Charta gegen den Sexismus

Die im Folgenden erstmals auf Deutsch dokumentierte Charta der Comic-Künstlerinnen gegen den Sexismus des von Lisa Mandel  2013 initiierten,  und inzwischen – Stand Mitte Juni 2016 – auf 221  Autorinnen angewachsenen Colllectif des créatrices de bande dessinée ist kein Endpunkt der Debatte und markiert auch natürlich nicht ihren Anfang.

Aber indem sie für eine unter einer  Mehrheit der stilistisch, künstlerisch und auch politisch sehr unterschiedlichen, sehr individualistischen frankophonen Comic-Künslterinnen konsensfähige Standortbestimmung sorgt, setzt sie auch einen   wichtigen Impuls für die Debatte über die Neunte Kunst.

Denn:  Sexismus ist ein häufig an die Comic-Szene gerichteter Vorwurf; und ein häufig zurecht an die Comic-Szene gerichteter Vorwurf. Der Sexismus des Comic ist nicht nur Resultat dessen, dass eine Kunst, die in ihrer Nähe zur Karikatur und ihrem konstitutiven Spiel von Vereinfachung und Mimesis gerne auf bestehende Stereotype zurückgreift – zu deren hartnäckigsten die Geschlechterklischees zählen – auf eine mehrheitlich männliche Konsumentenschar trifft, auf deren Bedürfnisse durch Bestätigung ihr zugeschriebener Vorurteile vermeintlich angemessen reagiert würde, sondern auch der durch diese Konstellation begünstigten, etablierten Verlags- und Vertriebsstrukturen.

Hier ist zweifellos und gerade in Ländern mit großer Comic- und Feminismustradition wie Frankreich, in denen die Diskussion schon lange geführt wird, etwas in Bewegung geraten. Das hat der verbreitete und veröffentlichte Ärger über die frauenfreie Shortlist des Prix d’Angoulême auch in Deutschland wahrnehmbar gemacht. Die nötige Resonanz und Nachhaltigkeit kann dieser begründete Ärger aber nur entfalten, weil sich bereits wirksame Netzwerke gebildet hatten. So hatte auch Julie Maroh  das 2013 von  Lisa Mandel initiierteCollectif des créatrices de bande dessinée contre le sexisme„, das sich mittlerweile auch mit der spanischen Vereinigung der „autóras de comic“ verbunden hat, über eine vom Centre Belge de la BD konzipierte Ausstellung informiert. Sich an der zu beteiligen war die Autorin von „Le bleu est une couleur chaude“, die Comic auf mitreißende Weise als Medium politischer Kämpfe nutzt,  zwar eingeladen worden. Sie hatte sich aber ganz und gar nicht geschmeichelt gezeigt: Die Schau, die für 2016 in Brüssel geplant war, hätte „La BD des filles“ heißen sollen- also „Mädchencomics“.

Maroh, zur Teilnahme aufgefordert, kritisierte scharf den wie auch immer wohlmeinenden Sexismus eines Konzepts, das Frauen eine Extra-Nische am Rande zuweist. Direktor und Kurator Jean Auquier zog, einigermaßen beleidigt, zurück. Dafür bekommt nun Frank Pé zu seinem 60. Geburtstag mal die Gelegenheit, seine Bildergeschichten zu zeigen, zweifellos einer der besten Männer der zweiten Reihe des frankobelgischen Tiercomics. Das Netzwerk aber hat sich durch diese Aktion vergrößert und  hat, zur Klärung der Positionen, besagte Charta veröffentlicht: Es ist kein theoretisch-tiefes, sondern ein radikal-pragmatisches Manifest, das keine utopischen Entwürfe sondern eher Mindestanforderungen formuliert, adressiert an die Comickultur einer, die sich darauf verständigt hat,  Diskriminierung scheiße zu finden, es bloß nicht hinkriegt, danach zu handeln.  comickritik.de bedankt sich bei bdegalité.org, dieses Manifest erstmals in deutscher Sprache unter einer Vignette von Maroh präsentieren zu dürfen.


 

Da unsere Arbeit ständig zum Gegenstand geschlechtsbezogener Fragen gemacht wird, mit denen unsere männlichen Kollegen nicht konfrontiert werden, haben wir, Comic-Künstlerinnen, entschieden, uns zusammenzuschließen, um die Formen, die der Sexismus auf diesem literarischen Feld annimmt, anzuprangern und zugleich Möglichkeiten vorzustellen, um ihn zu bekämpfen.

Unser Kollektiv besteht aus mehreren hundert Frauen.

