„Man sieht nichts“

Frau Abirached, Ihr Buch „Ich erinnere mich“ schwingt zwischen kollektiven quasi globalen, andererseits sehr stark durch den libanesischen Bürgerkrieg geprägten – und schließlich sehr persönlichen, intimen Erinnerungen…

Zeina Abirached: Tatsächlich hatte ich erst vor, meine persönlichen Erinnerungen aufzuschreiben. Dabei habe ich aber festgestellt, wie wenig die sich vom kollektiven Gedächtnis oder den Bürgerkriegserfahrungen lösen lassen: Wenn während der gesamten Kindheit Krieg ist, stellen sich zwangsläufig Zusammenhänge zwischen dem persönlichen Erleben und Dingen her, die im Grunde alle Menschen betreffen.

Dafür haben Sie sich der literarischen Vorlage von Georges Perec bedient: Sie haben dessen Titel zitiert und auch die Struktur in Comic-Kunst transformiert, die letzte Seite macht die Referenz dann ganz explitzig. Wie kam das?

Ich interessiere mich schon seit langem für die Arbeiten der Oulipo-Gruppe, und vor allem für die Bücher von Georges Perec: Als ich – ich weiß nicht: zum zwölften Mal „Je me souviens“ las, bin ich an den letzten Seiten des Buchs hängen geblieben.

Die sind weiß.

Genau: Vier komplett weiße Seiten, ergänzt um die Anmerkung des Herausgebers, dass sie auf Wunsch des Autors leer bleiben sollen – um den Lesern zu ermöglichen, die eigenen „Ich erinnere mich-Sätze“ dort fetzuhalten, die das Buch in ihnen wach gerufen hätte. Damit habe ich angefangen – und dabei schnell gemerkt: Der Platz wird nicht reichen, und: dass es eine gute Idee wäre, meine Erinnerungen als Comic zu gestalten – als Hommage an dieses Buch. So hat die Geschichte angefangen.

Dabei gehen Sie von den persönlichen Erinnerungen aus – und landen mitunter bei weltpolitischen Ereignissen?

Das ist ja auch Perecs Vorgehensweise – er geht vom Winzigen aus um bei Universellem anzukommen. Außerdem schien es mir interessant mir selber ins Gedächtnis zu rufen, dass, während wir diesen Krieg durchlebt haben, der Rest der Welt sich beispielsweise durch Florence Griffith-Joyners Fingernägel bewegt fühlte.

Die waren aber auch sensationell!

Ja, die haben wir auch so wahrgenommen. Die gab es eben gleichzeitig. Genauso wie die Goldorak-Animes liefen.

Ah, Grendizer hießen die auf Deutsch. Nur bei Ihnen hat dann manchmal der Krieg den Fernseher ausgeschaltet: Der Krieg äußert sich bei Ihnen bewusst indirekt?

Ja. Ich gehe den Krieg in meinen Büchern – auch schon in Das Spiel der Schwalben – grundsätzlich nicht frontal an, sondern auf elliptische Weise.

Sie zeigen nicht, wie einst Goya, die Schrecken des Krieges?

Genau. Ich zeige nicht das Grauen und ich zeichne nicht den Krieg: Der Krieg bleibt jenseits des Rahmens, im Off. Ich streiche um ihn herum, indem ich auf die kleinen Dinge des täglichen Lebens schaue, an denen man spürt: Der Krieg ist überall. Zum Beispiel wenn der kleine Junge beim Spazierengehen Granatsplitter sammelt, oder eben wenn beim Fernsehen der Strom ausgeht.

Er ist also nicht verdrängt?

Nein, aber wahr ist: In „Ich erinnere mich“ bearbeite ich auch, was aus dem Gedächtnis gefallen ist.

Ich erinnere mich nicht an den letzten Tag des Krieges“ heißt es an einer Stelle…

Ja, und zuvor gibt es die komplett schwarzen Seiten, und dann die ganz zartweißen Zeichnungen in weiß auf schwarz,

…mit einer Ritztechnik.

