Sieg und Scheitern der Suffragetten

Wer die Geschichte der Suffragetten-Bewegung als heroisch-solidarischen Aufbruch der „einfachen Frauen“ serviert bekommen will, muss ins Kino gehen. Im Comic „Sally Heathcote – Suffragette“ dagegen, der im Deutschen unter dem sperrigen Titel „Votes for Women. Der Marsch der Suffragetten“ bei Egmont erschienen ist, bleibt die Spannung und die Dynamik der frühen Frauenbewegung erhalten. Seine Autorin, die Historikerin Mary M. Talbot macht sie auch erzähltechnisch schon in der Exposition mit harten Übergängen regelrecht spürbar: Die ersten fünf Seiten des ersten Kapitels spielen an vier unterschiedlichen Schauplätzen, sie springen vom Herbst 1969 in den Sommer 1912, um dann vom 5. Oktober 1912, dem historischen Datum des  Bruchs zwischen den historischen Frauenrechts-Ikonen Emmeline Pankhurst und dem Feministen-Ehepaar Emmeline und Frederick Pethick-Lawrence, via Rückblende in den Frühling 1898 zu switchen. Dort endlich ist der Startpunkt der Erzählchronologie erreicht.

Die folgt Sally Heathcotes Biografie. Und in jenem Jahr kommt die fiktive Protagonistin in den großbürgerlichen Haushalt der realen Standesbeamtin Pankhurst, als Dienstmädchen. Durch ihre Biografie und durch ihre Augen lässt Talbot die LeserInnen die Komplexität der Bewegung erleben – ihre Momente berauschender und machtvoller Solidarität ebenso wie ihre Zerwürfnisse, ihre herzzerreißenden Machtkämpfe und die Klassengegensätze, an denen sie letztlich, wenn sie mehr hätte sein sollen, als die Lösung eines Nebenwiderspruchs, siegreich gescheitert ist.

Denn klar haben die Frauen das Wahlrecht erstritten. Aber ebenso klar ist, dass sie damit das Patriarchat nicht erschüttern oder gar beenden konnten: In Teilen mit ihrem Erfolg auch bestätigt hat sich eben jene Befürchtung Rosa Luxemburgs, dass „die meisten bürgerlichen Frauen, die sich im Kampfe gegen ‚die Vorrechte der Männer‘ wie Löwinnen gebärden, […] im Besitz des Wahlrechts wie fromme Lämmlein mit dem Troß der konservativen und klerikalen Reaktion gehen“ würden, ja sie „sicher noch um ein Beträchtliches reaktionärer als der männliche Teil ihrer Klasse“ sein könnten, rabiater und grausamer in der Verteidigung ihrer Privilegien, sofern sie nur den vollen Zugriff auf diese bekommen. Mary Talbot spricht das nicht aus. Aber mindestens die Folgen daraus akzentuiert sie durch die Rahmenerzählung.

Das erste Panel und die letzten Seiten des Bandes zeigen Sally im Herbst 1969 auf dem Sterbebett. Im übrigen, sehr zurückhaltend kolorierten Album hat Kate Charlesworth die Protagonistin stets mit zinnoberroten Haaren gezeichnet. Diese Idee, die Layouts und das Lettering des Albums stammen von Bryan Talbot, dem Ehemann der Autorin und Grandville-Erfinder. Der Rest ist das Werk von Charlesworth, auch wenn deutsche Rezensenten offenbar lieber den Mann als den Urheber der Zeichnungen dieser feministischen historischen Grafic Novel behaupten. Immerhin wird konzediert, dass er das Werk „nicht im Alleingang“ geschaffen hat.

Hier aber ist der sonst leuchtend rote Schopf weiß, von leichtem Blaugrauschimmer durchzogen. Ihre Tochter Sylvia und ihre Enkelin Emely haben Sally Blumen ins Park Place-Pflegeheim mitgebracht. Sie überreichen ihr den Strauß, als die alte Dame aus dem Dämmer des Tagschlafs, dessen Traum der Marsch der Suffragetten ist, erwacht. „Setzen sie das Wahlalter nicht bald auf achtzehn herunter“, fragt die Heldin das junge Mädchen, das an ihrem Bett sitzt, und entflammt: „Stell dir das vor! Nächstes Jahr kannst du wählen!“ Und Emily bloß so: „Ach, das ist mir ziemlich egal, Oma.“ Und doch hat dieses Mädchen dieselben Zinnober-Haare wie Sally, die Kämpferin.

