Schwein mit Maske

„Batman v. Superman: Dawn of Justice“ ist ein schlechter Film. Das sagt die Kritik und nach anfänglicher Euphorie scheint die leider wahre Erkenntnis nun auch bis ins Szene-Publikum durchgesickert zu sein. Comicfans haben ein wenig gebraucht, ihr im Allgemeinen nicht ganz unberechtigtes Misstrauen gegenüber professioneller Filmkritik zu überwinden. Das dürfte an einem Missverständnis liegen, dem nicht nur Hollywood aufgesessen ist, sondern das so bis heute auch in der Comicgeschichte festgeschrieben ist. Dieses Missverständnis trägt den Namen Frank Miller.

Dabei hat Miller auf den ersten Blick nur indirekt mit „Dawn of Justice“ zu tun. Klar, den Grundkonflikt Superman vs. Batman hat Miller bereits 1986 in seiner legendären Batman-Serie „The Dark Knight Returns“ durchbuchstabiert. Regisseur Zack Snyder hat auch andere Gedanken von dort aufgegriffen: den seit seit ein paar Jahren im Ruhestand befindlichen Batman etwa, die beknackte Rüstung – ja sogar das Cover taucht als Filmeinstellung wieder auf. Aber das ist Hommage – mehr nicht – und damit Tagesgeschäft im Comic und in seinen filmischen Nacherzählungen sowieso.

Spannend ist die Frage, warum man in der ansonsten eigenständigen Geschichte ausgerechnet Miller herbeizitiert, wenn DC eben nicht nur irgendeinen neuen Film macht, sondern ein neues Filmfranchise ins Rennen schickt.

Was Miller also so relevant macht, dass man ihm zutraut, bis heute wirksame Ideen und eine Anhängerschaft (also Geld) mitzubringen. Die Antwort liegt in den 80er Jahren: Millers „Dark Knight Returns“ und Alan Moores „Watchmen“ haben einen neuen Blick auf das kriselnde Superhelden-Gerne geworfen. Düsterer, klug die eigene Geschichte als Scheitern reflektierend – und beide als politisch und bestimmt irgendwie sozialkritisch verstanden. Das hat sich gut verkauft. Wohl auch, weil das Marketing mitzog und das alles so dezidiert für Erwachsene daher kam.

Millers Batman war ein stummer Gewaltmensch, ein Faschist vielleicht, ganz bestimmt aber einer, der Macht und Stärke mit beinahe erotischen Zügen abfeiert. Gotham steht im am Abgrund, ist Hauptstadt des Verbrechens. Doch bei Miller scheint es um mehr zu gehen: Die ganze Zivilisation scheint gescheitert. Gangs regieren die Straße, während die Fernseher heiß laufen. Batman ist kein Detektiv mehr, sondern einer der aufräumt, der härter durchgreift als die Bullen (die ihn dafür heimlich feiern), der auf die alten Tage nochmal das Gas beim Batmobil durchtritt – und der das geil findet.

Zwischen Zeichnung und Text ist keine Spannung: Handeln und Denken sind identisch. Mit grotesk verzerrter Fratze wird die des anderen eingeschlagen und fertig.

Dass auch viele Linke diesen Batman und seinen Schöpfer bis heute gut finden, ist eigentlich nur über argumentfreien Glauben an die Unschuld des Mediums zu erklären – oder eben, weil es kurz darauf in den 90ern unmöglich wurde, einen Schwachsinn von sich zu geben, der groß genug wäre, dass ihn nicht irgendwer als ironisch-kritisch geweiht und an jeder Vernunft vorbeigewunken hätte.

Endgültig Schluss damit war erst 2011 als Millers islamfeindlicher Propagandacomic „Holy Terror“ erschien. Ein Batman war’s zwar doch nicht geworden, abgesehen vom Label aber eine konsequente Weiterentwicklung des hirnlosen Reinschlägers. Und damit war der Bogen überspannt: Selbst wer heute noch abstreitet, dass Miller auch damals schon scheiße war, der sieht in der Regel doch mindestens ein, dass mit Miller-Batman kein Franchise zu machen ist. Weil er eben alt, gescheitert und der Letzte ist.

Genau das versucht aber der Film und darum funktioniert er auch nicht: Batman kommt wieder zur Besinnung, wird dank gemeinsamen Mutterkomplexes wieder best friend von Superman – alles wieder gut und versöhnt, um mit neuem Elan in serieller Unendlichkeit weiterwurschteln zu können. Was bleibt, ist die würdevolle Erinnerung an den Arschlochhelden und seine „grim and gritty“ Umgebung – natürlich keine Erfindung von Miller, aber doch untrennbar mit seinem Namen verbunden.

Der moderne Superhelden-Film ist nur in seiner Vorgeschichte als Comicverfilmung zu begreifen. Während sich die Serien marketingtechnisch immer enger verzahnen, ist man einander stilistisch fremd geworden. Comic ist heute 30 Jahre weiter als Snyders Bezugspunkt, hat übrigens von „Watchman“ viel mehr mitgenommen als von „The Dark Knight Returns“. Aber auch Batmans hätte es bessere gegeben, um als Filmvorlage zu dienen.

Es ist schon bitter, dass dem phantastischen Film nichts mehr einfällt, seit er technisch in der Lage ist, (mit genug Kohle) alles zu zeigen, was man sich vorstellen könnte. Stattdessen eben Rumgespiele mit Bildern, ohne deren Zusammenspiel auch nur ansatzweise beriffen zu haben.

Dafür – und nur dafür – kann Frank Miller mit einigem Recht als Ikone gelten. Doch DC und Warner kleben an ihrem Faschistenbild, weil es mal schick war, weil das Marketing damit einmal gut gefahren ist – und vielleicht, weil man angesichts der politischen Weltlage darauf setzt, dass die Zeit wieder reif ist, für widerspruchsfreie Gewaltphantasien.

Jan-Paul Koopmann

Autor: Jan-Paul Koopmann

ist Redakteur der taz.bremen, schreibt über Comics aber auch anderswo: Auf Spiegel Online zum Beispiel, bei Beatpunk.org und für die Kreiszeitung(.de).