Der Mann, der zu viel tratschte

Was bisher geschah. Im Jahr 1995 stirbt Hugo Pratt: Seine „Corto Maltese“-Comics  ließen sich immer als ein Schwanengesang des Machismo rezipieren. Hugo Pratts wilde, ungezähmte Zeichenkunst, die dann doch immer wieder in diese rau-zärtliche Skizzenhaftigkeit ausfranste, die Lakonie des Helden und die lauernde Omnipräsenz raubtierhafter Gewalt machten klar: Diese Gestalt hing den Männlichkeitskonstruktionen Jack Londons  und Lebensentwürfen à la Ernest Hemingway nach. Hier blühten sie noch einmal, ein letztes Mal (und zugleich erstmals) in ihrer ganzen Schönheit, die, weil längst die Moderne ihn überflüssig gemacht und die Maschine den starken Mann ersetzt hat,  die Ahnung des Untergangs in einen staub-goldenen Schimmer hüllte, in dem sich die sonst an ihn gebundenen rassistischen und misogynen Denkmuster in nichts auflösten: Antikapitalistisch, libertär – anarchistisch.

Folgerichtig spielten die Geschichten, die sich sonst nur bedingt für Folgerichtigkeit interessieren, an allen nur erdenklichen Krisenschauplätzen, die nur dieses eine Kriterium erfüllen mussten: Die Weltgegend hatte so abgeschieden und technisch so weit rückständig zu sein, dass an ihr  die Tötung des Gegners noch in guter, alter Handarbeit zu erledigen war.

Und so ihre Zeit brauchte: Vier Panels lang erdrosselt Corto im Sibirien-Band den Major Spasetov, den er beharrlich falsch Spasseton nennt. Zuvor hat die Waffe des Kosaken Ladehemmungen. „Click!“

Jahre später, lass es 20 sein, kommste ins Büro, liegt da ein Corto-Band. Titel: Unter der Mitternachtssonne. Kennste nicht, also neu.

Was ist das? Deins?

Nee, keine Ahnung wo’s her is.

…asomasehn…. Szenarist: Juan Díaz Canales. Zeichner: Rubén Pellejero, kennste die?

Muss ich die kennen?

Naja. Der eine macht Katzenkrimis. Der andere hat mal, aber das ist ewig her, dass es den noch gibt….! Zwei Herren gefühlt zwischen Midlife Crisis und Prostata. Ham’s also wirklich gemacht: Einen neuen Corto-Band. Bei Schreiber & Leser, die jetzt die wirklich schöne neue Corto-Gesamtausgabe machen, in feiner Ausstattung mit den wichtigen Sekundärtexten, dem Eco-Essay, auch jetzt eine kluge Reflexion von Tristan Garcia,  aber ein 13. Abenteuer? Ein neuer Band? Wozu? Was soll das? Warum tut man das? Darf man das?

Na, das ja wohl schon: „Der Gedanke, dass jemand Corto Maltese eines Tages nimmt und weiterschreibt, schockiert mich überhaupt nicht“: O-Ton Pratt. 

Ach, haste also doch schon reingeguckt!, okay, das kann man vielleicht so sehen, aber..

Jedenfalls Canales sieht das so: In seiner kurzen Vorrede schreibt er, Pratt habe „uns“, also ihm und Pellejero, „die Freiheit“ gegeben, „seinen Helden wider zum Leben zu erwecken“. Er und Pellejero  hätten dabei „Cortos Namen und sein Erbe“ respektiert, sich aber auch „gewisse Freiheiten“ erlaubt hätten…..

Arrrhabarber! Wusste gar nicht, dass er die zwei kannte! „Uns die Freiheit gegeben… Na, vielleicht sollte man sie einsperren!

Hey!

Ne, aber schau doch mal, was ist das denn überhaupt für ’n legitimatorischer Quatsch! Das erklärt nichts, nichts, nichts, außer,  okay, das vielleicht, dass Corto von seinen Neuautoren für tot gehalten wurde. Kann man denn etwas anderes als  Tote „wieder zum Leben erwecken“? Und auch das kann eigentlich nur Jesus, und auch der nur, wenn man dran glaubt! Halten die sich für Jesus? Wird hier eine Leiche gefleddert?! Hm?!??!!!? Aber selbst dazu sind die beiden ja nicht im Stande, das wäre ja grafisch wenigstens spektakulär und hätte ein bisschen Pep in die Dialoge gebracht, aber stattdessen lässt Canales seinem Hang zur wortreichen Gemeinplätzigkeit nicht nur in der proleptischen Suada die Zügel schießen, sondern…

…was zum Teufel für eine was?

