Die sture Lok

Emil Zátopek ist in Tschechien Nationalheld. Seine kürzlich als Comic erschienene Lebensgeschichte steht für die Kämpfe, die das Lande im vergangenen Jahrhundert mit Hitler im Westen und Stalin im Osten zu führen hatte. Im Rest der Welt ist Zátopek immerhin eine Sportlegende: 1952 gewinnt der Läufer, von nun an bekannt als „die tschechische Lokomotive“, in Helsinki gleich drei mal olympisches Gold: 5.000 Meter, 10.000 und dann noch im Marathon – seiem allerersten.

Doch weil auch Helden irgendwann das Vergessen droht, wenn man nichts dagegen tut, hat man 2016 zum Zátopek-Jahr ernannt. Auch seine Comic-Biographie, die Jan Novák geschrieben und Jaromír „Jaromír 99“ Švejdík gezeichnet hat, wurde darum vom tschechischen Kultusministerium gefödert. Ums Laufen geht es da natürlich und ums Gewinnen. Nur, dass Zátopek eben nie einfach nur für sich und seinen Spaß gerannt ist: Arbeitgeber, Staat und Ideologie geben zwar den Ton an, sind im Comic dafür aber über erstaunlich lange Passagen abwesend. Da nimmt mal jemand den Stalin von der Wand und tauscht ihn gegen ein Kruzifix, als die Deutschen kommen. Und danach eben wieder zurück. Als Leser aber ist man doch meist bei dem Läufer, seiner Freundin oder eben beim Wettkampf.

Als Zátopeks Trainer nach dem Februarumsturz der stalinistischen KSČ verhaftete wird, trainiert sich der Läufer einfach selbst. Es muss eben weitergehen, wie eine Doppelseite beklemmend auf den Punkt bringt: Während rechts dem Trainer im Verhör Elektroschockfolter droht, hält links einer dem gerade siegreichen Schüler das Pressemikro unter die Nase.

Jaromírs Zeichnungen sehen mit ihren groben Flächen und kantigen Formen schwer nach Holzschnitten aus. Die grell-weißen Sprechblasen sind schmucklose Rechtecke, die ebenfalls wenig Dynamik ins Geschehen bringen. Das ist erst mal nichts Schlechtes. Am Bremer Theater, wo Jaromír auch gerade mit seiner Kafka-Adaption auf der Bühne (und ausgestellt auch im Foyer) zu sehen war, da trägt ist Starre seiner Bilder ein großer Gewinn für die Stimmung: Wenn im Grunde harmlose Schatten und Fugen zu Gitterstäben werden und die sonderbar abstrakte Gefangenschaft so bildlich einfangen.

Aber im Sportcomic? Tatsächlich wirken die Panels wie Standbilder, sind zwar präzise ausgearbeitet, wo sich Muskelpartien anspannen oder rot kolorierte Flächen Anspannung zeigen. Dass es trotzdem wunderbar funktioniert, liegt aber vor allem an der Bildauswahl. Denn wir kennen diese Standbilder – aus dem Fernsehen: Das Gedränge am Start oder diesen diesen Moment, wo einer durchs Zielband rennt, erkennt man wieder.

Oder eben hoch symbolische Arbeiten wie diese wunderbare Doppelseite: 18 gleichmäßige Panels zeigen nur den Läufer vor einem leeren Hintergrund. Ein Fuß hebt ab, im nächsten Bilder der Schritt, dann das Nachziehen – und weiter mit dem anderen Bein. Verändern tut sich nur die Kleidung. Oben links startet Zátopek mit Stahlhelm, Gasmaske und Marschgepäck – schält sich mit jedem Panel ein bisschen, legt erst die Uniform ab und verwandelt sich so vom Soldaten zum Athleten in Shorts und Turnschuh. Die Sache ist nur: Er ist und bleibt der gleiche Läufer.

Um Zátopeks Sturheit geht es seinen Biographen. Wie er sich an der Familie reibt, an seinen Chefs und schließlich auch an dem Staat, für den er da antritt. Zátopek einen Widerstandstandskämpfer zu nennen, wie das immer mal wieder passiert, das ist wohl zu viel. Aber er war doch mindestens ein ziemlicher Dickkopf, der sich auch als Megastar im „Wettstreit der Völker“ nicht vor den nationalen Karren spannen lassen wollte. Und wer weiß, ob das dem totalitären System letztend Endes nicht doch am meisten geschmerzt hat?

Die Bescheidenheit des Comics tut jedenfalls gut – verglichen mit den schmierigen Übergriffen, die Kultur- und sogar Klamottenindustrie vor ein paar Jahren noch unternommen haben. Zumindest hiervon braucht es auch im Zátopek-Jahr 2016 kein Revival:


Jaromír „Jaromír 99“ Švejdík, Jan Novák: Zátopek, Voland & Quist, 2016, 208 Seiten, 24,90 Euro

Jan-Paul Koopmann

Autor: Jan-Paul Koopmann

ist Redakteur der taz.bremen, schreibt über Comics aber auch anderswo: Auf Spiegel Online zum Beispiel, bei Beatpunk.org und für die Kreiszeitung(.de).