Im Namen des Wahnsinns

Ja! Genau! Denkst Du – und fühlst Dich ertappt. Jedenfalls, wenn Du selbst auch schon mal eine Dissertation geschrieben hast, vorzugsweise auch in einer der Geisteswissenschaften. Vom manisch-depressiven Narzissmus der Doktorandin Jeanne Dargan bis hin zur bräsigen, aber machtbewussten Sekretärin im Promotionsbüro: Das alles kommt dir, ja: auch in all seiner Klischeehaftigkeit wunderbar bekannt vor.

Wenn nur der Titel nicht wäre! Weil: „Studierst Du noch oder lebst Du schon?“ ist nicht nur der gefühlt 347. Aufguss der Werbung eines namhaften Möbelkonzerns und verbietet sich schon allein deshalb. Er erinnert zudem fatal an Ratgeber-Literatur und könnte auch über irgendeiner Broschüre irgendeiner Studienberatung stehen. Das langweilt nicht nur – das führt die LeserInnen auch in die Irre. Die Zeichnerin Tiphaine Rivière kann nichts dafür: Der schlichte, aber passende Originaltitel der 2015 erschienenen „Carnets de Thèse“ war dem Knaus Verlag wohl zu profan, als er ihr Debüt im Oktober hierzulande veröffentlichte. In Frankreich war die Graphic Novel ein Überraschungserfolg, der in gleich mehrere Sprachen übersetzt wurde.

Studierst du noch? Cover

Als Ratgeber ist das Buch vollkommen untauglich: Selbstverständlich würde niemand mehr promovieren wollen, nachdem man es gelesen hat. Zu unerbittlich führt Tiphaine Rivière den Wahnsinn eines solchen Vorhabens, aber auch des ganzen akademischen Systems vor. Ihre eigene, literaturwissenschaftliche Doktorarbeit hat die Französin übrigens nach drei Jahren abgebrochen, um Comic-Zeichnerin zu werden und den illustrierten Blog „Le bureau 14 de la Sorbonne“ zu starten.

Und das, obwohl ihr eigener Doktorvater „das genaue Gegenteil“ von Alexandre Karpov war, dem charismatischen, aber total desinteressierten und eh ständig abwesenden Professors von Jeanne Dargan. Als Lehrerin in Versailles ebenso gestresst wie gefrustet, beschließt sie, in einer Auszeit von der Schule an der Sorbonne über Kafkas Türhüterparabel zu promovieren und das mit einer Stelle als Dozentin zu finanzieren – so nimmt der Alptraum seinen Lauf. All das ist ungemein witzig, auch wenn die Geschichte gegen Ende ein klein wenig zerfasert, die große Pointe am Schuss fehlt.

Studierst du noch? Innen

Der Strich von Tiphaine Rivière ist klar und schnörkellos, eher minimalistisch, dabei aber präzise. Das Zeichnen hat sie sich übrigens selbst beigebracht. Nach all den Jahren an der Uni wollte sie nicht noch einmal einen Kurs belegen, um etwas zu lernen. Das sagt eigentlich schon alles – über die Uni.


Tiphaine Rivière: Studierst Du noch oder lebst Du schon?, Knaus Verlag, 184 Seiten, Klappenbroschur, 19,99 Euro