Vorwegverteidigung. Gequirlter Quorgel. Sinnloses Gesülz. Muss man sich nur mal genauer anschauen: Corto Maltese unter anderem Namen fortzusetzen wäre ja kompletter Schwachsinn. Das ist überhaupt keine Option. Und wer mit hohlem Pathos erklärt: „Wir respektieren Cortos Namen und“ – was auch immer das sein mag „sein Erbe“, der sondern Sprechblasen ab, ohne etwas zu sagen. Das ist schlicht nur Geblubber.  Und noch dümmer finde ich die sich daran anschließende binsenweise Proklamation: „Wir erlauben uns auch gewisse Freiheiten“. Uiuiuiuiui! Gewisse Freiheiten! Ohne die wäre den beiden Herren nur übrig geblieben, einen der Original-Bände durchzupausen und abzuschreiben! Was allerdings das Schlechteste nicht gewesen wäre.

Jetzt werd mal nicht fies, ja?

Nein, nein, ich bin nicht fies, was heißt denn hier fies. Das was die Neuschreiber des unsterblichen Corto hier machen, das ist fies, hier, da, schau dir das mal an, schon auf den ersten Seiten, auf der ersten Seite muss selbstredend Rasputin auftauchen –  das ist eine bildgewordene, tiefe, tiefe epigonale Furcht, die ihn dahin gesetzt hat, denn hier müssen die zwei die Erwartungen der Fangemeinde durchdekliniert werden, und der Nominativ der Erwartung, die allererste ist bei Corto-Fans natürlich, wo bleibt Rasputin, wann taucht er auf. Also lassen sie Rasputin in einer disfunktionalen Sequenz am Anfang durchs Bild laufen, aber das ist halt nur ein rosa Elefanten-Auftritt, der kann diesem dunklen Herzen der Serie natürlich keine neue Facette abgewinnen oder hinzufügen, und deshalb wird er auch später nicht noch einmal erwähnt werden, er ist der Vollständigkeit halber da,  zack, abgehakt, weiter, jetzt noch irgendwelche fast vergessenes historisches Personal aufstöbern, reinsetzen, Matthew Henson, Waka Yamada, Frank Slavin, halt beinahe-Promis, die heute keiner mehr kennt, Häkchen dran, fertig, und Ikonen wie Jack London, selbstredend, überall Häkchen dran, und, aber da machen sie auch noch einen Recherchefehler: Im Bemühen um politische Korrektheit heißen die Eskimos Inuit, dabei spielt der Band nicht in Nunavut, sondern in der Gegend von Dawson und in Alaska, wo nun mal eher Yupik leben, die sich nur ungern mit einem Wort aus dem Inuktitut bezeichnen lassen, das sie selbst weder nutzen noch kennen: Gut, die zentrale Intrige des Buchs ist die Geschichte des fiktiven Häuptlings Ulkurib, die, vermutlich, angelehnt ist an jene des Abraham Ulrikab. Dessen Gebeine sind 2015 nach Labrador zurückgebracht worden, 135 Jahre nach seinem Tod. Ulrikab und seine Familie waren Exponate im Zoo Hagenbeck, die im deutschen Reich rumgereicht wurden, als Völkerschausensationen, nach dem ersten Erfolg mit den Grönländern 1877 und zuvor 1876 den Sudanesen jetzt wieder Eskimos in  Hamburg!, immer nur herein die Herrschaften!, 1880 ist das,  dann Berlin, Krefeld, Frankfurt und so weiter,  später Prag und Paris, sind dann an Pocken gestorben, alle acht Personen,  zwei Familien, weil die Hagenbecks das ganz vergessen hatten, sie zu impfen, immer diese Nachlässigkeit aber auch, und als das auffiel, war es halt schon zu spät.  Das Tagebuch des erschreckend frommen Ulrikab gibt Auskunft über alle seinen Stationen, es ist ein wichtiges Dokument. Und dieser Mann war tatsächlich Inuit, was eben für seinen Wiedergänger im Neo-Corto den Ausschlag gegeben haben dürfte.

