Luther, Tod und Teufel

Jetzt ist angeblich schon wieder ein neuer dazugekommen, aber meine Lektüreliste ist dicht: Drei Luther-Comics sind genug. Zumal alle drei so offenkundig dieselben Quellen nutzen: Moritz Stetter, das Team Johannes Saurer und Ulrike Albers und ebenso das Duo Thomas Dahms und Tobias Wagner beziehen ihr Wissen aus derselben Biografik. Sie haben, wenn überhaupt, dieselben Schriften des Reformators konsultiert. Und sie sind im Gleichschritt dieselben Episoden seiner Vita abgelaufen. Die Lektüre ihrer Werke lässt eine Topik des Luther-Comics erkennen. Was vorkommen muss, ist das Gelübde im Unwetter, der Reichstags-Auftritt und der Tintenfasswurf auf der Wartburg. Am Ende gibt’s mit etwas Glück eine artig zerknirschte Andeutung der „menschlichen Schwächen” – das ist das deutsche Wort für Judenhass.

Die werden aber meist doch nur im Dienste einer geschichtsklitternden Apologetik angeteasert – oder, wo dies, wie in Stetters packender Grafic Novel „Luther” eben nicht vom Autor besorgt wird, von der helfenden Hand der Lektorin des Gütersloher Verlagshauses in diese überführt.  Luthers „Haltung gegenüber den Juden“ wäre „zeitbedingt“, beschwichtigt besagte Tanja Scheifele wobei sie leider übersieht, dass diese „Haltung“ weder von Freunden und Zeitgenossen wie Melanchton, Calvin, Martin Bucer, Heinrich Bullinger, noch von Zwingli, Justus Jonas oder Andreas Osiander geteilt wurde. Vor allem aber habe sich diese „Haltung“ „nicht gegen das jüdische Volk“, gerichtet, „sondern gegen die jüdische Religion”, stellt Scheifele klar. Na dann wurden deren Angehörige ja für die gute Sache erschlagen. Das ist doch beruhigend.

Nein, dass aktuell etliche Martin Luther-Biopic-Comics zumal in kleineren Labels ihre KäuferInnen suchen, ist nicht problematisch. Einerseits hat Bilderstürmer und Flugschriftenverfasser Luther ein abstraktes, aber interessant ambivalentes Verhältnis zum Medium Comic. Andererseits können die AutorInnen mit ihnen helfen, eine durchs Jubiläums-Brimborium geweckte Nachfrage zu befriedigen. Zehn volle Jahre lang will ja die EKD des in seiner Widerständigkeit, seiner Sprachkunst wie in seinem Hass so eindrucksvollen und nachhaltig wirksamen Ex-Mönchs zu gedenken.

Die überaus prominente Ex-Bischöfin Margot Käßmann stellt seit 2008 ihr gesamtes Trachten und vor allem Reden in den Dienst dieser Luther-Dekade: Eine derartige Dauerbeschallung hat es in Deutschland lange nicht gegeben, und das rational schwer nachvollziehbare, aber empirisch messbare Normal-Kundenverhalten ist: Wovon es auf allen Kanälen eh schon zu viel gibt, will man unbedingt noch mehr.

Problematisch wird es, wenn außer der vermuteten Marktgängigkeit keine Intention und kein Gedanke sich mehr im Werk findet, also sich die Konzeption des Albums darin erschöpft, sich als Sedativ für quängelnde Kleinmenschen in Reformationsjubelveranstaltungen anzudienen, oder als Möglichkeit der Entschädigung (man könnte es auch Ablass nennen) für den ihnen durch Kirchen-, Ausstellungs-, oder Museumsbesuch zugefügten Schaden.

Das ist klar der Fall bei Dahms und Wagner, die sich auf derartige Publikationen spezialisiert zu haben scheinen. Er „habe nicht den Anspruch, ein „richtiges Bild“ von Luther zu vermitteln”, referiert der evangelische Pressedienst eine Selbsteinschätzung von Dahms, die vernichtender ist, als jeder Verriss. Stattdessen habe er vorgehabt, sich „der Person mit Wertschätzung nähern”: Selbst an diesem hagiografischen Ansatz ist er mit seiner undifferenzierten und daher spannungsfreien Erzählweise gescheitert. Ebenso ist es unmöglich, eine Wertschätzung in den von Tobias Wagner verantworteten Figuren zu erkennen, die sich als missglückte Imitationen von Mordillo-Männchen beschreiben lassen.