Auf der letzten Seite des Bandes arrangiert Charlesworth dann die Schätze der alten Dame, die Abzeichen, Presseausschnitte, Reunion-Tickets, Medaillen und Kampfauszeichnungen zu einem eindrucksvollen hyperrealistischen Stillleben: Die Gattung ist per se ein memento mori. Und es ist ja gut möglich, dass die in diesem Bild noch einmal zu Glanz gekommenen Erinnerungen am Ende des Tages nur eine Schublade alten Plunders sind. Mindestens der seit den 1990ern im Vereinigten Königreich beobachtete gender-gap bei der Wahlbeteiligung belegt ja, dass viele Enkelinnen das von ihren terroristischen Großmütern erkämpfte Recht nicht mehr als das ihre wahrnehmen.

Man kann dieses Stillleben auch als eine Art Schlüssel für die ganze graphic novel lesen: Zu den Besonderheiten der sozial heterogenen Suffragettenbewegung gehörte, dass sie von Anfang an mit Mitteln des Design, wiederkennbarer Farbgebung – lila weiß und gürn – und mit moderner, künstlerischer Gestaltung ihre eigene Einheit herstellte. Die Suffragetten führten ihren Kampf mit Gewalt. Aber diese Gewalt bezog ihre Schlagkraft weniger aus einer einheitlichen oder nach Einheit heischenden Theorie, als aus einer Cooperative Identity, die mithilfe von merchandising, Grafiken, Cartoons und Comicstrips sehr bewusst produziert worden ist. Und die Suffragetten wurden mit der Gewalt von Mob und Polizei niedergeknüppelt – und mit Cartoons und Comicstrips bekämpft, im ganzen Commonwealth. Weltweit.

Die Frage schwelt schon das 19. Jahrhundert über, 1869 erreichen mehrere hundert Petitionen fürs Frauenwahlrecht das britische Unterhaus, in Frankreich akzentuiert die Commune die emanzipatorischen Bewegungen: Dort widmet selbst so eine politikferne Illustrierte wie die Wochenzeitschrift La Chanson Illustrée dem „Plébiscite des Demoiselles“ 1870 ihre Titelkarikatur.  Im Punch, im Melbourne Punch und im New Yorker Puck wimmelt es nur so von diffamierenden Bildergeschichten zur Frauenwahlrechtsbewegung.

Besonders fasziniert sind die Herren Redakteure natürlich von den Gewalttaten, die ab 1910 auf der Tagesordnung stehen: Frauen zerlegen Automobile, Frauen schmeißen Scheiben ein, und immer wieder rekurrieren Bilder auf den Hungerstreik. So erscheint im Puck in der Ausgabe vom 7. Mai 1913 „The Steadfast Suffragette“, ein ebenso brillanter wie zynischer Strip von Louis M. Glackens: Die standhafte Frauenrechtlerin zeichnet Glackens als fette Vetula, die auf einem Hocker vor ihrer Gefängnispritsche sitzt und mit griesgrämiger Miene die schönsten Leckereien verschmäht, die ihr John Bull in Frack und Stiefeln vier Panels lang serviert.

Im kreisförmigen fünften sieht man die abgemagerte Frau sich durch die Gitterstäbe zwängen. Ihre Beine hängen noch in der Zelle. „One good pull girls, and I’ll with you“, steht im Textfeld. Auf dem sechsten über die ganze Seitenbreite gezogenen Bild ist zu erkennen, dass sie es geschafft hat: Ihre Mitstreiterinnen tragen sie auf den Schultern, ein Triumph- und Demonstrationszug. Sie hält einen Votes for Women-Wimpel in der Linken, und John Bull versucht vergeblich, die sechs Frauen mit Hummer und Schampus zurück in den Knast zu locken. „Da war Methode hinter ihrer Fastenkur“, witzelt sarkastisch der Untertitel dieser Bildergeschichte.

Umgekehrt legen die Suffragetten-Zeitschriften selbst den Zynismus der Regierung offen: „Treatment of political Prisoners under a liberal government“, am 10. Januar 1913 in The Suffragette erschienen, ist eine politische Zeichnung, signiert von dem Pseudonym A. Patriot. Aber für Humor gibt es in ihrem entschieden dramatischen Strich keine Platz mehr. Gezeigt wird die Zwangsernährung. Drei Pflegerinnen und ein Wärter halten die auf einen schräg nach hinten gekippten Stuhl gebundene Frau im Gleichgewicht. Ein Doktor füllt Nährlösung über einen Trichter in einen Schlauch in ihren Mund. Seine Brillengläser glühen weiß, tot und gefühllos.

