Ruhebewahren für Fortgeschrittene

Man kennt Guy Delisle als Weltenbummler, der haarscharf die Details der Kulturen seziert und dabei keine Scheu hat, arglos wie ein Kind auf Ungereimtheiten zu zeigen. Der Zeichenreporter dokumentierte seine Erlebnisse in Jerusalem, Pjöngjang, Shenzhen und Birma. In seinem aktuellen Werk „Geisel“, das nun in der deutschen Übersetzung vorliegt, fließen keine Selbstporträts aus seiner Bleistiftspitze: Der Franko-Kanadier bringt den Verlauf einer Entführung zu Papier und macht den Leser zum stillen Teilnehmer.

Geisel - Cover

Christoph André, Mitarbeiter der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen, kam in den Kaukasus, um zu helfen. Er gerät brutal in die Rolle des hilflosen Opfers, noch bevor sein erster Dienst beginnt, denn der Franzose wird von tschetschenischen Separatisten entführt. Zugetragen hat sich das Drama 1997. Delisle traf André viele Jahre später und ließ sich sein Martyrium erzählen. Verschleppt, festgehalten, angekettet harrt er 111 Tage an fremden Orten aus. Umgeben von Menschen, deren Sprache er nicht versteht.

Mit einem rasanten Zoom fällt der Leser sofort ins Geschehen: Von der Weltkarte, nach Russland und Tschetschenien. Der erste Satz trifft einer Kugel gleich gnadenlos ins Thema: „In der Nacht vom 1. auf den 2. Juli wurde ich entführt.“

Noch ehe Leser und Gekidnappter begreifen, was geschieht, sind sie schon gefangen – der Leser von der Story, André von Rebellen. Oder sind es Räuber, die es auf den Safe abgesehen haben? Erklärung bleiben aus. Auch über den politischen Konflikt in Tschetschenien gibt es keine Auseinandersetzung, nur wage Blicke in ein gebeuteltes Land.

Geisel - Innen

Man rätselt mit André, ist der unsichtbare Mitgefangene – knapp vier Monate lang. Man fühlt mit, wenn er sich zwingt, die Kontrolle über das Geschehen zu behalten. „Wenigstens meine Gedanken sind frei“, scheint er sich einzureden und zählt akribisch jede Stunde. Dann Tage. Zuletzt  schaut er dem Schatten der Sonne zu, der durchs Fenster fällt, in dem er mit Handschellen angekettet ausharrt. Das Lichtrechteck entschlüpft der Tür, kriecht darüber hinweg und verschwindet wieder. Genau in diesen  Momenten, wenn die Zeit sich wie eine zähflüssige Masse Millimeter für Millimeter vorantastet, stellt Delisle großartig auf erstaunlich vielen  Seiten dar, ohne der Handlung Spannung zu nehmen. Der Blick auf die immer selbe Kulisse macht den Vollstopp in Andrés Leben noch brutaler fühlbar. Belanglosigkeiten geraten zu Highlight: Ein ein paar Tropfen  verschüttete Suppe, ein summendes Insekt.

Wann nur wann kommt Hilfe? Mit jedem verstrichenen Monat klingt die Frage verzweifelter. Dennoch gibt André in seiner Isolationshaft die Hoffnung nicht auf. Immer wieder malt er sich vorm geistigen Auge aus, wie die Befreiung vonstatten geht und welche Speise er als erstes in Frankreich verdrücken will – Gedankenkino, das wie nach einem Filmriss abrupt endet.

„Geisel“ kidnappt den Leser. Delisle vermag es, die quälende Länge von Minuten fühlbar zu machen und sie auf Papier zu bringen – immerhin 432 Seiten lang, ohne Langeweile aufkommen zu lassen. Der Leser ist derselben Willkür wie André ausgesetzt und erstaunt über dessen disziplinierte Zügelung seiner Gedanken – eine bemerkenswerte Anleitung zum Ruhigbleiben.


Guy Delisle: „Geisel“, Reprodukt 2017, 432 S., 29 Euro