„Ich kann euch alle retten“

»Ich kann euch alle retten, wenn ihr mir Vertrauen schenkt! Ihr müsst einer nach dem anderen in mein Buch eingehen, um vor den Bösewichten in Sicherheit zu sein«, warnt Marc Chagall die anderen Schtetl-Bewohner. Sie alle verschwinden im Skizzenbuch Chagalls. Als nur noch er alleine einem antisemitischen Mob gegenübersteht, der das Schtel niederbrennen will, schwingt Chagall sich mit dem Buch unter dem Arm in den Himmel auf, und schwebt nach Paris.

Chagall in Russland - Cover

Mit dieser Utopie endet Joann Sfars »Chagall in Russland« über jüdisches Leben und Überleben in Osteuropa im frühen 20. Jahrhundert. Doch weniger Chagall, an dessen Biografie der Comic nur lose angelehnt ist, sondern vielmehr der 1971 in Nizza geborene jüdische Comiczeichner Sfar selbst scheint diese Utopie mit jedem Baustein seines Werkes wieder und wieder umsetzen zu wollen: die Errettung der vom deutschen Nationalsozialismus zerstörten europäisch-jüdischen Lebenswelt durch ihre Überführung in den Comic. Fast alle Arbeiten Joann Sfars beschäftigen sich mit Facetten jüdischen Lebens. Neben Chagall hat er jüdische Künstler wie Jules Pascin porträtiert, dem Golem ein eigenes Album gewidmet, Dibbuks und anderen Figuren der jüdischen Kulturgeschichte bevölkern seine Comics.

Chagall in Russland - Innen

Was alle Arbeiten Sfars verbindet ist, dass sie, ohne sich um realistische Darstellungen zu scheren, die Realitäten jüdischer Lebenswelten dennoch treffend umreißen. Wenn in »Die Katze des Rabbiners« eine Katze, nachdem sie einen Papagei verspeist hat, mit einem Rabbi den Talmud diskutiert, oder in »Desmodus« ein Rabbi, der gleichzeitig Karatemeister ist, dem zehnjährigen jüdischen Außenseiter Michael Selbstbewusstsein beibringen soll, erfährt der Leser in diesen surrealen Erzählungen ganz nebenbei viel über jüdische Kultur und Lebenswelt. Oder über jüdische Geschichte: Die Schtetl und osteuropäischen jüdischen Zentren wie Odessa sind bei Sfar bevölkert von »Luftmenschen«, schwebenden Juden, die in ihrem Schweben zweierlei zum Ausdruck bringen: einerseits die antisemitische Realität, die Juden förmlich den Boden unter den Füßen wegzog, andererseits der Versuch, in der Kunst das Schweben und das Nicht-Verwurzelte als positiven Gegenentwurf zu einem solchen Denken zu setzen.


Joann Sfar: Chagall in Russland. Avant-verlag, Berlin 2012, 128 Seiten, 19,95 Euro

Dieser Text ist ursprünglich in der Ausstellungsreihe „Gerahmte Diskurse“ der Linken Buchtage Berlin erschienen.

Jonas Engelmann

Autor: Jonas Engelmann

hat Literaturwissenschaft studiert, über gerahmte Diskurse promoviert, Bücher über Riot Grrrl, Punk, Emo, Independent-Comics und jüdische Subkultur publiziert, gibt das Magazin "testcard – Beiträge zur Popgeschichte" mit heraus und arbeitet als Verleger im Ventil Verlag.