Bei den Roma

Als der aus Fotos und Zeichnungen komponierte Comic 2010 in Frankreich erschien, war die Diskussion um Nicolas Sarkozys »nationalen Krieg gegen die Kriminalität«, im Zuge dessen unzählige Roma abgeschoben wurden, in vollem Gange. Plötzlich seien Fotos wie jene, mit denen er über zehn Jahre hinweg die Lage von Roma in Europa dokumentierte und von denen er in all den Jahren kein einziges an die Presse verkaufen konnte, in allen Medien, reflektiert Alain Keler im Epilog des Comics.

Reisen zu den Roma - Titelseite

Geboren aus seiner Fassungslosigkeit angesichts der Aggression gegen eine Minderheit hatte Keler 1999 begonnen, sich mit den Lebensumständen und der Diskriminierung von Roma in Europa zu beschäftigen. Damals beobachtete er als Kriegsfotograf im Kosovo gewalttätige Ausschreitungen gegen Roma, deren Häuser angezündet wurden, weil man sie der Kollaboration mit dem serbischen Feind bezichtigte. 2008 kehrte Keler in den Kosovo zurück, wo sich die Lage für Roma mittlerweile etwas entspannt hatte, wenn auch, wie er bei seiner Weiterreise nach Belgrad feststellt, die Entspannung sich lediglich darin zeigte, dass keine Häuser mehr brannten, gleichzeitig aber etwa Roma in vielen Krankenhäusern nicht behandelt wurden, da sie keine legalen Papiere besaßen.

Zu den Roma - Seitenansicht

In den nächsten zwei Jahren reiste er nach Tschechien, Italien und die Slowakei und traf auf von der Mehrheitsgesellschaft isolierte Romagemeinden. Er lernte die Eltern der bei einem Brandanschlag im tschechischen Vitkow schwer verletzten, anderthalbjährigen Natàlka kennen und dokumentierte Naziaufmärsche gegen Roma in Litnov. Dank dem Desinteresse der Medien an den Fotoreportagen zeigten, entschied Keler, seine Bilder als Buch zu veröffentlichen, gemeinsam mit Emmanuel Guibert und Frédéric Lemercier, die die Fotos mit Comicelementen ergänzten. »Die Lösung eines Problems beginnt mit der Erkenntnis. Um etwas erkennen zu können, muss man näher hinschauen. Das tue ich, in meinem Rhythmus, mit meinen Mitteln«, beschreibt Keler im Epilog seine Hoffnung, mit »Reisen zu den Roma« zu einem Abbau der Ressentiments gegenüber Roma beitragen zu können.


Emmanuel Guibert / Alain Keler / Frédéric Lemercier: Reisen zu den Roma. Aus dem Französischen von Wolfgang Bortlik. Edition Moderne, Zürich 2012, 88 Seiten, 25 Euro

Dieser Text ist ursprünglich in der Ausstellungsreihe „Gerahmte Diskurse“ der Linken Buchtage Berlin erschienen.

Bilder © 2012 Verlag bbb Edition Moderne AG, Zürich, www.editionmoderne.ch

Jonas Engelmann

Autor: Jonas Engelmann

hat Literaturwissenschaft studiert, über gerahmte Diskurse promoviert, Bücher über Riot Grrrl, Punk, Emo, Independent-Comics und jüdische Subkultur publiziert, gibt das Magazin "testcard – Beiträge zur Popgeschichte" mit heraus und arbeitet als Verleger im Ventil Verlag.