Der letzte Kreis der Hölle

Manchmal gibts das in den Künsten: Da taucht ein Werk auf – und ab dann ist plötzlich alles anders. Es lässt sich nicht mehr so malen, singen oder schreiben wie früher. Die Sprache der Kunst und der Welt haben sich geändert, sind neu geworden: So, wie es nach Dantes Göttlicher Komödie plötzlich Italienisch gab und moderne, also neuzeitliche Literatur.

Das ist nun auch im Comic passiert: Manu Larcenet schöpft in seiner Tetralogie „Blast“ das gesamte gestalterische Vokabular dieser Kunst aus. Er – das ist das Gegenteil von Eklektizismus – verwandelt es sich und seiner Erzählung an. Und es ist eine Höllenfahrt, auf die Larcenet seinen adipösen Protagonisten vor fünf Jahren mit dem ersten Teil, „Masse“, geschickt hatte, und die sich im nun vorgelegten vierten Band – „Hoffentlich irren sich die Buddhisten“ – vollendet: Polza Mancini heißt er. Er ist ein Aussteiger ohne jedes Hippie-Pathos: Mancini Mitte-Ende 30, verlässt sein bürgerliches Leben und wird Penner, als er sich am Bett seines sterbenden Vaters auf der Krebsstation wiederfindet. „Noch am selben Tag und zum ersten Mal in meinem Leben, kam der Blast über mich“, berichtet er.

Der Blast – das englische Wort bezeichnet den Druckeffekt, die Stoßwelle einer Explosion. Hier stehts für visionäre Zustände, die in die tiefschwarze Encre de Chine-Welt Mancinis als unschuldig farbenfrohe Kinderzeichnungen einbrechen. Und der erzählt davon zwei namenlosen Kommissaren im Verhör, in dem er seinen ganzen Trip neu durchlebt: Meisterhaft hält Larcenets von langen wortlosen Passagen geprägte Erzählweise in der Schwebe, ob hier ein Monster spricht. Oder, ob ihn bloß diese beiden scharf gezeichneten Bullen dazu machen, indem sie ihm eine Reihe Gewaltverbrechen unterschieben, acht Morde, aus Abneigung: „Weil… das ganze Fett, das der drauf hat,… das… widert mich an…“ sagt der eine von ihnen, als er Polza vor der ersten Begegnung durch den Türspion in der U-Haft-Zelle beobachtet. Im dritten Band, nach dem Verhör, wird der Kommissar dort, wie aus Versehen, eine Plastiktüte vergessen: „Eine fatale Panne“, nennt er das im letzten Band, „die einzig und allein ich zu verantworten habe…“ Punktpunktpunkt: Hinter den Wörtern ahnst du noch Gedanken.

Keine freundlichen: Für Güte und Versöhnung hat das Blast-Universum keinen, für Larcenets aus anderen Werken bekannten, grotesken Witz kaum Platz. Immerhin: Ein idyllisches Landschaftsgemälde des 2007 gestorbenen Typo-Designers Yvan Boul taucht auf. Und als Gast streut der neue „Astérix“-Zeichner Jean-Yves Ferri aka Milton Ferri wundervoll sarkastische Strips von „Jasper dem Bipolarbären“ ein. Aber alle Intermezzi des Glücks, der Liebe und der Zärtlichkeit bereiten stets nur die Bühne für neuen Schrecken: Im Band drei, „Augen zu und durch“ war Polza, dessen Name eine Kurzform der Sowjet-Losung Pomni Leninskije Zavety – gedenke der Lehren Lenins – ist, von den Brüdern Wladimir und Iljitsch gefoltert und vergewaltigt worden, nachdem er sie an seinem Lagerfeuer bewirtet hatte. Ihn danach warmherzig aufgenommen und seine Darmrisse verarztet haben Roland Oudinot, den er seit einem Psychiatrie-Aufenthalt kennt, und dessen Tochter Carole. Doch schon den Band hatte ein ganzseitiges, grandioses Porträt Mancinis im Stile eines Art-brut-Gemäldes beschlossen, Weinrot, Braun auf blassem Gelb. Rechts oben, winzig, ein weißes Carrée mit dem Geständnis, ja, er habe Rolands Leiche verbrannt, doch „ich habe ihn nicht umgebracht“ so Polza. „Das war Carole“.

Ein Nachtmahr auf Papier grinst diese Grimasse unheilvoll aus dem dritten Band heraus: Wenn es Erlösung von diesem Alb gibt, liegt sie darin, dass nun wirklich die Geschichte dieses Vatermords erzählt wird. Um diesen Abgrund zu erreichen lenkt Larcenet den Blick in die perverse Welt des barmherzigen Samariters Roland: Gemeinsam mit Polza schmökert er in der Comic-Zeitschrift „Fluide Glacial“ und verbringt sonst die Zeit damit pornografische Collagen mit Echtschamhaar auf Karopapier zu kleben. Aber ohne seine Pillen, ist Schluss mit harmlos. Und auch Mancini… Nicht zuviel verraten. Auch wenn klar ist, dass Polza den großen Heroin-Rausch, den er mit Carole nach der Tat gemeinsam unternimmt, nur ganz allein erlebt: Er erfährt ihn als ultimativen Blast, als Erfüllung, Extase – Paradies. Und fragt nach ihr noch – „Carole?“ – als ihn der Strudel einer lachend-roten Sonne längst verschlingt.


Manu Larcenet, Blast, aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock. Handlettering von Dirk Rehm.
I. Masse, 208 S.,
II. Die Apokalypse des Heiligen Jacky, 208 S.
III. Augen zu und durch, 208 S.
IV. Hoffentlich irren sich die Buddhisten, 208 S.,
Reprodukt, jeweils 29 Euro