„Knast, der seinen Namen nicht sagt“

»Ach, das Asylantenheim suchense! Sindse sicher, dasse da hinwolln?!«, ruft eine ältere Einwohnerin von Halberstadt auf Paula Bullings Frage nach dem Weg zur Zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber ungläubig aus. »Im Land der Frühaufsteher« beschreibt das Leben von Flüchtlingen in Sachsen-Anhalt, ihren Kampf gegen die Residenzpflicht, vergammelnde Heime, Alltagsrassismus und die drohende Abschiebung. Die Comicreportage problematisiert dabei immer wieder auch die eigene Perspektive der Beobachterin, die nach dem Besuch und Gespräch mit den Bewohnern der Heime in das eigene unkomplizierte und privilegierte Leben zurückkehren kann.

Titelbild: Im Land der Frühaufsteher

Paula Bulling berichtet ruhig von ihren Annäherungen an die in den Heimen ausharrenden Bewohner, beschreibt mit genau beobachteten Details in artifizieller Ästhetik das Leben im »Knast, der seinen Namen nicht sagt«, wie ihr Interviewpartner Aziz es beschreibt. Insbesondere den alltäglichen Rassismus, der den Flüchtlingen entgegenschlägt, wenn sie sich außerhalb der weit abgelegenen Heime bewegen, erfasst Bulling sehr genau. Dieser Rassismus und die miserablen Wohnbedingungen im Heim lassen Aziz erklären: »Ich bin hier seit mehr als ein Jahr. Jetzt bin ich wie verrückt. In diese Ort ich frage mich: Wer bin ich … und wo kann ich ein normal Mensch sein.«

Innenseite: Im Land der Frühaufsteher

»Im Land der Frühaufsteher« endet mit einem Kapitel über Azad Hadji, der 2009 unter ungeklärten Umständen gestorben ist, was die Medien kaum registriert haben. Er war im Sommer 2009 mit Verbrennungen am ganzen Körper nachts nach Hause gekommen. »Nazis haben mir das angetan«, konnte er seiner Frau noch erklären; zwei Wochen später starb er an seinen Verletzungen. Die Polizei ermittelte, dass er sich in einem in der gleichen Nacht explodierten Imbiss aufgehalten hat, erklärte ihn zum Brandstifter und schloss die Akte. Seiner Frau und seinen Töchtern drohte, wegen falscher Angaben im Asylantrag, drei Jahre später die Abschiebung nach Georgien, die im Juni 2010 in letzter Instanz abgewendet werden konnte. Mit dieser Realität entlässt Paula Bulling die Leser.


Paula Bulling: Im Land der Frühaufsteher. Avant-Verlag, Berlin 2012, 128 Seiten, 17,95 Euro

Dieser Text ist ursprünglich in der Ausstellungsreihe „Gerahmte Diskurse“ der Linken Buchtage Berlin erschienen.

Jonas Engelmann

Autor: Jonas Engelmann

hat Literaturwissenschaft studiert, über gerahmte Diskurse promoviert, Bücher über Riot Grrrl, Punk, Emo, Independent-Comics und jüdische Subkultur publiziert, gibt das Magazin "testcard – Beiträge zur Popgeschichte" mit heraus und arbeitet als Verleger im Ventil Verlag.