Und erst danach geht die Erzählung weiter: Mich interessiert nicht den Krieg so zu zeigen, wie man ihn im Fernsehen präsentiert bekommt, in Bildern, an die wir uns längst gewöhnt haben. Ich brauchte eine andere Art, um ihn zu erzählen, eine eher empfindsame als informative Form.

Sie lässt auch Raum lässt für sehr witzige Anspielungen: Das Tim und Struppi-Zitat in „Das Spiel der Schwalben“, oder dass Sie „Ich erinnere mich“ damit anfangen lassen, dass die Mutter ihren Kindern aus einem Farblernbuch vorliest – in einem schwarz-weiß-Comic: Sind das Hinweise auf die Doppelsinnigkeit, das Abgründige des scheinbar Harmlosen?

Ich glaube, dass das zusammengehört: Ich weiß nicht ob Sie sich an die Szene in Das Spiel der Schwalben erinnern, wo der Vater von Chucri kontrolliert wird. Er ist ja Taxifahrer, und wird angehalten,…

…und er kommt aus der Kontrolle nicht heraus, ja. Die Szene lässt sich nicht vergessen.

Das ist ja eine völlig unerträgliche Szene. Und deswegen habe ich sie auch nicht gezeichnet. Man sieht nichts,

…nur den Text.

Genau. Es wäre unmöglich gewesen, das zu zeichnen. Es ist ja, wie jemandem zuzusehen, der zum Tode verurteilt ist. Deshalb ich mich dort entschieden, nur über Geräusche zu erzählen. Man hört das Gespräch und ein Click, und die Leser sind es, die entscheiden müssen, ist es eine Waffe, die entsichert wird, oder ist das die Tür des Autos.

Wir sind im Westen, in Europa gewohnt, den Nahen Osten vor allem als Ort der Religionskonflikte wahrzunehmen,

Ja, das nervt. Das ist eine ganz schreckliche Verengung des Blicks.

Immerhin war aber auch der Libanon-Krieg war religiös motiviert. Dadurch fällt auf, dass Religion bei Ihnen explizit so gut wie gar nicht vorkommt, abgesehen vielleicht von dem großen Wandteppich…

…das ist eine Szene aus dem Alten Testament, da können natürlich viele Religionen mit gemeint sein! Den gab es natürlich wirklich, und für mich war der weniger als religiöses Symbol wichtig, sondern weil darauf die Flucht der Hebräer aus Ägypten dargestellt ist.

Eben. Man ist da an der Wurzel der drei abrahamitischen Religionen – die in Wirklichkeit konfligieren. und dann kommt die Relition noch bei der Hochzeit vor. Aber eine wichtige Rolle spielt sie eben nicht?

Religion war im Bürgerkrieg wichtig, das stimmt schon: Die Religion und die Territorialität, also die Zugehörigkeit zu den bestimmten Stadtvierteln, West- und Ost-Beiruth hingen ja eng zusammen. Und das hatte natürlich für die persönliche Sicherheit Bedeutung. Denn bei den Barrikaden hing das Leben davon ab, zu wissen, ob es gute oder schlechte Barrikaden waren. Meine religiöse Erziehung war aber nie eine der Abgrenzung. Das gab es für mich nicht – und das findet sich auch so in meinem Buch wider. Bei der Hochzeit ist es so, dass die in der Kirche stattfindet, aber das hat keine tiefere Bedeutung.

Die Religion ist Ihnen egal?

Für meinen Comic, ja. Man erfährt bei meinen Figuren nicht, woher sie kommen, ob sie aus einer christlichen oder muslimischen Familie stammen. Ich finde das nicht wichtig. Mir ging es um die menschliche Erfahrung, eine Erfahrung in der sich jemand, der einen anderen Krieg in einem anderen Land erlebt hat, wiedererkennen kann.


 

Zeina Abirached: Das Spiel der Schwalben. Aus dem Französischen von Paula Bulling,  182 S., s/w, 19,95 Euro, avant-verlag
Zeina Abirached: Ich erinnere mich. Aus dem Französischen von Paula Bulling. 96 S., s/w, 14,95 Euro, avant-verlag
Zeina Abirached: Le Piano Oriental, 212 S., s/w, 22 Euro, Casterman (als e-book 14,95 Euro)