Im Layout sind weder Plan noch Idee zu erkennen – und eine Dynamik, ein Rhythmus, sowas gibt’s hier nicht. Für Farbverläufe greift Wagner auf das zurück, was von der Adobe Photoshop-Testversion bereitgestellt wird. Dahms Witz- und gedankenlosen Wortbeiträge wurden direkt aus der Textverarbeitung in Standard-Sprechblasen kopiert. Infolge eines punktuellen und eben dadurch grotesken Bemühens um Vollständigkeit kommt es dabei mitunter zu Buchstabengrößen, die das von der EU-Lebensmittelinformationsverordnung erlaubte Minimum noch unterschreiten: Nun wird das im Braunschweiger Ostfalia Verlag lieblos edierte Heft sicher niemand essen wollen. Aber auch vor seinem Erwerb sind gutgläubige Eltern und Großeltern dringend zu warnen.

Wie schlecht dieses Elaborat wirklich ist, merkt, wer das vom Gespann Saurer und Albers vorgelegte Album dagegen hält: „Martin Luther – ein Mönch verändert die Welt” ist um Längen besser. Dabei bleibt es indiskutabel. Vollständig frei von originellen Bildstrategien, ist es auch in einer ungelenk hölzernen Sprache erzählt: „Thomas Müntzer und andere ehemalige Anhänger deiner Lehren werden zu Gegnern”, informiert Philipp Melanchton Luther auf Seite 20. „Die Bauernerhebung fordert gerechtere Verhältnisse, wenn es sein muss, auch durch den Sturz der Obrigkeiten.” Luther antwortet in seinem berühmten, kräftigen Deutsch:  „Ich werde hinfahren. Gewalt ist keine Lösung!”

Das ist symptomatisch. Denn wenn überhaupt, dann sind solche Dialoge von dem didaktischen Wunsch beseelt, jemandem etwas beizubringen: Nämlich das, was überall schon in Büchern über Luther steht, nur verdünnt und durch Bildchen noch einmal anschaulich gemacht. Dieser Gestus des Belehrens hat sich mit unfreiwilliger Komik auch in die Zeichnungen übertragen. Seine Massivität lässt sich mit einfachster Empirie belegen: Das Werk besteht aus 109 Panels und es weist 56 erhobene Zeigefinger auf.

Nun mag eine derartige Schwedentrunkpädagogik dem Vermittlungsansatz eines Katechismus entsprechen („In diesem Handbuch steht alles drin, was man zur Ausübung des evangelischen Glaubens braucht. Es ist unser Katechismus.” Antwort Bugenhagen: „Sehr schön, ich kümmere mich um die Verbreitung.”, S.24). Sie steht aber, wie eigentlich auch das ganze katechetische Projekt, im Gegensatz zu genau dem Punkt, wo aus heutiger Sicht doch Luthers grösste Qualität liegen dürfte: Im Anspruch, dass jeder Mensch selbst zu denken vermag – und dass die Wertigkeit des Gedankens eben nicht im Abgleich mit der tradierten Lehre zu ermitteln, sondern mit dem, was für ein Faktum gehalten werden kann oder muss.

Dass das für den religiösen Wahn Luthers und seiner ZeitgenossInnen die geoffenbarte, also heilige Schrift wäre, verleiht dem reformatorischen Projekt eine gefährliche Zweigleisigkeit: Die Möglichkeit sich für den Fundamentalismus zu entscheiden, oder dem emanzipatorischen Drive zu folgen. „Nachem Luther uns von der Tradition befreit und die Bibel zur alleinigen Quelle des Christentums erhoben hatte, da entstand, wie ich schon oben erzählt, ein starrer Wortdienst, und der Buchstabe der Bibel herrschte ebenso tyrannisch wie einst die Tradition”, hat, deutlich wie niemand sonst Heinrich Heine dieses Phänomen beschrieben. „Zur Befreiung von diesem tyrannischen Buchstaben” habe dann „Lessing am meisten beigetragen. Wie Luther ebenfalls nicht der einzige war, der die Tradition bekämpft, so kämpfte Lessing zwar nicht allein, aber doch am gewaltigsten gegen den Buchstaben.”

Es ist klar, auf welcher von beiden Seiten sich das öde Nachbeten eines kanonischen Lutherbildes mit den Mitteln eines unter ästhetischen Gesichtspunkten kaum der kritischen Würdigung werten Comics verortet. Denn ja, sogar die von vielen verehrte Käßmann stellt ja klar, dass die Festivitäten keine Gorifizierung sein dürften. Dass es eben nicht darum gehen könne denn „Antijudaismus” Luthers unter den Tisch zu kehren, der vor 80 Jahren noch als ein besonders genialer Zug des Reformators galt.

