„Dafür auch noch dankbar sein“

»Asylsuchende, die beschleunigte Asylverfahren durchliefen, waren unfairer Behandlung ausgesetzt und wurden häufig in ungeeigneten Einrichtungen inhaftiert«, heißt es unter anderem im Amnesty-International-Report von 2012 über Finnlands Umgang mit Flüchtlingen. Die Graphic Novel des Finnen Ville Tietäväinen, die sich die europäische Abschottungspolitik zum Thema gemacht hat, blickt statt auf die Politik des eigenen Landes auf das andere Ende Europas, auf die spanischen Küste.

Unsichtbare Hände - Cover

Eine nachvollziehbare Entscheidung, spielen sich dort doch jene Dramen ab, die Tietäväinen den Lesern zeigen will, um die Drastik der europäischen Außenpolitik abzubilden – dennoch wären, da der Autor nun mal aus Finnland stammt, auch die innereuropäischen Zusammenhänge interessant gewesen. Wie verhält sich Finnland zu den angespülten Leichen an der spanischen Küste? Wer profitiert von den sklavenähnlichen Bedingungen, unter denen der Marokkaner Rashid, der Protagonist des Comics, in Spanien Lebensmittel für Westeuropa ernten muss – und der dafür auch noch dankbar sein soll? Rashid, voller Scham, seine junge Familie nicht ernähren zu können, innerlich zerrissen zwischen der Hoffnung auf ein besseres Leben durch seine Flucht nach Europa und der Angst vor der Zukunft, verpfändet sein Elternhaus, um mithilfe eines Schleppers die Straße von Gibraltar überqueren zu können.

Unsichtbare Hände - Innenansicht

Das Boot wird von Frontex aufgebracht und sinkt, viele Insassen sterben, mit Glück entgeht Rashid seiner Verhaftung und Abschiebung und gerät auf die landwirtschaftliche Plantage. Er fingiert seinen Tod, flieht, schlägt sich nach Barcelona durch, verfällt zusehends körperlich und psychisch und wird schließlich Selbstmord begehen, am Ende seiner Kräfte, nach Jahren der Odyssee durch die Hölle Europa, wie sie sich für Menschen ohne Papiere darstellt.


Ville Tietäväinen: Unsichtbare Hände. avant-verlag, Berlin 2014, 216 S., 34,95 Euro

Dieser Text ist ursprünglich in der Ausstellungsreihe „Gerahmte Diskurse“ der Linken Buchtage Berlin erschienen.

Jonas Engelmann

Autor: Jonas Engelmann

hat Literaturwissenschaft studiert, über gerahmte Diskurse promoviert, Bücher über Riot Grrrl, Punk, Emo, Independent-Comics und jüdische Subkultur publiziert, gibt das Magazin "testcard – Beiträge zur Popgeschichte" mit heraus und arbeitet als Verleger im Ventil Verlag.