Ist der auch so fromm?

Neijennn!. Ulkurib ist auch Inuit. Nur ist er halt deutlich aggressiver: Von mährischen – also deutschen – Missionaren getauft unterschreibt er einen Vertrag, um sich „in einem französischen Zoo“ als Attraktion zu verdingen – dabei haben die Franzosen ihre Eskimos immer nur bei Hagenbeck gemietet! – und als dann alle außer ihm an Pocken sterben, kehrt er zurück und zettelt, „in seinem Hass auf das britische Imperium“ – wo er sich den erworben hat, nachdem ihn Deutsche und Franzosen misshandelt haben: unklar –  „einen blutigen Aufstand eingeborener Stämme an“, wobei Robespierre und Toussaint Louverture Pate stehen, und eine Guillotine sich gegen die Unbillen der Witterung unter der Mitternachtssonne behaupten muss, das ist keine verkehrte Geschichte, das kann man durchaus gut finden, und man kann sich natürlich fragen, ob ethnologische Bezeichnungen für Corto nicht völlig irrelevant sind,  schließlich leitet er keinen Wert von Zugehörigkeiten ab, also Schwamm da drüber, aber immerhin: Er scheint sie als Quelle von Alterität anzuerkennen. Er ist jenseits des Rassismus, jenseits der Verebungslehre, nennt sich Bastard, überschreitet Grenzen wie nichts, aber das wird ja erst zum Abenteuer, weil SIE EXISTIEREN!

Ja, ist ja schon gut,  jetzt…

Ne, eben nicht. Nichts ist gut: Schau dir doch mal diese Linienführung an!! Immer wohlanständig und brav geschlossen. Das ist so bieder, als ginge es um ein Sequel von Quick und Flupke! Nicht mal softpornografisch traut sich Pellejero, dabei ist das ja sowas wie seine Spezialität, aber nein!, alles wirkt, als säße dem Zeichner ständig die Angst im Nacken, einen Strich zu setzen, den Pratt so nicht gesetzt hätte – weshalb ihm keine einzige Figur so gelingt, wie dem: Statt sich Freiheiten, einige noch dazu, zu nehmen geht es  genau um – also: Es ist nicht grundsätzlich etwas gegen dieses Minimieren zeichnerischer Individualität  zu sagen. Das kann sinnvoll sein, oder gar eine notwendige Strategie, Manga-Kultur lebt davon, dass Zeichnende ihr Ego auch mal auslöschen können, und das macht sie so anschlussfähig an die industrielle Produktionsweise, und auch Funnies müssen genauso Normen erfüllen,  es gibt ja Produkterwartungen der Leserschaft, denen müssen sie genügen: Also nimm  mal, jetzt nur zum Beispiel, also wenn du einen Don Rosa von einem William van Horn Donald-Strip unterscheiden kannst, und beide sind doch wirklich großartig und prägend gewesen, ist dann bist du für mich schon ein echter Experte, also ich habe damit Mühe, jedenfalls auf Distanz. Aber: Das ist Donald. Donald ist ein Typ. Donald ist Donald. Aber Corto…. Corto ist nicht Donald. Corto ist…

…Corto?

Ha, ha, ha. Sehr witzig. Ja, Corto ist Corto, aber wichtig ist ja, Corto ist eine Gestalt,  deren ganzes Sein jenseits der Normen und im Widerspruch zur Normativität angesiedelt ist. Corto ist sozusagen das Individuum gewordenen Individuationsprinzip, und da, sorry, aber dabei ist diese künstlerische Herangehensweise Schrott, ein Akt der Entseelung, also gar nicht in einem metaphysischen Sinne, sondern, weil das Konzept der Figur, die Idee, wie ausgelöscht ist,  sie bleibt eine leere Hülse, oder auch nur deren Oberfläche, weshalb die Farbfassung fast schon besser ist als die in Schwarz-Weiß, in der das so schonungslos hervortritt, das sind zwar poppigfette Adobe-Farben, also nichts da mit von salzwässrigem Aquarell, aber immerhin: Diese schreckliche Leere wird wenigstens übertüncht, diese unglaubliche, schreckliche Leere, diese mentale Ödnis,…

…ach, jetzt übertreib‘ mal nicht…!