Das genau geschieht aber, wenn die Auseinandersetzung mit derartigen dunklen stinkenden Stellen des großen Mannes allenfalls kurz aufscheinen dürfen, wie hier auf den letzten Seiten des unter der „Dachmarke” des „gemeinsamen Auftritts von Staat und evangelischer Kirche zum Reformationsjubiläum 2017” veröffentlichten Bandes. Am Schreibtisch sitzt erschöpft in späten Jahren der Protagonist, um ihn herum drängen Teufelsgestalten – und ein Textkästchen übersetzt: „Luther ist müde, enttäuscht und es quälen ihn starke Schmerzen. Er hat in seinem Leben viel Gutes getan, aber auch vieles falsch gemacht. So forderte der Reformator den Tod von Türken, Bauern, Huren, Andersgläubigen und Juden” .

Es ist eine pädagogische Frage, zu klären, ob ein solches Büchlein mit dem Kontroversitätsgebot und dem Überwältigungsverbot zu vereinbaren ist, das für politische Bildung – und wenn es sich nicht darum handelt, wäre die staatliche Mitwirkung beim Kirchenjubiläum ja vollends obszön.  Aus comickritischer Sicht ist entscheidend, dass dieser penetrant beschönigende Umgang mit den verhängnisvollen Hinterlassenschaften derer, die man gewillt ist, als deutsche Geistesgrößen und als Vorbilder zur Verehrung zu empfehlen, verhindert die notwendige Distanzierung von ihnen. Dabei würde die keinesfalls deren Bedeutung schmälern.

Im Gegenteil, notwendig ist sie nur, weil Luther einflussreich bleibt, weil er bedeutend war, weil er die deutsche Sprache geschaffen – und in ihr den deutschen Judenhass auf neue und seine eigene Epoche verstörende und erschreckende Höhen gehoben hat. Und der taucht nicht nur wie ein Fremdkörper in den als „Judenschriften” rubrizierten Werken „Daß unser Herr Jesus ein geborener Jude sei” (1523), das noch dafür plädiert mit dem Wasser der Taufe das Judentum zum Verschwinden zu bringen, in „Wider die Sabbather” (1538), in „Von den Juden und ihren Lügen” sowie „Vom Schem Hamphoras” (beide 1543) auf. Das Gesamtwerk ist imprägniert von ihm – man könnte ihn mit leichtem Anachronismus als ein Leitmotiv bezeichnen. Dem Tübinger Kirchenhistoriker Volker Leppin zufolge hat dieser „vehemente Antijudaismus” Konsistenz stiftende Wirkung für das Geschichts- und Weltbild des Theologen.

Das Schreckliche ist seit jeher integraler Bestandteil des Erhabenen. Dass Luther sein Leben lang von früher Jugend an von Höllenvisionen heimgesucht wird, erfordert deren ostinate grafische Präsenz, so, wie sie Stetter mit eindrucksvollen Bildreprisen aus insbesondere Hieronymus Bosch, Martin Schongauer und Dürer herstellt, die er in seinen sehr persönlichen, expressiven Schwarz-Weiß-Strich übersetzt. Während bei Saurer & Alberts das Thema zwar mit einem ansprechenden Cover durchaus werbewirksam in Szene gesetzt – jedoch dann nur in sporadischen Witzteufelpanels abgehandelt wird, die im Anekdotischen eingeschlossen bleiben, schafft es Stetter, das Unheimliche der Figur Luther – der Schrecken der ihn heimsucht, der Schrecken den er verbreitet – zu erfassen, indem er es als bildmächtigen und geeigneten Ausgangspunkt seiner Erzählung nutzt. Mit ruhigen, textarmen Halbseitenpanels eröffnet der Stetter seine eigenständige Sicht auf diese historische Figur.

Das erste Bild, eine Extrem-Totale, zeigt eine hügelig geschwungene Landschaft, die eine kleine Figur mit Wanderstock und zu Fuß durchquert. Drohend schwarz durchschlägt ein herbstlich-kahler Baum den Vordergrund. Unten links, in an Fraktur angelehnter Schreibweise, steht schlicht die Jahreszahl 1505. Im zweiten Bild findet sich links oben, in angenehmer Handschrift, ein erster Satz: „Dies ist die Geschichte eines jungen – das „J“ ist etwas uneindeutig groß geraten – Studenten, der sich auf dem Rückweg von einem Semesterurlaub bei den Eltern befindet.” Und dem sind wir dabei schon gehörig auf die Pelle gerückt: Halbnah im Profil fasst Stetter ihn.

