„Schwarz-Weiß ist radikaler“

Sie ist eine der bewusstesten und kritischsten Comic-Künstlerinnen, die ich kenne. Sich mit ihren Einsichten in  und Ideen für die Kunst des Comics zu konfrontieren, empfinde ich als große Bereicherung: Deswegen bringt unser kleines comickritik.de-Magazin hier bereits zum zweiten Mal ein Interview mit Zeina Abirached. Anlass ist, dass ihr großartiger, polyphoner Comic-Roman „Piano Oriental“ schon jetzt vom Avant-Verlag auch auf Deutsch herausgegeben worden ist. Ursprünglich war dazu eine klassische Kritik geplant. Aber was Abirached sagt, finde ich viel schlauer, als das, was ich zu ihrem Buch sagen könnte. Und dann war das  Interview nun mal geführt, und  nicht immer sind die Leute, die Interviews meinen, redigieren zu können, dazu auch wirklich in der Lage. In einer gekürzten, aber originalgetreuen Übersetzung aus dem Französischen und vom Telefonmitschnitt in Schrift klingt das Gespräch, das ich am 1. September mit Zeina Abirached geführt habe so:

Frau Abirached, erzählt Piano Oriental eine wahre Geschichte?

Zeina Abirached: Aber ja, das ist wirklich die Geschichte meines Urgroßvaters Abdallah Kamanja.

… ich frage das, weil die Geschichte wirkt, wie eine Parabel.

Das ist auch in Frankreich vielen so gegangen. Und doch ist alles, was ich im Buch erzähle, so passiert, oder so ähnlich.

Ich selbst habe ihn nie kennen gelernt. Er ist ja vor meiner Geburt gestorben. Er war jedenfalls, genau wie ich schreibe, Angestellter am Güterbahnhof, hat nebenbei als Klavierstimmer gearbeitet, als Erfinder – und er war Pianist.

Nur war das nicht sein Beruf – weil sein Vater dagegen war?

Er machte sich vermutlich Sorgen um seinen Sohn. Künstler zu sein hatte damals sicher einen noch schlechteren Ruf hatte, als heute. Und selbst da: Wenn ich erzähle, dass ich als Comickünstlerin arbeite, passiert mir oft genug, dass ich gefragt werde: ‚Ja, und, abgesehen davon, was machen Sie beruflich?‘

Abdallah Kamanjah ist allerdings Angestellter am Güterbahnhof. Nur lässt er das Klavierspielen nicht sein,…

…er ist ein leidenschaftlicher Pianist. Und gleichzeitig liebt er die orientalische Musik. Und er hat während seines gesamten Lebens immer diese beiden Passionen zusammenbringen wollen, die Liebe zum Klavierspiel – und zur orientalischen Musik. Dabei passen die eigentlich gar nicht zusammen.

Nein, der Titel „Piano Oriental“ wirkt sogar fast paradox, denn das Klavier verkörpert ja die westliche Harmonik und Diatonie, die sich gegen die melodiöse, orientalische Musik entwickelt hat. Ein Klavier bauen zu wollen, das orientalische Musik macht, …

..genau das war sein Projekt: Ein Klavier zu erfinden, auf dem sich orientalische Musik spielen lässt, für die Vierteltonschritte notwendig sind.

…das wirkt wie der Versuch, diesen kulturelle Kluft zu überwinden. War das sein Ziel?

Ob das sein Ziel war, weiß ich nicht: Sie müssen sehen, dass in dieser Zeit sehr experimentell mit Musikinstrumenten gearbeitet wurde, gerade auch mit dem Klavier…

..klar, John Cage…

Es ging darum, ein Instrument anders als klingen zu lassen, als gewohnt. Insofern lag so ein Projekt damals auch in der Luft. Was mich interessiert ist: Dieses Piano Oriental, das er gebaut hat, ist ein bilinguales Klavier. Ein Klavier, bei dem in einem westlichen Musikstück plötzlich ein wahrnehmbarer orientalischer Ton erklingen kann – ohne dass irgendetwas diese Möglichkeit des Wechsels verriete. Es sieht aus, und es lässt sich auch genauso spielen, wie jedes andere Klavier der Welt. Das war für mich der entscheidende Aspekt, dass man mit diesem Klavier von einer musikalischen Sprache in die andere switchen kann.

Diese Sprach-Metapher nutzen Sie, um im Buch die Erzählung Ihres eigenen Leben mit der Geschichte Ihres Urgroßvaters zu verschränken?

Das ist nicht nur eine Metapher. Das war, was mich ihm angenähert hat. Denn ich fühle mich zwei Kulturen zugehörig, ich habe zwei Muttersprachen. Und deshalb hat mich diese Geschmeidigkeit fasziniert, mit der dieses Instrument ermöglicht, diese Kopfgymnastik, diesen akrobatischen Wechsel zwischen den zwei Kulturen, zu absolvieren. Zwischen Kulturen die gerade auch infolge der aktuellen Entwicklungen so unvereinbar scheinen. Für diese Unüberwindbarkeit ist es das perfekte Gegenbeispiel.

