„Der Vergangenheit entsagen“

Ein Comic über die Suche nach einem besseren Leben und das Scheitern daran. Über den Tod, das kleine Glück und die Hoffnung auf eine »Heimat in der Menschheit als Ganzes«. Ein Neunzigjähriger stürzt sich kurz nach der Jahrtausendwende aus dem Fenster eines Seniorenheimes. Antonio Altarriba Lopez, der Vater des Autoren Antonio Altarriba, ist die Verkörperung spanischer Geschichte des 20. Jahrhunderts, die während seines Falls vor den Augen der Leser entfaltet wird.

Die Kunst zu Fliegen Cover

Ein Leben als Suche nach Fluchtwegen aus der Enge, einem freieren Leben, nach der »Kunst zu fliegen«. »Ich war sicher, nie wiederzukommen«, denkt Antonio, als er jugendlich den starren Strukturen auf dem Land Richtung Stadt entflieht. In Saragossa schlägt er sich mit Gelegenheitsjobs durch und findet auch hier Barrieren und Mauern, die er gehofft hatte, hinter sich zu lassen. Er kämpft, angewidert von den autoritären Strukturen des Landes, nach Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges, auf Seiten der Republik. »Kein Gott, keine Vaterland, kein Herr!«, schwört er sich mit drei Freunden, die ein selbstauferlegtes »Bleibündnis« auf Lebenszeit verbinden soll, zuerst im Kampf für eine freieres Spanien, dann in den Reihen der Résistance gegen die Nazis. Doch das Bündnis im Kampf für eine gerechtere Welt scheitert an der Entwicklung dieser Welt. Die erhoffte Revolution ist verloren, die ehemaligen Kämpfer müssen sich in ein autoritäres, von Militär und Kirche geprägtes Spanien einfügen. »Am besten begrub ich in meinem Herzen die tapferen, edlen Vorbilder, auf deren Fährten ich gewandelt war«, denkt Antonio bei seiner Rückkehr nach Spanien, ergibt sich in die Zwänge der Gesellschaft und versucht zu vergessen: »Um die Gegenwart zu ertragen, musste man der Vergangenheit entsagen, sterben, um weiterzuleben …«

Die Kunst zu Fliegen Panel

Das Scheitern an den eigenen Idealen zerfrisst ihn und treibt ihn schließlich zum letzten Schritt. Nun ist es an seinem Sohn, zu verstehen. Mit »Die Kunst zu fliegen« hat dieser, gemeinsam mit dem Zeichner Kim, eine Form geschaffen, die trotz aller Melancholie, die in den in tristen Grautönen gehaltenen Zeichnungen zum Ausdruck kommt, immer wieder den Vorschein des väterlichen Traumes von Freiheit in sich trägt.


Antonio Altarriba/Kim: Die Kunst zu fliegen, Avant Verlag, 2012, 208 Seiten, 24,95 Euro

Dieser Text ist ursprünglich in der Ausstellungsreihe „Gerahmte Diskurse“ der Linken Buchtage Berlin erschienen.

Bilder Copyright: Avant Verlag

Jonas Engelmann

Autor: Jonas Engelmann

hat Literaturwissenschaft studiert, über gerahmte Diskurse promoviert, Bücher über Riot Grrrl, Punk, Emo, Independent-Comics und jüdische Subkultur publiziert, gibt das Magazin "testcard – Beiträge zur Popgeschichte" mit heraus und arbeitet als Verleger im Ventil Verlag.