Alle lieben Haifisch

Weil Liebe keinen Preis hat, wie der Heilige Hieronymus in einem Brief an seinen Freund Rufin feststellte, war Anna Haifisch beim Erlanger Comicsalon dieses Jahr leer ausgegangen. Von der Moderatorin bis zur Max und Moritz-Gewinnerin hatten doch alle klar gesagt und bekannt, dass der beste deutsche Comic des Jahres Haifischs Erstling „Von Spatz“, erschienen beim kleinen Kasseler Rotopol-Verlag, gewesen sei. Was ja stimmt. Und dass ihre gerade bei Reprodukt herausgekommenen The Artist-Strips die ganze Community  schon begeistert hat, als sie noch, Woche für Woche, als Comic-Kolummne im Vice-Magazin herauskam. Was ja auch wahr ist.  Ebenso, wie, dass sich alle freuen, dass diese auto- und metierreflexive Serie in eine weitere Runde gegangen ist.

Alle lieben also Anna Haifisch. Und die muss mit dieser Last jetzt leben. Dazu noch den Ruhm eines Preises zu tragen, gleich für das erste, abendfüllende Album – das hätte die Jury der jungen Frau offenbar nicht zumuten mögen. Das ist sehr human.

Es wäre aber möglich gewesen, es ihr zuzutrauen. Denn die in North Dakota geborene Haifisch  weiß, wie man mit Ruhm und der Last einer berühmten Herkunft umgeht: Die uneheliche Tochter von Wil Eisner und einer Ur-Ur-Enkelin der 1821 geborenen zweiten Tochter Caspar David Friedrichs, die bereits jeden Hinweis auf sich und die damit eröffnete Seitenlinie der Familie aus dem von Susanne Papenfuß erstellten Stammbaum durch  juristischen Druck unterbunden und damit die dreijährige Forschungsarbeit der Kunsthistorikerin ihres wichtigsten Ergebnisses beraubt hatte, macht ihre Familiengeschichte produktiv, indem sie so tut, als hätte sie diese verleugnet: „Die Geschichte habe ich mir, wie Karl May, komplett ausgedacht“, sagt sie jedem, der daran glauben will, über ihren Comic-Roman „Von Spatz“.

Aber dank Arno Schmidt wissen wir ja: Auch Karl May hat sich das nicht alles mal so eben ausgedacht, sondern seine erotischen Erfahrungen während eines Gefängnisaufenthalts transformiert in abenteuerliche Erlebnisse in den unendlichen Weiten der USA mit ihren Gebirgen und Tälern und verschatteten Hohlwegen. So, nur eben genau umgekehrt, ist es bei Haifisch. Und deshalb stimmt der Satz natürlich: Völlig fiktiv sind die Ereignisse während der Therapie Walt Disneys in einer kalifornischen Promi-Nervenheilanstalt unter der Sonne Kaliforniens, dem nach ihrer Leiterin Margarethe von Spatz benannten „von Spatz Rehab-Center“.

Diese behandelt dort Zeichner, mitunter auch Szenaristen, durch eine Mischung aus Arbeits- und Kunsttherapie: Beim Pinguin-Dienst sinniert der deprimierte Walt nicht nur darüber, dass er es hasst, Fisch anzufassen, sondern auch, dass ihn das Zeichnen davon abhält „zur Gefahr für die Gesellschaft“ zu werden. An den gestellten Zeichenaufgaben scheitert er ebenso kläglich wie beim Fimo-Modellieren. Das ist, was der Comic in lose miteinander verknüpften Episoden, erzählt.  Selbstverständlich ist das alles ausgedacht. Allerdings: Was wäre, wenn man einfach mal die Namen ändern  und im Licht der eigenen Familiengeschichte betrachten würde, dem verworrenen und geheimen Leben Haifischs.

Radikal verknappte Hinweise auf die hier entrückt verhandelten Lebensläufe  und Schlüssel für die Lektüre geben die ausklappbaren Umschlagseiten: Die vordere erzählt im radikalen Zeitraffer von nur sieben ungleich formatigen Panels die Auswanderer-Saga derer von Spatz, wie die nobilitierte Familie mit Singvogelnamen hier nun einmal verfremdet heißen soll – es bedürfte einer mehrjährigen philologischen Untersuchung, um nachzuzeichnen, wie die Künstlerin dieses von der Realität geschriebene Epos transformiert hat.