Nein!, guckdoch!, guck! GUCK!:  Nichts da übertrieben: Es ist ja sogar ganz offenkundig so, dass selbst Canales die gespürt haben muss, diese Hohlheit, diese abgrundtiefe Leere, warum sonst hätte er sie so mit seinem Wortschwall aufgefüllt?  Als hätte er sich eine hartnäckige Polyphrasie zugezogen zieht Corto predigend durch Alaska, „ständig jammerst du über das frische Klima“, sind seine ersten, mütterlichen Worte, die er im Prolog des Bandes an Rasputin richtet, „schäm dich! Noch dazu als Russe“, also so ’n bisschen mit rassistischer Grundierung,  und später wird er dann konstatieren: „“Hm, das ist aber nicht die feine Art. Von einem Freund erwarte ich dass man sich von Angesicht zu Angesicht verabschiedet“: Das soll also der Mann sagen, der im „Goldenen Haus von Samarkand“ Freundschaft einen „beunruhigenden Begriff“ nennt! „Von einem Freund erwarte ich….“ Nein, nein, nein, hörst du?  Hörst du das? Diese Stimme? Also früher, da hatte man sich Cortos Stimme nicht unbedingt als besonders tief vorgestellt, eher als hoher Bariton, oder sogar Tenor, aber doch eben als  rauchig-maskulin, also ich zumindest. Und jetzt – also das was er da absondert: Also für mich klingt das wie die deutsche Stimme von Kermit, dem Frosch!

Hast du jetzt auch noch was  gegen Kermit?

Nein. Nichts. Ich habe nichts gegen Kermit. ‚türlich nicht. Kermit ist toll. Aber eben: Corto ist nicht Kermit. Corto müsste sicher ein Anti-Kermit sein. Corto ist kein Frosch. Und der Punkt ist: Wenn Pratt 1967, in einer Zeit, in der alle Fronten geklärt sind und sich die Welt in zwei einander gegenüberstehende waffenstarrende Blöcke aufgeteilt hat, deren  Gesellschaften keineswegs nur in Deutschland als so bleiern und so gestrig und so eng und so neobiedermeierlich erfahren werden, dass alle, die etwas schreiben, denken und malen, gegen diese Erstarrung anarbeiten, dass jede kulturelle, intellektuelle und kreative Betätigung jener Phase die Dynamik der Revolte oder doch wenigstens der Agitation atmet, wenn Pratt also in so einer Zeit auf die Abenteurer- und Pionierepoche,  die zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg, vielleicht in Spanien, unwiderruflich vergangen ist, zurückgreift, so ist das eine durchaus melancholische Rückwendung, eine Sehnsucht nach einer Zeit, in der die Grenzen einer wie auch immer mystifizierten Epoche eben umstritten, verhandelbar waren. Oder umkämpft: Die äußeren Grenzen in den Kriegen, die inneren in den Revolutionen – und beide bringen ja einander hervor. Corto partizipiert als Melancholiker an den progressiven Aufbrüchen seiner Zeit, und seine Melancholie speist sich aus dem Wissen darum, dass es seine Lebensweise ist, die durch sie letztlich beseitigt und sogar indiskutabel wird. Die historische Konstellation aber, aus der heraus Canales-Pellejero ihn auf den Weg schicken, ist genau umgekehrt: Die Grenzen weltweit verschieben sich, die gesellschaftliche Ordnung entzieht sich dem deskriptiven Zugriff.  Die revolutionären Bewegungen haben ausgedient, sie sind vorbei, die Blöcke zerbrochen. Das ist eine Zeit, die reaktionäre Helden hervorbringt. Ihre Frage lautet: Wie sich in dieser Welt bewegen. Corto weiß es. Corto weiß wo’s lang geht, und schreitet unbeirrt voran. Corto gebietet souverän dem Ausnahmezustand. Ein Mann, wie er sein soll, wie sie selber gerne wären, das haben Pellejero und Canales aus ihm gemacht….

Ähm, ich müsst jetzt was arbeiten…

Man kann fast sagen, ein richtig sympathischer Faschist ist aus ihm geworden.

Ich hab‘ echt zu tun.

Es ist sooo traurig.


 

Rubén Pellejero, Juan Díaz Canales: Corto Maltese – Unter der Mitternachtssonne, farbig oder s/w, 100 S. , 24, 80 Euro