Ein ganz gleiches Paar

Gerade wenn es um Komik geht, weicht der Comic von anderen erzählerischen Künsten auf bemerkenswerte Weise ab. Die nutzen trivialerweise – nein, trivial ist ein zu hartes Wort. Aber: Mit ungleichen Paaren Komik zu erzeugen, ist in der Literatur und im Film der klassische Weg. Das ergibt bereits eine oberflächliche Sichtung: Bei amazon finden sich zu der Phrase 104 Einträge im DVD/BR-Regal. Die ganze neuzeitliche Literaturgeschichte hindurch lacht man über die Wiedergänger von Sancho Pansa und seinen Herrn.  Dass sich für die neuzeitlichen Komik-Theorien Komik „aus einer überraschend wahrgenommenen Inkongruenz“ ergibt, „die auf unterschiedliche Strukturformeln gebracht wird“ konstatiert völlig zurecht auch das handliche Metzler-Literaturlexikon: „Gemeint ist der Kontrast.“ Das weiß eigentlich jeder: Ohne Sganarelle oder Leporello wäre Dom Juan nur ein Fickmonster, ohne Stan wäre Oliver Hardy vermutlich nur dick. Und ohne seinen Herrn bliebe Jacques der Fatalist eine trübe Tasse.

„Der ästhetische Witz, oder der Witz im engsten Sinne“ ist dagegen laut Jean Pauls Vorschule der Ästhetik „der verkleidete Priester, der jedes Paar kopuliert“. Mit Ausnahme derer, die einander gleichen. Im Comic: Ist es genau umgekehrt. Das belegen nun wieder „Kinky und Cosy“, die Nervmädel von Nix, die jetzt auf dem deutschen Markt für Unheil sorgen.

Es geht hier nicht um eine unverrückbare Gesetzlichkeit, wohl aber eine besondere Präferenz der Genres: So können auch in der Literatur einander begleitende Klone zur Produktion von Komik genutzt werden, spätestens seit Ende des 19. Jahrhunderts. Mir fällt Gustave Flaubert ein, dem es mit seinen beiden Kopisten Bouvard et Pécuchet (1881), die beide wie Kopien voneinander auftreten, ausdrücklich darum ging, die Dummheit zu bekämpfen, die darin bestehe, eine Einheit der Welt durch Vermittlung der Gegensätze herzustellen: Wahrscheinlich ist das Buch nie fertig geworden, weil ein Subjekt-Objekt, wie es die beiden einander sind, seine Einheit der Differenz nur in einem Comic mit dem Titel „Die zwei Asseln“ hätte wirklich ausleben können. Ein anderes Beispiel sind die bizarren Detektive Craig und Fry in Jules Vernes Tribulations d‘ un Chinois en Chine (1879), die möglicherweise Hergé inspiriert haben.  Aber das bleibt doch sehr sporadisch im Gegensatz zum Comic.

Denn dessen berühmteste komische Paare funktionieren jenseits des dialektischen und – ist Komik nicht öffentlich unter breitestmöglicher Anteilnahme vollzogener Sex? – heteronormativen Schematismus. Sie funktionieren sogar gegen ihn – und zwar, das ist die entscheidende Differenz zur Verwechslungskomödie, durch die gleichzeitige Präsenz von miteinander identischen Personen: Bei der ensteht der ganze Witz daraus, das jemand an die Stelle eines abwesenden Anderen tritt und für ihn  gehalten wird.

Bei den komischen Pärchen im Comic beginnt der Spaß dagegen erst, wenn die beiden Personen, die dieselbe sind, im gleichen Raum erscheinen, also nicht miteinander verwechselt werden können, obwohl sie identisch miteinander sind. Das ist korrosiv: Die Verdoppelung einer Figur dient im Comic ja normalerweise auch dazu, Zeitabläufe, zumal von Panel zu Panel, zu symbolisieren, seltener auch, um gedrängt in einem Panel, schnelle Bewegung anzudeuten. Dass dieses Verfahren zugleich kollabiert und beibehalten wird, ist hier so besonders komisch, gerade weil es in dem Medium diese grundlegende Bedeutung hat: Es ist, anders als im Film, eine Komik, die das Grundprinzip des Comic-Erzählens auf- und angreift.

Das stiftet Chaos, und die Terrormädels Kinky & Cosy setzen diesbezüglich das Werk einer ganzen Reihe männlicher Vorgänger fort. Die hat vermutlich mit Max und Moritz begonnen und reicht von Hans and Fritz über Quick et Flupke, bis zu Beavis and Butthead, en passant par Dupond et Dupont (also Schulze und Schultze), die eidetisch gereinigt den Blick auf das Prinzip des Phänomens freigeben: Ohne seinen Klon wäre Schulze (respektive Schultze) sinnlos. Als Paar sind sie genial. Und das liegt nicht am „t“, dem Differenzmarker, der stumm bleibt und somit nur die vollkommene Identität der zwei betont.

Auch Kinky unterscheidet sich nur durch ihre monströse Brille von Cosy  – oder wäre es umgekehrt? – und sie dienen einander jeweils als Verstärker, als zustimmendes Echo für eine bekloppte Idee: Wenn Kinky und Cosy per Tretboot durch die Kanalisation in die Schule paddeln, um dem Stau zu entgehen, ist das seltsam, aber das Befremden läuft nicht Gefahr sich zum Unheimlichen zu steigern, weil sie zu zweit, verdoppelt da sind. Zugleich verstärkt es die Geruchsintensität, wenn sich die beiden, jeweils mit identischen Scheißhaufen im Haar, an der Essensausgabe der Schulmensa bedienen lassen – und sich freuen, dass sich auch dort ihre Wartezeiten drastisch vekürzt haben: Nix Witze sind flach, und dort, wo er nur den korrupten Bürgermeister mit der tittenstarken Sekretärin oder dem Bürotrottel in Szene setzt, bleiben sie eher müde.

Wenn zwei, die unterschiedlich sein müssten, weil sie sich an unterschiedlichen Stellen befinden, identisch sind, dann befinden wir uns in einer verrückten Welt: Das Grundprinzip der Wahrnehmung ist vernichtet. Und wenn die Vergangenheit und die Zukunft Seite an Seite durch ein Bild ziehen, befinden wir uns im Wahnsinn. Den in einen Kitzel aus schrillen Farben und rasanten Geschichten zu übersetzen, ist die Kunst dieser Comicstrips. Sie sind zur Lektüre empfohlen. Denn, sich im Wahnsinn auszukennen und zurechtzufinden und das Lachen dabei nicht zu verlernen, scheint eine wichtige Kompetenz der Gegenwart.


Nix: Kinky und Cosy, 288 Seiten , vierfarbig , Hardcover mit Silberdruck veredelt, avant-verlag, 29,95 Euro