Noch immer nichts zu lachen

Obwohl sein eigener Autor, Alan Moore, das dünne Büchlein erklärtermaßen nicht besonders leiden kann, ist „The Killing Joke“ eine der wichtigsten Batman-Geschichten aller Zeiten. Je nachdem, wen man so fragt, liegt das entweder an Moores philosophischem Gebrasel über Macht und Moral (das war damals eben so üblich), oder daran, wie einfühlsam und psychologisch klug konstruiert Moores Joker rüber kam. Oder aber – und das ist angesichts der am Wochenende an den Start gegangenen Verfilmung das einzig interessante – weil der Band eine Sexismusdebatte losgetreten hat, die einer ganzen Autoren-Generation nachhaltig in den Arsch getreten hat. Nur bei den Machern des Films ist sie offenbar nicht angekommen. Sie wollten zwar irgendwas besser machen, hatten sie erklärt. Am Ende ist dann aber erst mit ihrer Hilfe eine richtige Vollkatastrophe aus Moores problematischem Comic-Klassiker geworden.

In der Geschichte wird Barbara Gordon von Joker in ihrer Wohnung überfallen, angeschossen, ausgezogen, nackt und mit schmerzverzehrtem Gesicht abfotographiert und dann einfach liegen gelassen. Sie überlebt zwar, ist aber von nun an querschnittsgelähmt. Für den Comic noch schlimmer als die mindestens angedeutet sexualisierte Gewalt ist ihr Sinn in der Erzählung: Misshandelt wurde Barbara nicht in ihrer Rolle als Batgirl, sondern weil sie die Tochter von Commissioner Gordon ist. Der soll nämlich mit den Fotos gequält werden. Sein Charakter ist es, der über die Qualen der objektivierten Frau an Tiefe und Drama gewinnt.

„The Killing Joke“ ist kein Einzelfall, wie die Website „Women in Refrigerators“ belegt. Dass diese sexistische Erzählfigur zumindest in der us-amerikanischen Debatte wohl bekannt ist, liegt vor allem an Nerdkram-affinenen Feministinnen wie Anita Sarkeesian (der man dafür mit Schlägen und Vergewaltigung droht). Die Sache ist ganz einfach:

„The Killing Joke“ ist fast 30 Jahre her, Moore hat seine Schwächen längst eingesehen, die Geschichte ist kein Extremfall – und mit Barbaras späterer Rückkehr als Super-Hackerin im Rollstuhl mag sie die Comicwelt möglicherweise sogar unfreiwillig bereichert haben. Doch wer das Buch heute aus dem Schrank holt, es neu veröffentlicht oder eben verfilmt, der muss sich irgendwie zu der uralten Debatte verhalten. Darum hat Joker-Experte Brian Azzarello dem Film eine neue Vorgeschichte geschrieben.

Allerdings eine, die sprachlos macht: Barbara wird anders als im Comic zwar als Batgirl eingeführt, ist dabei jedoch selbst über das in der Figur angelegte Maß hinaus Batman-hörig. Sie lässt sich in praktisch jeder Szene zurechtweisen und belehren, wird vom Gangsterschnösel noch lächerlich gemacht, während sie ihm die Fresse einschlägt („I bet it’s that time of the month again.„) Und weil Batman als superschlaue Vaterfigur noch nicht furchtbar genug ist, schläft sie dann auch noch mit ihm – um danach am Boden zerstört zu sein, weil er sich nicht meldet mit seinem Fledermaus-Telefon.

Dem Erfolg des Film steht das augenscheinlich nicht im Weg. Weil die Umsetzung dem Buch so gerecht werde, heißt es. Und das stimmt zwar, ist aber nun wirklich kein Grund zur Freude.

Jan-Paul Koopmann

Autor: Jan-Paul Koopmann

ist Redakteur der taz.bremen, schreibt über Comics aber auch anderswo: Auf Spiegel Online zum Beispiel, bei Beatpunk.org und für die Kreiszeitung(.de).