Kate Charlesworth‘ Zeichnungen bleiben im „Marsch der Suffragetten“ ständig im direkten Kontakt zu dieser historischen Grafik-Schlacht: Jedes der drei Kapitel des Albums bekommt ein den Titelblättern der zeitgenössischen Kampf-Journale entlehntes eigenes Cover. Oft tauchen solche Zitate und Reprisen auch direkt im Bilder-Text auf, innerhalb von oder als eigene Panels: Charlesworth greift berühmte Anti-Suffragetten-Valentins-Postkarten auf, etwa jene, mit der die Frauenrechtlerinnen 1910 als dumme Gänse diffamiert werden.

Die zurückhaltende Kolorierung des Bandes dient der Inszenierung der politischen Farben Lila, Weiß und Grün über Hintergrundhandlungen wie Zeitungslesen und Plakatieren referieren ihre Zeichnungen sehr direkt auf diese oft vergessenen Ebenen der Auseinandersetzung. Und während einige der von zeitgenössischen Fotografien abgezeichneten Köpfe und Gesichter mitunter etwas eckig und überraschend ungelenk geraten, übeträgt sich die in den grafischen Original-Medien aufbewahrte Dynamik des Kampfs ganz unmittelbar in Charlesworth‘ Strich: Viel weniger experimentell als in ihren Wissenschafts-Strips wirkt er doch keineswegs gefällig, sondern widerborstig, hart und in den Gewaltausbrüchen regelrecht explosiv, als wäre er noch lange nicht am Ende. Und vielleicht ist er das ja nicht.

Und so wird auf schwarzem Grund und in einheitlich engen, hochformatigen Panels Sallys Gefängnisaufenthalt erzählt – sie hat, mit einem Kopfstoß, einem Bobby das Nasenbein gebrochen – ihr Hungerstreik und die extrem brutale Zwangsernährung ausgemalt. Auf schwarzem Grund auch die Exkursion eines Anschlagskommandos: Die Protagonistin tritt so an die Stelle des nie gefassten, aber immer vermuteten dritten Mitglieds jener Bombenlegerinnen-Zelle, die im Februar 1913 Schatzkanzler Lloyd Georges Anwesen gesprengt, einen Golfplatz verwüstet und einen Brandanschlag auf Regent’s Park unternommen hatte. Ganz zu schweigen von einer Serie Briefbombenattentate.

Manchmal gewinnt echte Antipathie gegen die historische Figur die Oberhand. Offensichtlich ist das bei Herbert Asquith: Der Premierminister, unter dem das eigens um die Frauen zu schikanieren ersonnenene Katz-und-Maus-Gesetz verabschiedet wurde, verwandelt sich bei der Audienz für die Frauen-Delegation unversehens in einen blutdurstigen Kater vor einer Schar Mäuse. Aber stärkere Aversionen brechen im realistischen Modus hervor. Und die scheint vor allem Pankhurst  Charlesworth inspiriert zu haben: Ja, auch sie ist in ihrem Leiden groß. Aber ihre Züge werden überhart angesichts des Verlusts von Angehörigen, und so erstarrt ihr Gesicht immer wieder auch zur Fratze, sei es, wenn sie sich die Alleinherrschaft in der Women’s Social and Political Union (WSPU) sichert, oder mehr noch, wenn sie, als Kriegs-Agitatorin zum Liebling des Establishment aufgestiegen ist, ganz im Gegensatz zu Sally.

Die tritt im Finale des Bandes heroisch überhöht als politische Rednerin auf dem Trafalgar Square auf. Und sie erfüllt dort genau das, was Rosa Luxemburg als „erste Pflicht gegenüber dem Vaterland in jener Stunde“ bezeichnet, nämlich „den wahren Hintergrund dieses imperialistischen Krieges, zu zeigen“ und „das Gewebe von patriotischen und diplomatischen Lügen zu zerreißen“. Emmeline Pankhurst hingegen überreicht dem Gefährten ihres ehemaligen Dienstmädchens die weiße Feder der Verräter und Feiglinge. „Das ist also aus dir geworden Sally Heatcote!“, lässt Talbot die Upper-Class-Revolutionärin in ihrem letzten Auftritt die einstige Mitstreiterin anfahren. „Eine dreckige Verräterin!“ Und: „Ich hätte dich im Arbeitshaus lassen sollen!“

Der alte Klassengegensatz ist wieder hergestellt. Danach ergreift eine Einheitsfront von proletarischen und bourgeoisen Männern Sally, reißt sie zu Boden und verprügelt sie. Der Orden der weißen Feder aber, dem Pankhurst mit ihrer Tochter Christabel beigetreten war, nutzt, so wird behauptet, ein Symbol, das aus der Kultur des Hahnenkampfs stammt.


Mary Talbot, Kate Charlesworth, Bryan Talbot, Votes For Women. Der Marsch der Suffragetten, aus d. Englischen von Johanna Wais, Egmont Graphic Novel, 192 S. 24,99