„Die Deutschen haben angegriffen“

Einem Fotoalbum gleich reihen sich die Panels in Florent Sillorays autobiographischem Comic »Auf den Spuren Rogers« aneinander; alte, vergilbte Bilder werden abgelöst von aktuelleren. Zwei Zeitebenen, zwei Perspektiven, eine Familiengeschichte. Als der Großvater Roger stirbt, wird sein Enkel Florent mit einer bislang unbekannten Seite an ihm konfrontiert: »Während meiner gesamten Kindheit hat mir Opa nie vom Krieg erzählt, in keinem der langen Momente, die ich mit ihm verbringen durfte.«

Auf den Spuren Rogers - Cover

Tagebuchaufzeichnungen und Fotos des Großvaters, die Florent und seine Mutter nach der Trauerfeier sichten, stellen den Ausgangspunkt einer Auseinandersetzung des Enkels mit dem Schweigen Rogers dar. Im September 1939 setzen die Notizen ein, beschreiben das Warten auf die Deutschen, auf den Kriegseinsatz, die öden zu verrichtenden Arbeiten, und schließlich den 10. Mai 1940: »Roger, es geht los. Die Deutschen haben Belgien angegriffen«, wird der Großvater aus dem Bett gescheucht. Der Beginn einer langen Odyssee: die Kapitulation Frankreichs erlebt Roger in deutscher Kriegsgefangenschaft, am 15. Mai ergibt er sich. Im Juni 1940, als das Waffenstillstandabkommen zwischen Frankreich und Deutschland in Kraft tritt, leistet Roger bereits Zwangsarbeit im »Stalag IV B«, einem Kriegsgefangenenlager bei Leipzig.

Auf den Spuren Rogers - Innenansicht

Konfrontiert mit Unterernährung, Krankheiten und prügelnden deutschen Soldaten führt er sein Tagebuch fort und beschreibt detailliert den Alltag als Kriegsgefangener in Deutschland. Sein Enkel Florent begibt sich auf die Suche nach den Spuren dieser historischen Orte in der Gegenwart – um ihnen den Zahn des Vergangenen zu ziehen: wichtig scheint dem Zeichner zu sein, die Wirkmächtigkeit der Vergangenheit in der Gegenwart zu zeigen. Einerseits für seine Familie, was sich im Schweigen des Großvaters über erlebten Grausamkeiten zeigt, und andererseits für die Gesellschaft: nicht nur Misstrauen begegnet Florent während seiner Spurensuche in der Gegenwart in Ostdeutschland, sondern auch Naziparolen auf Brückenpfeilern.


Florent Silloray: Auf den Spuren Rogers, avant-verlag, Berlin 2013, 106 S., 24,95 Euro

Dieser Text ist ursprünglich in der Ausstellungsreihe „Gerahmte Diskurse“ der Linken Buchtage Berlin erschienen.

Bilder Copyright: Avant Verlag

Jonas Engelmann

Autor: Jonas Engelmann

hat Literaturwissenschaft studiert, über gerahmte Diskurse promoviert, Bücher über Riot Grrrl, Punk, Emo, Independent-Comics und jüdische Subkultur publiziert, gibt das Magazin "testcard – Beiträge zur Popgeschichte" mit heraus und arbeitet als Verleger im Ventil Verlag.