Ganz bestimmt kein Bilderbuch

Dass Comics sind Kinderkram seien, war bis vor ein paar Jahren zumindest hierzulande noch unbestritten. Da lagen „Micky Maus“ und „Yps“ im Supermarktregal, und wer als Ausgewachsener noch einen Comic in die Hand nahm, der griff zu „Asterix“– weil er den eben als Kind schon so gerne las. Doch seit Comics Graphic Novels heißen, im Feuilleton besprochen werden und immer öfter auch Ausstellungen bespielen, da macht ein Verlag wie Reprodukt plötzlich Furore damit, eine völlig neue Sparte ins Programm zu nehmen: Comics für Kinder.

Der Witz an der Sache ist: Diese Bücher sind tatsächlich etwas
Neues und haben nur wenig zu tun mit den dünnen Heften plus Spielzeugbeilage aus dem Supermarkt – und noch weniger mit klassischen Bilderbüchern, deren Kombination von viel Bild mit wenig Text man auf den ersten Blick ja auch schon für eine Art Comic halten könnte. Dass die Reihe „Kiste“, die von Patrick Wirbeleit geschrieben und vom Neu-Bremer Uwe Heidschötter gezeichnet wird, ausdrücklich kein Bilderbuch ist, liegt erst mal allerdings nicht am Stoff: Der Junge Mattis
freundet sich mit einem sprechenden Karton an, den seine Eltern
für eine ganz normale Kiste halten. Gemeinsam erleben die beiden überschaubar gefährliche Abenteuer und bauen allerlei Zeug. Denn die Kiste ist eigentlich der Werkzeugkasten eines Zauberers.

Doch anders als im Kinderbuch liegt die Spannung bei „Kiste“ im Arrangement der Panels und der Seiten. Pointen sitzen im Umblättern, Bewegungsabläufe strecken sich über die Seiten. Und obwohl das alles ohne viel Trara daher kommt, überraschen immer wieder rasante Perspektivenwechsel oder ein Zoom aufs Detail – immer im gekonnten Zusammenspiel mit den kurzen und prägnanten Texten in den Sprachblasen.

„Kiste“ hat jedenfalls eine Dynamik, die man den matten Bildern dieser harmlos-fröhlichen Gestalten mit stets leicht geröteten Bäckchen auf den ersten Blick gar nicht zutraut. Heidschötters Ausbildung zum  Animationszeichner macht sich bemerkbar, wenn Mattis und Kiste über 17 Panels an einer Wippe bauen und man dem Gehämmer der hübsch schlicht kolorierten Figuren mit Freuden zuschaut.

Funktionieren tut das Spielgerät dann übrigens nicht. Weil ein auf einen Block genageltes Brett eben auch dann nicht wippt, wenn sich zwei Personen auf die Ränder stellen. Das wissen auch Kinder. Ohne aufdringliche pädagogische Hintergedanken wird hier auf  Erfahrungswissen zurückgegriffen und der Spaß am Basteln in Geschichten übersetzt. Und wer am Anfang noch die Sorge hatte, die Chaoshandwerker seien eine Geschichte nur für Jungs, der darf sich über ein Kindermädchen freuen, das deutlich taffer
ist, als es zunächst scheint …

„Kiste“ ist für Kinder ab sechs Jahren, aber auch für JungleserInnen anderer Altersklassen finden sich Titel im Verlagsprogramm. Und obwohl auch Erwachsene ihren Spaß an der sprechenden Kiste haben werden,
beweist der Verlag Fingerspitzengefühl im Umgang mit der Zielgruppe. Das sind eben keine dieser Geschichten für alle Altersgruppen, die ja doch
meist Erwachsene zum Kauf bewegen sollen und für die Kleinen nur noch auf Gewalt und komplizierte Worte verzichten.

Wobei: Ganz frei von Zugeständnissen an den Markt ist freilich auch die Erfolgsgeschichte von „Kiste“ nicht. Die erste Auflage kam noch als
schlichte Pappbroschur daher – und blieb im Handel erst mal liegen. Man hat aufgestockt und dem Buch ein Hardcover spendiert. Für Kinder wird eben Hochwertiges gekauft und so richtig rund läuft es erst, seit die Bücher ein bisschen teurer sind. Zur Zeit ist die vierte Auflage des ersten Bandes draußen, im Herbst soll der nächste Teil erscheinen.

Reprodukt ist auch im dritten Jahr seiner Kindersparte führend in diesem Segment. Und das ist schon bemerkenswert: Seit der Verlag – diesen Monat übrigens genau vor 25 Jahren – an den Start ging, ist er maßgeblich daran beteiligt, den Erwachsenencomic auf dem deutschen Markt zu etablieren. Mit biographischen Erzählungen aus der Punk-Szene und aus sozialen Gruppen, die im Comic bis dato kaum zu Wort kamen.

Die lateinamerikanische Bevölkerung der USA hat etwa in „Love and Rockets“ ihre große Comicserie gefunden, die auf deutsch bis heute bei Reprodukt läuft. Doch wie deren Charaktere sind auch die VerlegerInnen der Indie-Comics älter geworden und haben heute selbst Kinder, die an der Leidenschaft teilhaben sollen.

Kindercomics wie „Kiste“ stehen so für eine Ausdifferenzierung des Mediums – zielgruppengerechte Qualitätscomics statt Halbgarem für
alle. Vielleicht ist die neue Generation von ComicleserInnen damit die erste, die wirklich frei von beknackten Schubladen und Vorurteilen ins Genre einsteigen kann.


Patrick Wirbeleit, Uwe Heidschötter: „Kiste“, Reprodukt, 2014, 72 Seiten, Hardcover, 14 Euro

Patrick Wirbeleit, Uwe Heidschötter: „Kiste: Kein Unsinn“ & „Kiste: Fluchtmücken und Wetterzauber“, Reprodukt, 2015, 80 Seiten, Hardcover, 14 Euro

Jan-Paul Koopmann

Autor: Jan-Paul Koopmann

ist Redakteur der taz.bremen, schreibt über Comics aber auch anderswo: Auf Spiegel Online zum Beispiel, bei Beatpunk.org und für die Kreiszeitung(.de).