Charta der Comic-Künstlerinnen gegen den Sexismus

  • Da „der männliche Comic“ niemals definiert oder bezeugt worden ist, ist es herabsetzend, für die Frauen als Autorinnen, sie gesondert als Urheberinnen eines so genannten „weiblichen Comics“ zu betrachten. Sofern diese Bezeichnung uns bestimmte stereotype Charakteristika bezüglich unserer Arbeit und unserer Art, zu denken anheften soll, erkennen wir, Comic-Künstlerinnen, uns darin nicht wieder. Genauso wenig, wie sich unsere männlichen Kollegen auf ihre Männlichkeit für ihre Werke berufen, berufen wir uns auf unsere „Weiblichkeit“1.
  • „Der weibliche Comic“ ist kein erzählerisches Genre. Adventure, Sci-Fi, Krimi, Romanze, Autobiografie, Komödie, historische Erzählung, Tragödie, sind Genres, die Frauen als Autorinnen meistern, ohne dass sie dafür auf ihr biologisches Geschlecht verweisen müssten.
  • Geschmäcker und Fähigkeiten von Leuten nach ihrem biologischen Geschlecht bestimmen zu wollen, ist ein Vorurteil, das jeder realen Grundlage entbehrt. Neurobiologische Studien und die experimentelle Psychologie beweisen, dass die kognitive Entwicklung beider Geschlechter gleich verläuft2.
  • Die Bezeichnung „girly“ dient nur der Verstärkung sexistischer Klischees. Wir weisen die Vorstellung zurück, dass über Schlussverkäufe und Cupcake-Rezepte zu sprechen als „weiblich“ zu etikettieren. Shopping und/oder Fußball zu mögen sind keine geschlechterabhängigen Eigenschaften. Zu entscheiden, dass die durch den Ausdruck „girly“ bezeichneten Eigenschaften zur Weiblichkeit gehören, ist frauenfeindlich angesichts dessen, dass sich die Bedeutung des Worts nach der Nichtigkeit und/oder Gefühligkeit der behandelten Sujets bestimmt.
  • Frauen-Buchreihen herauszugeben, ist frauenfeindlich: Dadurch wird eine Differenzierung und Hierarchisierung im Bezug auf eine übrige Literatur, auf die Allgemeinheit der Lektüren, geschaffen, die sich – im Umkehrschluss – ans männliche Geschlecht richten würden: Warum sollte das Weibliche jenseits des Universellen seinen Ort haben? Auf diese Weise zu unterscheiden, allein auf Basis von Stereotypen, hat ausschließlich nachteilige Wirkungen auf die Wahrnehmung, die Frauen von sich selbst haben können, auf ihr Selbstvertrauen und ihre Leistungen. Das Gleiche gilt für die Männer – zumal, wenn sie sich zu dem hingezogen fühlen, was eine Fantom-Autorität als „weiblich“ rubriziert hat. So lange man weiterhin aus dem Männlichen die Norm und aus dem Weiblichen eine unterlegene Besonderheit macht, werden die Kinder nicht aufhören, sich auf den Schulhöfen als „Mädchen“ oder „Schwuler“ zu beschimpfen.

FÜR EINE FEMINISTISCHE OFFENSIVE DES COMICS

  • „Feministisch“ ist kein Schimpfwort. Der Feminismus ist der Kampf für die Gleichheit von Mann/Frau in unseren Gesellschaften, ist also Anti-Sexismus, und wir wollen eine egalitärere Literatur fördern.
  • Wir ermutigen die Vielfalt der Darstellungsformen im Comic. Die AutorInnen und Beteiligten in der Produktionskette des Buchs sollten mehr Frauen sichtbar machen, familiäre, homo-partnerschaftlichen Eltern-Kind-Schemata gestalten, People of Colour und die ethnische und soziale Pluralität zeigen.
  • Wir erwarten von Comic-Künstlern, Verlegern, Institutionen, BuchhändlerInnen, BibliothekarInnen und JournalistInnen, dass sie im vollen Umfang ihre moralische Verantwortung wahrnehmen für die Verbreitung sexistischer und allgemein diskriminierender Erzählmuster (homophobe, transphobe, rassistische, etc.). Wir hoffen, zu sehen, wie auch sie eine Literatur fördern, die sich von ideologischen Modellen frei macht, die das Handeln und die Persönlichkeit ihrer Figuren auf sexuellen Stereotypen aufbauen.
  • Wir ermutigen die BuchhändlerInnen und BibliothekarInnen, von Frauen gemachte oder vermeintlich für Mädchen bestimmte Bücher nicht separat in ihren Auslagen zu präsentieren: Die Tatsache, dass mehr Heldinnen vorkommen oder aktiver sind, als männliche Figuren, besagt nicht, dass Jungen und Männer sich mit ihnen nicht identifizieren und die Erzählung nicht mögen können.
  • Wir hoffen, dass die Künstler, Verleger und Institutionen darauf achten, welche Schätze ein jeder von uns in sich trägt, und, dass es in uns keine hermetische Trennung zwischen männlich und weiblich gibt, außer jener, die uns die Gesellschaft und die Religionen aufzwingen. In jedem existiert eine Fülle von Dingen zwischen, rund um und jenseits dieser Begriffe von männlich und weiblich. Dies ist unser Kapital und die Literatur sollte davor keine Angst haben.

1Da das Weibliche und das Männliche sozio-kulturelle Konstrukte sind, werden wir hier nicht den Anspruch erheben, eine in sich geschlossene, erschöpfende Denfition von ihnen vorzulegen

2Siehe diverse Studien zu diesem Thema – verlinkt sind mehrere Berichte über relevante einschlägige  Studien aus dem frankophonen Raum.