Heimeliges im All

Eine einsame Gestalt in futuristischer Kleidung blickt in eine unwirtliche Landschaft, die nicht Teil dieser Welt ist. An einer zerklüfteten Felsformation kleben Gebäude, die aus der Ferne an Insektenbauten erinnern. Und doch liegt in der Fremdartigkeit etwas Einladendes und Vertrautes: die in Motiven bewahrte Science-Fiction-Tradition des vergangenen Jahrhunderts.

Die Ausstellung „Nerd Werk“ der Bremer Künstlerin Miriam Esdohr ist eine Fundgrube solcher Erinnerungen an Nie-Gewesenes. Auf den derzeit im Martinsclub ausgestellten Acrylgemälden ist kaum Szenisches zu sehen, aber aus Erfahrung weiß der Betrachter, dass ein Abenteuer unmittelbar bevorsteht. Denn kein Film und erst recht kein Computerspiel entwirft fremde Planeten um ihrer selbst Willen.

Man zeigt sie ein bisschen herum,und lässt sie wirken – aber dann folgt unweigerlich der Zoom auf Action oder irgendeine Monstrosität stapft vom Bildrand ins Panorama. Die lustvolle Spekulation, was im nächsten Moment passieren könnte, gibt den Bildern ihre Kraft.

Über solche möglichen Geschichten denkt auch Esdohr nach, ohne sie konkret auszuformulieren: in der Frage etwa, welche Bilder das gleiche Universum zeigen könnten. Als würde sie ihre eigenen Bilder selbst erst entdecken, sucht sie nach Gemeinsamkeiten in Bildsprache und Atmosphäre.

Dabei arbeitet sie an anderer Stelle auch mit dem Medium Text: Anfang des Jahres ist ihr Comic „Iakes“ erschienen, ein Krimi, der im Jenseits spielt. Aber auch hier steht das Setting mit seinen magischen Naturgesetzen im Mittelpunkt – Paradoxien, die dann in einer klassischen Detektivgeschichte zu sich kommen. Ein Serienmörder geht im Jenseits um und tötet seine weiblichen Opfer zum zweiten Mal.

Obwohl die Geschichte in einer phantastischen Gegenwelt spielt, springen sofort die realistisch-technischen Darstellungen ins Auge. Die Architektur der Gebäude ist genauestens konstruiert, die Zeichnungen von Maschinen, Zügen und Autos voller technischer Details.

Auch darum ist „Iakes“ stilistisch schwer zu fassen. Die Verbindung westlicher Comictradition mit Stilelementen von Mangas unterläuft Genrebestimmungen. Ihre Figuren, deren Portraits auch in der Ausstellung hängen, sind lebensnah gezeichnet – ohne Kulleraugen oder verbildlichte Gefühlszustände. In der Comicszene, wo hitzige Genrediskussionen das Tagesgeschäft prägen, ist das nicht unerheblich, auch wenn man sich auf dem Markt heute mit dem Label „Graphic Novel“ aus der Affäre ziehen kann.

Esdohr ist in einer Szene tätig, mit der sie persönlich erstaunlich wenig verbindet. Sie ist in Bremen geboren und direkt nach ihrem Grafik-Studium in Hamburg zurückgekommen in eine Stadt, die wahrlich kein bedeutender Standort der Szene ist. Sie sucht hier ihre eigenen Zugänge zum Themenkomplex – reproduziert zwar auch Genrefiguren als „Fanart“, ist aber nur selten auf den einschlägigen Conventions anzutreffen.

Diese Eigenwilligkeit hat die Nerds, die der Ausstellung ihren Titel geben, früher einmal ausgemacht. Doch seit sich der einstig belächelte Sozialcharakter zur durchaus angesagten Subkultur gemausert hat und ihr Repertoire mehr verwaltet denn gestaltet, sind KünstlerInnen wie Miriam Esdohr eine Seltenheit.

Die Ausstellung ist überschaubar. Nur vier großformatige Gemälde, die Portraits und einige Skizzen hängen in den Räumen – fast alle stammen aus diesem Jahr. Und trotzdem bieten sie einen sehenswerten Einblick in fremde Lebenswelten: auf anderen Planeten und in ein subkulturelles Umfeld, das anderswo oft im Klischee erstarrt.


Ausstellung bis 24. August, Nahbei, Findorffstraße 108

Miriam Esdohr: Iakes, Comic-Culture-Verlag, 2014

Jan-Paul Koopmann

Autor: Jan-Paul Koopmann

ist Redakteur der taz.bremen, schreibt über Comics aber auch anderswo: Auf Spiegel Online zum Beispiel, bei Beatpunk.org und für die Kreiszeitung(.de).