Wir gehen jetzt ein Stück mit ihm, legen uns zum Ausruhen in den Schatten unter einen Baum, dämmern, dösen, schlafen ein – und dann Splash! Ein Blitz weckt uns auf. Dicke Regentropfen. Unheimliche Schatten. Ist das der Tod, der da auf uns zu tanzt? Schon sind wir mitten in der Vision, der Jüngste Tag ist angebrochen, wir irren mit Luther durch die Hölle – Seite 12 – von Teufel zu Teufel – Seite 13 – die Flammen schlagen hoch, nackte Frauen, Totenschädel, Pestmasken, Foltergeräte Kopulationen, der Blitz trifft den Baum, unter dem wir geruht hatten. Und dann fällt der junge Mann auf die Knie, hebt die Hände ins Gewitter, und fleht die Heilige Anna um Beistand an: „Lässt du mich leben, will ich ein Mönch werden!”, und der Regen hört auf.

Das ist  dramatisch. Das ist packend erzählt. Und Stetter gelingt es zugleich, die Vorgeschichte, den geistesgeschichtlichen Kontext aufzublättern – und die Rezeption der Figur aufscheinen zu lassen: Dieser „Luther” macht sehr viel sehr richtig, und es wäre ein fabelhafter Comic-Roman, wenn ihm der Autor und sein Verlag doppelt so viel Platz eingeräumt hätten. Zwei Bände mindestens hätte er benötigt, um sein Material auszuerzählen – und die Episoden in ein ihrer Relevanz entsprechendes Verhältnis zu bringen.

So aber wirkt Manches doch arg gedrängt und fast schon fahrig zusammengestrichen.  Besonders das Verhör in Worms leidet darunter – zumal Stetter, was toll ist, den Konflikt versucht, auch durch die Augen des päpstlichen Legaten Alexander zu sehen, der in Luther einen Abgesandten der Hölle erblickt – und fürchtet. Eine so komplexe polyphone Erzählung braucht mehr Zeit.

Die hätte auch der rezeptionshistorische Teil benötigt. Stetter spürt, dass der wichtig und angemessen wäre, aber eine überzeugende grafische  Lösung für die Verzahnung von vergangener Ursache und ihren gegenwärtigen Auswirkungen findet er erst in der spektakulären Auseinandersetzung mit den Rezensionen zu seinem Buch, auf seinem Blog Demotape-Comix: Vielleicht wird es ja einst eine erweiterte Neuauflage geben, in die Stetter diese fantastische Art mediengerecht zu diskutieren und reflektieren aufgreift.

In der vorliegenden Ausgabe werden hingegen nur erratisch, ohne Verbindung zum Haupttext und zu dessen Bildwelt und zeichnerischer Sprache, werden vier ganzseitig Porträts markanter Personen, die sich teils auf Luther berufen, teils mit ihm auseinander gesetzt haben, gepaart mit mehr oder minder markanten Zitaten, aufgeführt. Die Auswahl ist merkwürdig auf Männer und auf die Zeit zwischen 1870 und 1950 beschränkt. Es treten auf: Der Ende der 1970er Jahre gestorbene Luther-Biograf Richard Friedenthal, Stürmer-Schef Julius Streicher, Philosoph Friedrich Nietzsche und Dietrich Bonhoeffer.

Auch wenn es gerade ein Hinweis auf eine eigenständige Herangehensweise Stetters ist und ein persönliches Anliegen, wirkt dies doch nur, wie ein Appendix, den man getrost überblättern kann. Das ändert aber nichts daran, dass diese Grafic-Novel, entstehen und von ihrem Autor verfasst werden musste – unabhängig davon, ob gerade ein Luther-Jubiläum stattfindet, kommt, oder vorbei ist.


Thomas Dahms / Tobias Wagner: Zu Tisch bei Luthers in Wittenberg. Martin Luther als Mönch, Reformator und Familienmensch. Ostfalia-Verlag Osterwieck, 2016, 40 S., 14,90 Euro

Johannes Saurer / Ulrike Albers: Martin Luther. Ein Mönch verändert die Welt, Evangelisches Medienhaus Stuttgart 2016,  28 S., geheftet, 5,95 Euro

Moritz Stetter: Luther. Gütersloher Verlagshaus, 2013, 160 S., 14,99 Euro