Gleichzeitig ist ein Klavier ein perfektes Symbol für eine Ästhetik die sich so entschieden auf Schwarz und Weiß beschränkt, wie Ihre: Sie lehnen ja sogar Grautöne ab?

Das stimmt. Seit ich Comics mache habe ich mich für Schwarz-Weiß als Ausdrucksmittel entschieden. Es ist radikaler. Es erlaubt keine Kompromisse beim Layout, bei der Gestaltung der Panels, es zwingt zu grafischen Lösungen. Und gerade fürs „Piano Oriental“ hatte ich Lust, stark motivisch zu arbeiten.

Das sieht man: Die Tasten zum Beispiel tauchen ständig an völlig unerwarteten Stellen auf, in einer Hotelfassade, im Gebiss, auf einem Teppich, auf den Schuhen oder in den Fensterläden…

Ja, es ging darum, durch Wiederholungen und Transpositionen von Motiven eine visuelle Sprache zu entwickeln, die genau zu diesem Buch passt. Die große Frage war deshalb: Wie zeichnet man Musik? Wie bekommt man es hin, dass die Zeichnungen den Wechsel der Musik und der Klänge ausdrücken, etwa wenn Abdallah in Wien ist, um dem Klavierbauer Hofman seine Erfindung vorzustellen

Und das geht in Schwarz-Weiß besonders gut?

Ja, Schwarz-Weiß erlaubt, grundsätzliche Code-Wechsel zu gestalten: Beispielsweise indem ich einen Teil der Seiten Weiß auf Schwarz, andere Schwarz auf Weiß gestalte. Gleichzeitig bekommt der Rhythmus in Schwarz-Weiß eine stärkere Bedeutung oder auch die Entscheidung, eine Seite eher vertikal oder horizontal anzulegen. Alle diese Parameter werden deutlicher.

Wie in einer Partitur?

Das freut mich, dass Sie das so sehen. Ich habe eine Freundin, die Pianistin ist. Und sie hatte den gleichen Eindruck, als sie das Buch las: Sie hat es dann genommen und versucht am Klavier zu interpretieren. Das war zwar mehr ein Spaß, ein bisschen um sich zu amüsieren. Aber es war trotzdem sehr interessant.

Das Piano-Projekt bringen Sie in Ihrer Grafic-Novel relativ spät, nach etwa 100 Seiten, zur Sprache. Das Thema Musik ist aber die ständig präsent in ihrem Vorkriegs-Beirut: Wie wichtig war Ihnen, sich diese Stadt als von Klängen durchzogen vorzustellen?

Ich habe dieses Beirut nie gekannt. Ich bin ja erst im Bürgerkrieg geboren. Ich weiß, von Bildern, natürlich, wie es ausgesehen haben muss, und dass das heutige Beirut sehr verändert ist. Ich wollte aber dieses Beirut der 60er-Jahre mit meinen Zeichnungen neu schaffen – diese vitale, orientalische Stadt, mit ihren Suks, der Menge auf den Plätzen, den Erdnussverkäufern, den Gedränge und eben den Geräuschen der Straße und des Lebens. Die sind Teil des kollektiven Gedächtnisses, unseres sonoren Erbes.Für mich stand fest, dass dieses Beirut klanglich sein müsse.

Sie entwerfen es zugleich als Stadt ohne Religion, Poltik und Gewalt. Ist das als als ein Manifest zu lesen?

Es ist eine Entscheidung. Auch in meinen vorhergehenden Büchern, die vom Bürgerkrieg handeln, habe ich darauf verzichtet, Gewalt zu zeigen: Sie spielt eine Rolle. Sie ist aber aus meinen Bildern verbannt, genauso wie Religion und Politik. Gewalt ist nicht im Rahmen. Ich richte meine Kamera auf andere Orte, als die, deren Bilder die Medien beherrschen. Das lässt Piano Oriental vielleicht mitunter märchenhaft wirken. Das ist in Ordnung, ich habe nichts dagegen, wenn man das so sieht. Wobei die Geschichte aber nicht wirklich gut ausgeht.

Nein, eher tragisch: Ihr Urgroßvater scheitert letztlich. Und er stirbt im Januar 1975…

…ein paar Monate bevor der Bürgerkrieg ausbricht. Genau. Es ist dadurch für mich ein wenig, als wäre er der letzte Zeuge jener Zeit vor dem Krieg. Das Piano Oriental, das er erfunden hat, existiert noch in Beirut. Obwohl es hätte in Serie gehen sollen, ist es das einzige, das es je gab. Der Prototyp. Aber immerhin: Anfang September war ich nach Tournai in Belgien eingeladen zu einem Musikfestival, wo man, – stellen Sie sich’s vor! – angeregt durch meinen Comic-Roman ein Klavier konstruiert hat, ein mechanisches, wohlgemerkt, kein elketronisches. Und das kann Vierteltöne erzeugen. Ein Piano Oriental. Die Idee lebt also.



Zeina Abirached: Piano Oriental. Übersetzung aus dem Französischen von Annika Wisniewski, Avant Verlag, 212 S., schwarz-weiß , Klappenbroschur mit Foldout und Goldfolie, 29,95 Euro