Die hintere Umschlagseite betont dagegen das Motiv der Familien-Geschichtsschreibung: Als „Hall of Fame“ bezeichnet, aber im Stile einer Ahnengalerie arrangiert, finden sich hier mit den Zügen ihrer Helden oder ihrer Schöpfer verschmolzene Porträtskizzen von Comic-Künstlern und -Figuren: Osamu Tezuka tritt ebenso auf wie der Ninja-Turtle Leonardo. Zugleich wird dem göttlichen Charles M. Schulz eine gewisse Vorherrschaft eingeräumt, was sich sich zu einer  Konstanten im Werk Haifischs entwickelt: Das erste Blatt ihrer aktuellen The Artist-Serie zeigt das Alter Ego der Künstlerin hingestreckt auf einer Hundehütte. Hier, auf der letzten Seite des von Spatz-Bandes,  tritt Schulz selbst auf, im schönen gelben Pullover mit schwarzem-Zick-Zack-Muster, den er stets so liebte. Außerdem bekommt Woodstock ein eigenes Panel. Und zudem hält das Genie aus Tampere, Roope Eronen, eine Art Snoopy Ex-Voto hoch: Zu den jüngsten Werken Eronens gehört der leider nur auf Finnisch und Kisuaheli verfügbare essayistische Comic „Koiran Kakaa“ (2014), Titel der wörtlich übersetzt „Des Hundes Scheiß“ bedeutet, und eine kritische Auseinandersetzung mit Snoopys politischem Denken im Kontext von Hannah Arendts Zigarettenkonsum formuliert.  In der von Spatz-Hall of Fame fehlen aber, und diese Auslassungen sind zweifellos signifikant, ausgerechnet:  Friedrich und Eisner. Und, logisch, Walt Disney, der zweifellos berühmteste Patient der Comic-Autorenklinik, von dem doch sogar das Buch berichtet.

An deren  Stelle tritt, ganz konsequent und als einzige Frau: eine Anna Haifisch der nicht allzufernen Zukunft. Im Selbstbildnis der jungen Künstlerin als preisüberhäuftem, Burnout-geplagtem, stark gealtertem, ballonhüllenschlappem, gelbem Vogel des kommenden Jahrzehnts konvergieren Vergangenheit und Ängste der Autorin. Der  liegt, ausgemergelt und stilistisch Lewis Trondheims Enten nicht unähnlich, über einen simplen Stuhl hingestreckt da und kann nichts mehr von sich geben, als eine amorphe, lachsfarben ausgemalte Sprech- und Denkblase ohne Worte.  Die Ängste werden, im noch unmittelbarer autobiografisch lesbaren „The Artist“-Album, einer Sammlung von zunächst als Web-Comic auf vice.de erschienenen Strips, die im Mai im Reprodukt-Verlag herausgekommen ist, noch schärfer und zugleich noch ausgelassener thematisiert: Die Stimmung, die herrscht, lässt sich als eine depressive Heiterkeit beschreiben, vielleicht. Oder eine heitere Depression. Man ist ja kein Psychologe.

Grün gibt es in Anna Haifischs Büchern nicht. Das Fehlen von Grün war einst ein Kennzeichen des Paradieses: „Beati fruuntur Dei visione“, schreibt Thomas von Aquin in der Summa theolgiae. „Ergo in eis spes locum non habet.“ Weil die Seligen vom Anblick Gottes beglückt werden, hat in ihnen die Hoffnung keinen Platz. Die Hoffnung ist irdisch. Und die Hoffnung ist Grün, wie das Untergewand Jesu in der Ikonenmalerei, das anzeigt, dass er eben auch ein Mensch war.

