Beziehungskiste mit Leiche

Die zwei „Nekromantik“-Filme sind singulär geblieben. 1987 drehte Jörg Buttgereit den ersten Teil, mit Freunden als Schauspieler*innen, Autoren und an der Kamera. Der Film ist einer der bleibenden Auswüchse der Berliner Super-8-Film-Szene. In der Leidensgeschichte des unglücklichen Leichenfledderers Robert Schmadtke war der Weltbezug des idealtypischen Horrorfilmfans subkutan mitgedacht: eine im selben Maße krawallig-komische wie tieftraurige Erzählung über einen Menschen, der mit den Lebenden nicht klarkommt und deswegen zu den Toten flieht.

Nekromantik Cover

Der Film flog weitgehend unter dem Radar der damals noch schnell aufgebrachten Zensurstellen durch, erst der zweite Teil brachte es 1991 zu einem veritablen Skandal. Ein Staatsanwalt, der besonders hysterisch war, forderte, nachdem er sich das Treiben auf der Leinwand – Dreiecksbeziehung mit Leiche, Robbenschlachtung, ein während des Sex abgetrennter Kopf – angeschaut hatte , die Vernichtung des Filmnegativs. Das ging nicht durch, ein Gutachter behauptete erfolgreich, dass alles sei dann doch Kunst. Trotzdem hat Skandal, der „Nekromantik 2“ seit damals anhaftet, eine genauere Wahrnehmung für lange Zeit, wie so oft, verstopft. Das Sequel ist einer der atmosphärisch einnehmendsten deutschsprachigen Filme, kein Horror-, sondern zuallererst ein Liebesfilm. Und ein abschließender Berlin-Film nicht zuletzt, als Abgesang, bevor sich das soziale Biotop Kreuzberg, in dem derartige Seltsamkeiten entstehen durften, im wiedervereinigten Deutschland vollends auflöste.

Jörg Buttgereit hat vor und nach „Nekromantik 2“ noch je einen Langfilm gedreht, „Der Todesking“ und „Schramm“, und sich von da an weitgehend aus dem Filmbetrieb verabschiedet. Heute macht er Theater und produziert Hörspiele, beim Episodenfilm „German Angst“ hat er außerdem mitgewirkt. Das nächste „Nekromantik“-Sequel erscheint jetzt 25 Jahre nach dem ersten nicht als Film, sondern als Comic. Die bildästhetische Kontinuität ist da, gezeichnet hat das ganze der britische Comic-Zeichner Martin Trafford, der bereits in den frühen Neunzigern Illustrationen für das Merchandise zu Buttgereits Filmen fabrizierte.

Nekromantik - Innenansicht

Die Geschichte beginnt 20 Jahre nach dem zweiten Teil. Zuallererst ist der Comic eine Hommage an die Filme und im weiteren Sinne an die Underground-Splatter-Ästhetik der Achtziger. Martin Trafford hat es geschafft, eine atmosphärische Entsprechung zu den Super-8-Bildern zu finden. Die grindigen Schwarzweiß-Zeichnungen verweisen an vielen Stellen ganz direkt auf die Filme. Das Panel, auf dem Eddie, der Nachfolger der verkorksten Filmhelden, einem Friedhofsangestellten die obere Kopfhälfte mit einem Spaten abhaut, ist ein direktes Zitat aus dem ersten „Nekromantik“, wenn er sein Opfer in der Badewanne zerlegt, ist das eine Wiederholung der entsprechenden Szene aus dem Sequel. Überhaupt ist das Comic vollgestopft mit Selbstreferenzen: Eddi trägt ein „Todesking“-T-Shirt, der ermittelnde Kommissar heißt Jelinski wie der Produzent und damalige Mitstreiter Buttgereits und so weiter.

Der Comic schließt außerdem wie der erste (und anderes als der zweite) Teil ganz direkt an die ehrwürdige Tradition des ostentativ kranken Humors an, die auf die E.C.-Comics der 1940er und 1950er Jahre zurückgeht. Das von Rainer F. Engel gemalte Cover ist eine Hommage an die „Weird Mysteries“-Comics. In dieser Tonalität geht die kaputte Zartheit, die in den Filmen versteckt ist, verloren. Der kranke Witz aber ist in diesem Fall doch ziemlich lustig und eklig, und die Familienzusammenführung am Ende – mitsamt einer sehr schönen Invertierung von Hitchcocks „Psycho“ – dann doch wieder anrührend; zumindest für die, die mit diesen Filmen aufgewachsen sind und das alles noch abrufbar haben. Und für die scheint das ganze auch zuallererst gemacht.


Jörg Buttgereit, Martin Trafford: Nekromantik, Weissblech, 52 Seiten, 7,80 Euro