkultur publiziert, gibt das Magazin "testcard – Beiträge zur Popgeschichte" mit heraus und arbeitet als Verleger im Ventil Verlag.