Nicht nur durch ein geschickt in die Erzählung eines Elternbesuchs einmontiertes Malewitsch-Zitat in der ersten „The Artist“-Serie beweist Haifisch ihre Affinität zu dieser aus dem Mittelalter stammenden  Kunsttradition. Sie greift sie auch ganz direkt in der zweiten auf, in der  Juni-Ausgabe, in der sie ihr Ich-Zeichen als mit Gloriole versehenen Heiligen Lukas inszeniert, den Patron aller Maler.  Und im von Spatz-Epos schafft sie überwiegend mit Cadmiumgelb- statt Goldgrund ihren Künstlergöttern und -propheten eine Sphäre des Überirdischen, oft des Himmlischen, in der sie deren legendhaftes Leben berichtet. In „The Artist“ beschwört sie diese Väterreihe gerne durch zitierenden und Splash-Panels – Pastiches von Werken von Friedrich, Spitzweg, Mattisse, van Gogh – , die selbst das Künstlerdasein reflektieren, und auf die stets zwei Seiten im Waffelraster mit je sechs Quadratien folgen. Dieses Muster hat Haifisch auch für die zweite Artist-Serie beibehalten, die auf Vice soeben gestartet ist.

Die rhythmisch komplexere „von Spatz“-Novel huldigt ihnen in durch ihre erlöste Spannungslosigkeit komische Sequenzen. So stellt Margarethe dem missmutigen Walt und seinen Mitpatienten – sie bleiben anonym,  weil die Nachfahren Pat Sullivans, des Schöpfers von Felix the Cat, jede Erinnerung an den Klinikaufenthalt aus seiner Vita getilgt wissen wollen, und der andere, der  Tomi heißt, eine Maus ist und gerne grimmige Katzen malt, ohnehin an niemanden besonderen denken lässt –  weil „das freie Zeichnen nicht klappt“ eine therapeutische Malaufgabe: „Aaalso – zeichnet eine Geschichte mit einem Eimer, einer Meise….“, improvisiert sie, „…und einem Wiesel mit einem lustigen Hut“.

Es folgt eine Seite,  in deren linker oberer Ecke der Patient, der aussieht wie Felix the Cat, sich in einem quadratischen Panel abmüht: Das Ergebnis nimmt als komplett entdynamisiertes, blaudominiertes Splash den Rest der Seite ein. Der mausiforme Tomi  hingegen packt auf sein Blatt eine maßgeblich rosagetönte Minigeschichte in zehn extrem schmalen Panels, die auch als Daumenkino funktionieren könnten: Ein gelbes Wiesel mit Zylinder schreitet vor einer himbeersahnerosa Mauer, über der ein lachsrosa Himmel blüht, pfeifend auf einem schwarzgesprenkleten wüstengelben Boden: Er stolpert, nicht ganz unverschuldet, über einen Eimer, schreit „AAAH“, verliert seinen rosa-weißen Stock und seinen Hut fallen, und verschlingt dabei versehentlich die Meise, auf der er mit offenem Mund beim Sturz zu liegen kommt: „Garrr“ und „Haps“.

Walt hingegen hat ein stygisches Panorama mit schwarzem Himmel und drohend zackenden Felsen in organische Bildrahmen entworfen. Über den Fluss kommt ein schwarzer Fährmann, der die am Ufer lagernden Passagiere holen will: Ein Wiesel mit Strohhut, ein Eimer Korn und eine Meise. Ein klassisches Rätsel. Die theoretische Erörterung des Logicals erfolgt in aller Ausführlichkeit auf zwei Seiten, deren letztes Bild den Tod mit der Meise im Kahn auf dem Weg ans andere Ufer zeigt; eine dritte  Seite mit sechs ultrabreitformatigen Panels ist sodann der weiteren praktischen Durchführung gewidmet.

Es geht hin.

Und her.

Und hin.

Und her.

Und hin.

Und her.

Und hin.

Und das war’s.

Nur über dem letzten Bild, lacht ein schöner Kindermond mit.


Anna Haifisch: Von Spatz, 68 Seiten, Farbe, Rotopol, 18 Euro

Anna Haifisch: The Artist, 64 Seiten, Farbe, Reprodukt, 14 Euro

Die Wiener Galerie Lambert in der Fendigasse zeigt noch bis 29. Juli 2016 eine Auswahl von Splash-Panels aus dem The Artist-Themenkreis. Besuch nur nach Voranmeldung