„Eher schlecht als recht verdrängt“

»Papa sprach nicht von seiner Familie. Oder nur selten. Ihm waren nur drei Fotos geblieben.« Die Kindheit des belgischen Comiczeichners Michel Kichka ist geprägt vom Schweigen des Vaters, der Buchenwald, Bergen-Belsen, Auschwitz und einen Todesmarsch überlebt hat. Vier Kinder bekommt er nach dem Krieg, die die Namen seiner ermordeten Familienmitglieder tragen – jedes Kind ein »Sieg über die Boches«. Ein teuer erkaufter Sieg jedoch.

Zweite Generation - Cover

Michel zieht als Erwachsener nach Israel und lebt dort als Illustrator. Das Schweigen des Vaters holt ihn wieder ein, als sein jüngster Bruder Charly Selbstmord begeht und in seinem Abschiedsbrief andeutet, sein Entschluss habe auch mit dem (Über-)Leben ihres Vaters zu tun. Für diesen beendet der Selbstmord seines Sohnes das jahrelange Schweigen: bei der Shiv’a ergreift er plötzlich das Wort. Sein Sohn Michel findet dies dem Moment der Trauer nicht angemessen: »Mir wurde klar, dass er zum ersten Mal von seiner Leidenszeit während der Shoah erzählte. Ich dachte: ‚Wir sind doch zusammengekommen, um über Charly zu sprechen.’ Ich hatte das Bedürfnis, um ihn zu trauern. Was für ein beschissenes Timing.« Der Vater war es gewesen, der Charly nach seinem Selbstmord tot aufgefunden hatte.

Zweite Generation - Innen

Michel Kichka schreibt: »Ich habe die Vermutung, dass dadurch mit einem Mal all die Bilder von Toten heraufbeschworen wurden, die er eher schlecht als Recht verdrängt hatte.« Es bleibt bei der Vermutung, zwar spricht der Vater von diesem Tag an ohne Unterlass über seine Erlebnisse, unternimmt Bildungsreisen mit Schülern nach Auschwitz, hält Vorträge und schreibt seine Autobiographie, seine Gefühle dagegen bleiben außen vor. Das erdrückende Schweigen setzt sich auf andere Weise fort und in seinem Sohn reift daher die Idee, das eigene Schweigen und Leiden als Nachkomme eines Überlebenden der Shoah über einen Comic zu überwinden. Das Ergebnis, »Zweite Generation. Was ich meinem Vater nie gesagt habe« tastet sich vorsichtig ans Thema heran, täuscht den Leser mit dem auf den ersten Blick karikaturhaften Stil, hinter dem sich jedoch all die Abgründe auftun, die das Leben und Überleben einer jüdischen Familie des 20. Jahrhunderts ausmachen.


Michel Kichka: Zweite Generation. Was ich meinem Vater nie gesagt habe. Egmont, Köln 2014, 112 S., 19,99 Euro

Dieser Text ist ursprünglich in der Ausstellungsreihe „Gerahmte Diskurse“ der Linken Buchtage Berlin erschienen.

Bilder Copyright: Egmont

Jonas Engelmann

Autor: Jonas Engelmann

hat Literaturwissenschaft studiert, über gerahmte Diskurse promoviert, Bücher über Riot Grrrl, Punk, Emo, Independent-Comics und jüdische Subkultur publiziert, gibt das Magazin "testcard – Beiträge zur Popgeschichte" mit heraus und arbeitet als Verleger im Ventil Verlag.