„Wir wollen nur unser Erbe zurück“

»Warschau interessiert mich nicht! Wir wollen nur unser Erbe zurück«, erklärt Regina Segal ihrem Sitznachbarn während des Fluges von Tel Aviv Richtung Polen. Segals Familie gehörte vor der nationalsozialistischen Besatzung eine Immobilie, die sie mit Hilfe ihrer Enkelin Mika, ihre Begleitung auf der Reise in die Familiengeschichte, und eines Warschauer Anwalts zurückerstattet zu bekommen hofft. Bereits während des Fluges stellt sich jedoch heraus, dass das titelgebende »Erbe« mehr umfasst, als lediglich die Restitution früheren Familienbesitzes. Ein solches Erbe ist auch der Staat Israel, der nicht nur symbolisch, sondern ganz konkret in Gestalt des Ben-Gurion-Flughafens den Ausgangspunkt des Comics bildet, den Ort, von dem aus die Familie Segal in ihre eigene Familiengeschichte startet, von der Realität des Sicherheitschecks in die Realität der Vergangenheit.

Das Erbe - Cover

Israel bestimmte vor allem Modans 2008 erschienenen Comic »Bluspuren«, der ihre Auseinandersetzung mit der permanent anwesenden Bedrohung durch Selbstmordattentate sowie dem schleppenden Friedensprozess in ihrer Heimat darstellte. Der Comic lässt unterschiedlichste Stimmen zu Wort kommen, von illegalen Putzfrauen, Mitarbeitern der Gerichtsmedizin über Eltern gefallener Soldaten, Überlebenden von Anschlägen bis hin zu Angehörigen von Opfern, und zeichnet so ein differenziertes Bild der komplexen israelischen Gesellschaft. »Das Erbe« knüpft an diese Form des Erzählens an und ergänzt das in »Blutspuren« entworfene Bild um einen Blick zurück auf die Vorgeschichte Israels, das Verhältnis israelischer Juden zu ihrer osteuropäischen Vergangenheit und die Rolle der Shoah in Israel.

Das Erbe - Innenansicht

Denn auch wenn die Handlung von »Das Erbe« sich bereits vom ersten am Flughafen angesiedelten Panel an aus Israel wegbewegt, spielt auch hier die Gegenwart des noch immer jungen Landes eine zentrale Rolle. Oder die Gegenwart der Vergangenheit. Für die israelische Gesellschaft wie auch für die im Comic porträtierten Charaktere.


Rutu Modan: Das Erbe, Carlsen, Reinbek bei Hamburg 2013, 240 S., 24,90 Euro

Dieser Text ist ursprünglich in der Ausstellungsreihe „Gerahmte Diskurse“ der Linken Buchtage Berlin erschienen.

Bilder: Carlsen Verlag

 

Jonas Engelmann

Autor: Jonas Engelmann

hat Literaturwissenschaft studiert, über gerahmte Diskurse promoviert, Bücher über Riot Grrrl, Punk, Emo, Independent-Comics und jüdische Subkultur publiziert, gibt das Magazin "testcard – Beiträge zur Popgeschichte" mit heraus und arbeitet als Verleger im Ventil Verlag.